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Lebt derzeit in Alt-Sindlingen, ist aber mit Zeilsheim verwachsen: Kevin Bornath. Er engagiert sich in der CDU, weil er nicht nur gegen etwas sein, sondern mitgestalten möchte.

Interview

Kevin Bornath spricht über die Zukunft von Traditionsfesten

In Zeilsheim sind jedes Jahr weniger Vereine beim Froschbrunnenfest vertreten, die Sindlinger verkleinerten dieses Jahr ihr Ranzenbrunnenfest auch räumlich. Das Altstadtfest in Höchst hat weniger Probleme, aber das deshalb, weil Vereine aus anderen Stadtteilen mitmachen und es wirtschaftlich interessant ist. Die kleineren Traditionsfeste aber bluten aus. Warum? Unser Redakteur Holger Vonhof hat sich mit Kevin Bornath unterhalten. Er ist im Vereinsring Zeilsheim aktiv – und als Jungunternehmer professionell auf Festen vertreten.

In Zeilsheim sind jedes Jahr weniger Vereine beim Froschbrunnenfest vertreten, die Sindlinger verkleinerten dieses Jahr ihr Ranzenbrunnenfest auch räumlich. Das Altstadtfest in Höchst hat weniger Probleme, aber das deshalb, weil Vereine aus anderen Stadtteilen mitmachen und es wirtschaftlich interessant ist. Die kleineren Traditionsfeste aber bluten aus. Warum? Unser Redakteur Holger Vonhof hat sich mit Kevin Bornath unterhalten. Er ist im Vereinsring Zeilsheim aktiv – und als Jungunternehmer professionell auf Festen vertreten.

Herr Bornath, wie steht’s in Zeilsheim um das ehrenamtliche Engagement? Etwa beim Froschbrunnenfest?

KEVIN BORNATH: Das Froschbrunnenfest wird traditionell durch den Vereinsring und von den Vereinen ausgerichtet. Wie es bei solchen Stadtteilfesten üblich ist, steckt eine unbezifferbare Menge an ehrenamtlichem Engagement dahinter, damit eine Handvoll Vereine für das leibliche Wohl der Besucher sorgen können und jedes Jahr auf ein Neues eine Bühne mit Live-Musik bestückt werden kann.

Klappt das immer?

BORNATH: In jedem Jahr kämpfen die Vereine darum, ihre Stände zu besetzen und die Teilnahme am Fest aufrechtzuerhalten. Dabei sind sie sowohl mit dem demografischen Wandel als auch mit mangelnder Einsatzbereitschaft der eigenen Mitglieder konfrontiert. Während Lösungen für ersteres Problem in ferner Zukunft liegen, kann man sich fragen, was Ursachen für zweites sein könnten.

Wie geht’s weiter?

BORNATH: Es wird bereits fleißig darüber spekuliert, ob das Froschbrunnenfest im Zuge der 1225-Jahrfeier 2019 zum letzten Mal stattfindet, weil den Vereinen die Kraft ausgeht. Mir liegt viel an der Bewahrung solcher Traditionen, da sie zu einem nicht unbedeutenden Teil zum gemeinschaftlichen Zusammenhalt und somit zur Lebensqualität beitragen. Dabei ist Zeilsheim hier nur exemplarisch zu verstehen.

Wodurch schwindet die Kraft? Woran liegt das?

BORNATH: Das Hauptproblem, unter dem das Ehrenamt leidet, ist die mangelnde Wertschätzung des erbrachten Einsatzes. Wertschätzung hat dabei viele Formen und besteht aus mehr als dem bloßen „Danke für’s Helfen“ am Ende eines Standdienstes. Eine wichtige Form von Wertschätzung von Arbeit spielt sich nämlich auf der finanziellen Ebene ab. Denn an der Bereitschaft, einen Preis zu zahlen, hängt eine Kette von Mechanismen, welche mit ideeller sowie materieller Wertschätzung in Zusammenhang stehen. So hat das Anbieten von Waren eine materielle Komponente – das, was die Wurst kostet – und eine ideelle, welche wertschätzt, dass jemand etwas an einem bestimmten Ort zu einer bestimmten Zeit anbietet.

Also gibt es einen Denkfehler bei den Vereinen?

BORNATH: Es beginnt mit den viel zu günstigen Preisen, welche die Vereine für ihre Waren aufrufen – vermutlich aus „Angst vor dem Preis“ und dessen Ablehnung. Das Problem mit dem Preis sehe ich – als jemand, der selbst kaufmännisch tätig ist – darin, dass mit den günstigen Preisen vor allem das Arbeitsklima verdorben wird. Es stellt sich die berechtigte Frage, für was man überhaupt die Arbeit auf sich nimmt, einen Grill aufzubauen und Wurst zu verkaufen. Zu günstige Preise führen dazu, dass die Marge gering und das Risiko hoch ausfällt. Sollte es – wie dieses Jahr beim Froschbrunnenfest – regnen, kann ein Verein schnell herbe finanzielle Einbußen erfahren.

Und der Einsatz lohnt sich nicht.

BORNATH: Die Beteiligung mit einem Stand sollte dazu führen, dass zum einen ein wenig Geld in die Vereinskassen gespült wird – um vielleicht neue Projekte schneller realisieren zu können –, und zum anderen – und das ist aus meiner Sicht der wichtigere Punkt – sollte die Teilnahme das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb des Vereins stärken und Spaß bereiten. Spaß kann aber nur dort entstehen, wo das Umfeld entsprechend locker und entspannt ist. Locker und entspannt wird das Unterfangen an dem Punkt, an dem man weiß, dass sich der Einsatz lohnt. Bei einer 2,50-Euro-Bratwurst werden aber eben viele Dinge vergessen: Dass die Wurst vom Metzger fast einen Euro kostet, dass der Pappteller, der Senf, die Holzkohle, das Brötchen auch nicht gratis sind, dass es ein Risiko gibt, nicht alles zu verkaufen und die eigenen Mitglieder nach getaner Arbeit vielleicht auch noch ein Glas Limo und eine Wurst verdient haben. Letzteres ist übrigens auch Teil der Wertschätzungskette.

Also die Preise erhöhen?

BORNATH: Was viele Vereine vergessen, wenn sie Jahr für Jahr für das untere Preislimit von 2,50 Euro plädieren, ist, dass von außerhalb niemand diesen „subventionierten“ Preis wertzuschätzen weiß. Ist die Wurst günstig, ist es in Ordnung, kostet sie 50 Cent mehr, würde es vermutlich auch niemanden davon abhalten, das Fest zu besuchen und die gleiche Wurst zu essen. Der Unterschied zeigt sich aber bei der Abrechnung.

Daraus folgt Ihrer Meinung nach was?

BORNATH: Die mangelnde Wertschätzung für die erbrachte Arbeit und innerhalb der Vereine führt dazu, dass viele sich auf die „Konsumentenseite“ begeben, anstatt sich aktiv am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Fehlt es an Anerkennung, scheint es für viele verlockend zu sein, die Vereine als Dienstleister zu sehen. So könnte erklärt werden, warum etwa das Froschbrunnenfest trotz starken Regens gut besucht gewesen ist, aber jedes Jahr ein weiterer Verein kapituliert. Ein ähnliches Phänomen lässt sich übrigens bei Sportvereinen feststellen, welche zwar wachsende Mitgliederzahlen vorweisen können, aber mit immer weniger Aktiven das Vereinsleben stemmen müssen.

Wo führt das hin?

BORNATH: Viele bedenken nicht, dass es mit dem Vereinsleben ist wie mit den Bienen: Wenn sie erst einmal ausgestorben sind, ist das Geschrei groß. Wenn sich nicht mehr genügend Vereine finden, um das Froschbrunnenfest durchzuführen, wird es unglaublich schwierig, das Fest irgendwann wiederzubeleben. Und ob es wünschenswert ist, überwiegend mit professionellen Schaustellern zu arbeiten, wie dies andernorts geschieht, halte ich dabei für genauso fraglich. Die Vereine leisten einen wichtigen Bestandteil zu unserem gesellschaftlichen Leben, sie sind – wenn sie gesund und vital sind – Schmelztöpfe für Menschen unterschiedlicher gesellschaftlicher Schichten, Herkünfte und Altersgruppen. Hier kommt man zusammen, weil man etwas teilen möchte: beispielsweise die Liebe zum Sport, zur Musik oder zur Tierzucht. Dabei ist es im Grunde egal, wo man herkommt, die gemeinschaftliche Sache zählt, genauso wie die gemeinsamen Projekte, welche Identität stiften. Das sind alles schützenswerte Dinge und – anders als es leider bei den Bienen der Fall ist – das Gute ist, dass es ein jeder von uns in der Hand hat, etwas dagegen zu unternehmen, dass die Vereine irgendwann aussterben.

Muss das so kommen?

BORNATH: Natürlich bedeutet es oftmals harte Arbeit, sich in einem Verein zurecht zu finden – es kommen ja Menschen zusammen, die ganz unterschiedliche Hintergründe haben –, und man kämpft oft gegen Windmühlen und festgefahrene Verfahrensweisen, weil das „schon immer“ so gemacht wurde. Aber härtet das nicht für das „wirkliche“ Leben ab? Kompromisse müssen wir im Grunde jeden Tag eingehen: auf der Arbeit, in der Familie, mit Freunden – aber ich habe immer öfter das Gefühl, dass sich die Kompromissbereitschaft in der gesamten Gesellschaft auf einem Tiefpunkt befindet. Das zeigt sich auch immer öfter auf dem politischen Parkett.

Was ist also Ihr Fazit?

BORNATH: Leute, engagiert Euch! Es ist wichtiger denn je, sich in Gemeinschaften einzubringen, da unsere Gesellschaft Gefahr läuft auseinanderzudriften. Vereine sind ein wichtiges Bindeglied. Tretet in Vereine ein und macht Euch stark für ein Klima der Wertschätzung, wo Jahre von Frustration den Blick fürs Wesentliche getrübt haben. Natürlich ist es einfacher, sich zu beschweren, als selbst etwas zu bewegen. Aber wer für nichts steht, steht zugleich für alles – und in diesem Fall steht man eben auch für die Gleichgültigkeit gegenüber dem Vereinssterben und dem der Feste.

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