Kurt Hohmann hält sich gerne am Landungsplatz in Rüsselsheim auf. Dort hat der ehrenamtliche Ombudsmann in Corona-Zeiten auch schon das eine oder andere Gespräch mit Betroffenen geführt. Foto: Rüdiger Koslowski
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Kurt Hohmann hält sich gerne am Landungsplatz in Rüsselsheim auf. Dort hat der ehrenamtliche Ombudsmann in Corona-Zeiten auch schon das eine oder andere Gespräch mit Betroffenen geführt.

Porträt

Ein Fürsprecher in schwierigen Situationen

Kurt Hohmann hilft Menschen bei Fragen rund ums Sozialgesetzbuch

Kurt Hohmann sitzt entspannt auf einer Bank am Landungsplatz in Rüsselsheim. Ein junger Mann schlendert vorbei und grüßt freundlich. Spontan beginnt ein Gespräch. Er habe einen neuen Arbeitsplatz gefunden, ihm gehe es sehr gut, erzählt der junge Mann. Er berichtet kurz von Diskrepanzen mit seinem alten Arbeitgeber. Dies könnte ein gelungenes Beispiel für Hohmanns Aufgabe als Ombudsmann für Sozialleistungen sein. Ist es aber nicht, denn der junge Mann ist ein ehemaliger Konfirmand des Dekans außer Dienst und Pfarrers im Ruhestand.

Hohmann ist seit März vergangenen Jahres Ombudsmann im Kreis Groß-Gerau, feierte unlängst seine einjährige Dienstzeit in diesem Amt. Was ist ein Ombudsmann? Jemand, der die Rechte der Bürger gegenüber den Behörden wahrnimmt. In Hohmanns Worten: "ein Fürsprecher der Betroffenen", durchaus auch ein Mittler. Vorgeschlagen hatten diese Stelle die Linken im Kreistag. Zu dem Zeitpunkt gab es zwar bereits eine beim Kreis angesiedelte Beschwerdestelle, die Linken wollten jedoch eine unabhängige, ehrenamtliche Anlaufstelle eingerichtet wissen.

Beschäftigung im Ruhestand

Die Liga der Freien Wohlfahrtspflege habe das Vorschlagsrecht für die Besetzung gehabt und seinen Namen genannt, berichtet Hohmann, der 31 Jahre lang Pfarrer und 16 Jahre Dekan war. In letzterer Funktion arbeitete er eng mit der Diakonie zusammen und stand so auch in Kontakt mit der Wohlfahrtspflege, berichtet Hohmann.

"Der Ruhestand war unheimlich langweilig", sagt er und lacht. Im Ernst: Hohmann ist auch im Arbeitskreis Asyl tätig, da sehe er durchaus eine Verknüpfung der beiden ehrenamtlichen Tätigkeiten. Denn in seinem Groß-Gerauer Büro an der Frankfurter Straße 74 ist er Ansprechpartner für Menschen, die vom Kommunalen Jobcenter Groß-Gerau, der Kinder- und Jugendhilfe, dem Sozialamt oder auch nach dem Asylbewerberleistungsgesetz finanzielle Unterstützung beziehen oder beantragt haben.

Die Betroffenen suchen ihn auf, weil beispielsweise wegen fehlender Unterlagen kein Weiterkommen mit der zuständigen Behörde möglich ist, weil Anträge nicht rechtzeitig eingereicht, Termine nicht eingehalten wurden oder auch, weil sich eingeleitete Maßnahmen in der Praxis nicht als sinnvoll entpuppten. Ein Beispiel: Ein junger, afghanischer Mann befand sich in einer Schulausbildung, hatte aber zugleich überwiegend gearbeitet. Er bekam deshalb keine Transferleistungen mehr. Die Frage stand im Raum, wie es mit ihm weitergehen sollte. Hohmanns Idee: ihn bei einer qualifizierenden Maßnahme Orientierung finden und Ziele festlegen sowie seine Vorstellungen stabilisieren lassen.

"Ich suche nach Lösungen in schwierigen Situationen", sagt der Ombudsmann. Er befinde sich nicht in einem Konflikt mit einer Behörde oder einer Institution, sondern vielmehr im Klärungsgespräch. Hohmann spricht mit beiden Seiten. Wenn er erfährt, dass der Betroffene bereits einen Anwalt eingeschaltet hat, zieht er sich zurück. 30 Menschen hat der 69-Jährige in seinem ersten Jahr unterstützt. Wichtig ist, dass er nur aktiv werden kann, wenn die Betroffenen eine Einwilligung zur Freigabe persönlicher Daten unterschreiben. Nicht wenige springen dann ab.

Grundverständnis für Rechtsfragen

Bei rund 75 Prozent der Hilfesuchenden ist Deutsch nicht die Muttersprache, sie leben seit unterschiedlich langer Zeit in Deutschland. Es sind Geflüchtete mit unterschiedlichem Aufenthaltsstatus, Arbeitnehmer, die Ergänzungsleistungen erhalten, junge Menschen, die sich von ihren Eltern losgesagt haben und auch Ehepaare, die sich trennten, bei denen das Sorgerecht für die Kinder aber nicht geklärt ist.

Ein weiteres Beispiel: Eine alleinerziehende Mutter erhielt für ihr Kind bis zur Vollendung seines sechsten Lebensjahres 200 Euro vom Staat. Dann fiel der Betrag weg. Hohmann recherchierte daraufhin, ob das Ende der finanziellen Unterstützung richtig war. "Ich war die letzte unabhängige Instanz", sagt er. Zum Leidwesen der Mutter hatte sie von Rechtswegen tatsächlich keinen Anspruch mehr, weil der Gesetzgeber dies so festgeschrieben hatte. Hohmann fühlt sich wohl mit seiner vergleichsweise neuen Aufgabe. Früher habe er sich um Fragen, die das Sozialgesetzbuch betreffen, nicht tiefergehend gekümmert. "Ich musste mich reinarbeiten", gesteht er offen. Aber eben dies sporne ihn auch an. Es stimme ihn zufrieden, sich in einem neuen System bewegen zu können. Er werde sicher kein juristischer Fachmann, aber erhalte ein Grundverständnis für soziale Rechtsfragen. Außerdem hat Hohmann von vielen Hilfseinrichtungen erfahren, die er bislang noch nicht kannte. Seine Amtszeit läuft zwei Jahre, aktuell ist also Halbzeit. Eine Fortsetzung kann sich Hohmann vorstellen.

Seine frühere Aufgabe als Pfarrer, seine seelsorgerische Tätigkeit helfe ihm, betont Hohmann. "Es gehört dazu, dass jemand Zeit hat", nennt er einen wichtigen Teil seiner Aufgabe als Ombudsmann. Sein Amtsantritt war in etwa mit dem Beginn der Pandemie zusammengefallen. Ein Vergleich seiner Aufgabe mit der Zeit vor Corona ist also nicht möglich. Hohmann sagt dennoch: Corona hat Einfluss auf sein Klientel, denn Flüchtlinge hatten lange keinen Sprachunterricht, Minijobs fielen weg und etliche Unternehmen mussten Kündigungen aussprechen.

Zudem weiß er, dass viele Betroffene sein Büro nicht angerufen haben, es wegen der Ansteckungsgefahr nicht aufsuchen wollten. Er habe sich deshalb auch schon mal im Freien mit Klienten getroffen - unter anderem am Landungsplatz in Rüsselsheim.

Rüdiger Koslowski

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