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Günter Jung und Guido Neumann vom Oberräder Heimat- und Geschichtsverein zeigen historische landwirtschaftliche Geräte.

Geschichte

Kräuteranbau: Als die Oberräder zu Gärtnern wurden

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Mit der Ausstellung "Die Oberräder Gärtner im Wandel der Zeit" zeigt der Heimat- und Geschichtsverein, wie sich das für den Stadtteil so wichtige Handwerk über Jahrhunderte zu behaupten sucht.

Sechs Generationen lang gehörte die Familie von Günter Jung zu den wichtigen Oberräder Gärtnerbetrieben in Oberrad. „Ich kann die Geschicke bis ins Jahr 1846 zurückverfolgen“, sagt Günter Jung, Mitgründer und Beisitzer im Oberräder Heimat- und Geschichtsverein. Die schwere Arbeit mit Hacke, Sense und Rechen, den Bau der ersten Gewächshäuser, die Einführung der ersten Fräsmaschinen und Motorhacken – all das haben seine Vorfahren miterlebt.

„Erst durch die Flurbereinigung ab den 1950er Jahren entstanden die großen Flächen, um den motorisierten Einachspflug zum Wenden des Bodens einzusetzen“, erklärt Jung. Mit seinen Kollegen hat er einen ganzen Museumsraum mit Fahrzeugen der 1950er Jahren und historischen Geräten wie der „Roathack“ eingerichtet, einer in Oberrad verbreiteten Hacke für schwere Rodungsarbeiten im Boden. Zusammen mit über 200 Fotografien zeigen sie zur morgigen Ausstellungseröffnung um 14 Uhr, wie sich der Anbau von Obst, Gemüse und natürlich den sieben Kräutern der Frankfurter Grünen Soße im Gärtnerdorf gewandelt hat.

„Wobei man deutlich feststellen muss, dass die Frauen in den Gärtnereien früher mehr und schwerer geschafft haben als die Männer“, räumt Jung ein und verweist auf die „Gätweiber“, wie die Unkraut jätenden Frauen in Oberrad hießen, oder die Gärtnerin Katharina Dedecke, die um 1900 ihre Ernte noch in einem schweren Sack als „Bindel uffem Kopp“ balancierte.

Die Fotoausstellung gliedert sich in thematische Schwerpunkte wie „Vermarktung“, „Bodenbearbeitung“, „Erntetransport“ oder „Wasserversorgung“ und zeigt Meilensteine wie den Einsatz der ersten Stoßkarren mit Zughunden, die ersten modernen Gewächshäuser in der Tellersiedlung und die Einweihung der Großmarkthalle, zu der die Oberräder 1928 extra ein Boot gebaut hatten. Weitere Themen sind die Gärtnervereinigungen sowie die Teilnahme am Erntedankfest und den Kerbumzügen.

Schließlich nennt eine Liste die Stammväter von rund 90 im Jahr 1897 genannten Gärtnerfamilien. „Die ersten Oberräder Gärtner werden schon im Jahr 1626 urkundlich erwähnt“, berichtet der erste Vorsitzende des Heimat- und Geschichtsvereins Guido Naumann. Wie Oberroden und Niederrad leitet sich auch der Ortsname Oberrad von Rodungen im Wald ab. Der Main bringt fruchtbares Schwemmland, doch Jahrhunderte lang dominieren zunächst die Viehwirtschaft und der Weinbau, der im 19. Jahrhundert unrentabel wird und den Übergang zum großangelegten Gartenbau für den wachsenden Obst- und Gemüsebedarf der Frankfurter einleitet.

„Wie die meisten Familien bewirtschafteten auch meine Vorfahren mehrere Flächen nördlich und südlich des Orts“, sagt Jung. In Norden wurden in Mainnähe Erbsen, Bohnen, Karotten sowie zahlreiche Salat- und Kräuterpflanzen angebaut, der südliche sandige Boden in Stadtwaldnähe eignete sich für Kirschen, Beeren und natürlich Äpfel für den Ebbelwei. Verkauft wurde am Römer und Börneplatz. Mit dem Bau der Großmarkthalle sowie Wohn- und Gewächshäusern im Teller schufen der Architekt Martin Elsaesser und Stadtplaner Ernst May neue Verkaufs- und Anbaufläche für Aussiedlerhöfe.

Erforderte der Kinderreichtum der Oberräder Familien lange Zeit eine immer kleinteiligere Parzellierung, so brachte die Flurbereinigung ab 1955 auch hier die Wende, um größere Flächen modern zu bewirtschaften. In der Gärtnervereinigung Frankfurt-Oberrad kämpften die Gärtner für stabile Preise und gegen den Verlust ihrer Grundstücke durch die S-Bahn, die deshalb im Tunnel geführt wird. Von einst zehn Quellen zur Bewässerung fließt heute nur noch die an der Gräfendeichstraße, dieses Frühjahr war die Überschwemmung der Entwässerungsgräben ein Problem.

Jung ist skeptisch, ob angesichts der aktuellen Preis- und Umweltpolitik der Oberräder Gartenbau rentabel bleibt. Den Klimawandel sieht der 83-Jährige weniger dramatisch, da er Wetterextreme auch in früheren Jahrzehnten erlebt habe. Er selbst schloss seinen Betrieb 1976 und hat Verständnis für seine Tochter, die in der Fotobranche arbeitet. „Einen Tagesablauf von drei Uhr morgens in der Großmarkthalle bis um zehn Uhr abends in der Gärtnerei wollte sie sich nicht mehr antun.“

Die Ausstellung ist mindestens bis zum 11. November jeweils sonntags von 14 bis 17 Uhr in der Wiener Straße 120-122 zu besichtigen. Sonderführungen sind auf Anfrage unter Telefon 65 78 72 möglich.

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