Kirchenvorstandswahl im Dekanat Dreieich

Eine Aufgabe mit viel Verantwortung

Pfarrer Reinhard Zincke ist seit 2006 Dekan im Dekanat Dreieich. Zu diesem gehören rund 33 000 Mitglieder und 23 Pfarrer, die ihn als Ansprechpartner haben. FNP-Mitarbeiterin Nicole Jost hat sich mit Reinhard Zincke über die Kirchenvorstandswahl unterhalten, zu der am Sonntag, 26. April, rund 25 000 Wahlberechtigte aufgerufen sind. Im Dekanat bewerben sich 179 Kandidaten in 12 Kirchengemeinden um 133 Plätze. Mit dem Slogan „aufkreuzen und ankreuzen“ wirbt die evangelische Kirche derzeit verstärkt für den Gang an die Wahlurnen in den Gemeinden.

Herr Zincke, was sind die Aufgaben eines Kirchenvorstands, welche Entscheidungen darf der Kirchenvorstand treffen, wofür ist er zuständig?

REINHARD ZINCKE: Der Kirchenvorstand ist das Leitungsorgan einer Gemeinde. Er ist zuständig für die Fragen der Finanzen, von Bau, Diakonie und Kirchenmusik. Es sollte so sein, dass der Kirchenvorstand gemeinsam mit dem Pfarrer die Gemeinde und das Gemeindeleben weiterentwickelt. Das Gremium ist darum auch in besonderem Maße für die Gestaltung der Gottesdienste und des kirchlichen Lebens mit seinen vielfältigen Gruppen und Aktivitäten verantwortlich. Er hat darauf zu achten, dass die unterschiedlichen Formen von Seelsorge angeboten werden und Kinder, Jugendliche und Erwachsene in ihren Fragen nach Sinn und Ziel ihres Lebens begleitet werden. Besonderes Kopfzerbrechen bereitet oftmals die Unterhaltung der Kirchen und Gebäude. Letztlich hat der Kirchenvorstand sogar das Kanzelrecht. Es ist eine vielseitige Aufgabe mit hoher Verantwortung, welche die Wähler ihren Kirchenvorständen in der Gemeinde übertragen.

Wie oft wird der Kirchenvorstand neu gewählt?

ZINCKE: Der Kirchenvorstand wird immer für sechs Jahre gewählt. Das ist manchmal ein bisschen problematisch, weil es doch eine ziemlich lange Zeit ist, auf welche sich die Leute festlegen müssen.

Wovon ist die Zahl der Mitglieder des Vorstands abhängig?

ZINCKE: Das ist abhängig von der Anzahl der Gemeindemitglieder. Gemeinden bis zu 2000 Mitglieder haben zehn Kirchenvorstandsmitglieder, größere Gemeinden entsprechend mehr, und so staffelt es sich dann nach oben.

Ist es schwierig, engagierte Menschen für den Kirchenvorstand zu gewinnen?

ZINCKE: Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt Gemeinden, in denen ist es wirklich schwierig, Menschen zu finden, die bereit sind, sich auf sechs Jahre festzulegen. Früher war das einfacher, da gab es Gemeindemitglieder, die 30 Jahre lang im Kirchenvorstand waren. Das ist heute nicht mehr so üblich, die Fluktuation nimmt zu. Aber wir haben auch andere Beispiele. In Egelsbach war es gar kein Problem, Kandidaten zu finden, dort wurde die Anzahl der Kandidaten heraufgesetzt. In anderen Gemeinden wiederum wurde sie reduziert. Dabei haben wir auch einen gewissen Spielraum in den Richtlinien, bis zu ein Drittel nach oben oder nach unten sind erlaubt. Sich einer solchen Persönlichkeitswahl zu stellen, ist schon ein besonderer Schritt: Die Kandidaten bekennen sich mit ihrer Person ganz öffentlich für ihr Engagement zur Kirche, zur Arbeit in der Gemeinde. Das ist heutzutage nicht mehr unbedingt „Mainstream“. Und wenn es dann bei einer solchen Wahl zu einer Niederlage kommt, gibt es durchaus Enttäuschung und die Menschen sind traurig. Es ist auch schon vorgekommen, dass sich Menschen nach einer solchen verlorenen Wahl von ihrer Gemeinde abgewendet haben.

Wer darf in den Kirchenvorstand gewählt werden?

ZINCKE: Jedes Kirchenmitglied über 18 Jahre kann sich zur Wahl aufstellen lassen. Seit jüngster Zeit gibt es auch Jugenddelegierte, die gewählt werden können. Sie müssen mindestens 14 Jahre alt sein, haben allerdings nur eine beratende Stimme. Mit ihrem 18. Geburtstag werden sie allerdings als vollwertige Mitglieder in den Kirchenvorstand aufgenommen.

Sind es im Durchschnitt mehr Männer oder mehr Frauen, die sich für den Vorstand bewerben?

ZINCKE: Im Durchschnitt dürften es ein bisschen mehr Frauen sein, aber in einigen Kirchenvorständen ist das Verhältnis Männer-Frauen auch ganz ausgeglichen

Was sind die Anreize, sich im Kirchenvorstand zu engagieren?

ZINCKE: Die Kirchenvorstandsmitglieder können Kirche und das Leben in ihrer Gemeinde mitgestalten. Die meisten, die sich zur Wahl aufstellen lassen, haben schon eine gewisse Bindung zu ihrer Gemeinde. Sie singen im Chor, sind Mitglied im Frauenkreis oder in der Krabbelgruppe. Diese Menschen haben auch ein gewisses Interesse, eine Gemeinde mitzubestimmen und mitzugestalten, und wie schon gesagt: Der Kirchenvorstand ist das Leitungsgremium der Gemeinde. Das ist nicht der Pfarrer, sondern der Kirchenvorstand.

Zählt die Stimme des Pfarrers in dem Gremium mehr?

ZINCKE: Nein, der Pfarrer hat nur eine Stimme im Kirchenvorstand, er ist ein normales Mitglied und bei Entscheidungen hat jedes Mitglied die gleiche Wertigkeit der Stimme.

Wie viel Zeitaufwand ist ungefähr nötig, wenn man in dem Gremium mitarbeitet?

Das ist sehr unterschiedlich, je nachdem, wie ein Kirchenvorsteher sein Amt ausübt. In der Regel haben wir einmal im Monat eine Kirchenvorstandssitzung, aber es gibt auch verschiedene Ausschüsse, in denen sich die Mitglieder engagieren. In manchen Gemeinden übernehmen Kirchenvorstandsmitglieder Küsterdienste, sind für die Kollektendienste im Gottesdienst eingeteilt oder sie gestalten Lesungen im Gottesdienst. Ich kenne in unserem Dekanat ehrenamtliche Vorsitzende, die 20 Stunden in der Woche in ihrer Gemeinde arbeiten. Das ist sehr individuell und auch davon abhängig, wie viel Zeit man hat, sich einzubringen. Es gibt viele Dinge zu verwalten und zu steuern, eine ganz spannende Aufgabe.

Wie erklären Sie sich die bisherige geringe Wahlbeteiligung?

ZINCKE: Wir haben in den vergangenen 20 Jahren relativ konstant eine Wahlbeteiligung von rund 20 Prozent. Dass es so niedrig ist, liegt sicher auch an der Persönlichkeitswahl. Es hat etwas mit Beziehungen zu tun: Wer ein aktives Mitglied in der Gemeinde ist, kennt die Leute, hat auch ein Interesse daran, wer künftig Verantwortung übernimmt, und geht sehr wahrscheinlich auch zur Wahl. Wenn man etwas mehr Distanz zur Kirche hat, sich nicht aktiv am Gemeindeleben beteiligt, kennt man die agierenden Menschen nicht und damit schwindet auch leider das Interesse an der Kirchenvorstandswahl.

Wie wollen Se dies bei der Wahl am 26. April ändern?

ZINCKE: Einige Gemeinden machen allgemeine Briefwahl, das bedeutet, sie schicken an alle Mitglieder die Briefwahlunterlagen heraus und die Mitglieder können sie zurückschicken. Das hat vor sechs Jahren in einer Gemeinde zu einer Wahlbeteiligung von 33 Prozent geführt. Es ist allerdings mit hohen Kosten verbunden. Aber natürlich kann jeder Briefwahlunterlagen anfordern. Ansonsten gab es eine Vorstellungsrunde in den jeweiligen Gemeindeversammlungen im Januar, in den Gemeindebriefen waren die Kandidaten mit Steckbriefen und Fotos beschrieben. Dazu gab es Infomaterial per Post, und die großen Banner an den Kirchen werben auch für die Kirchenvorstandswahlen am 26. April. Ich hoffe, das zeigt eine positive Wirkung.

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