Viel Staub wirbelt Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in der Walther-Rathenau-Straße auf.
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Viel Staub wirbelt Gunter Demnig beim Verlegen der Stolpersteine in der Walther-Rathenau-Straße auf.

13 neue Stolpersteine

„Erinnerung ist unsere ewige Pflicht“

Groß-Gerau hat seiner jüdischen Mitbürger gedacht: Der Künstler Gunter Demnig verlegte am vergangenen Samstag 13 neue Stolpersteine.

Von PETER MIKOLAJCZYK

58 000 Stolpersteine hat der Künstler Gunter Demnig nach eigenem Bekunden bereits in ganz Europa verlegt. Am Samstag kamen 13 weitere hinzu, diesmal in Groß-Gerau. Es war bereits die sechste Veranstaltung dieser Art in der Kreisstadt. Aber der feierliche Rahmen, mit dem an geschehenes Unrecht erinnert wurde, war nicht weniger gering. Wer mit wachen Augen durch die Innenstadt geht, wird bereits an vielen Stellen über die golden glänzenden Messingsteine stolpern, die zum kurzen Innehalten auffordern.

Kräftig eingestaubt

Demnig, der mit seiner frisch angetrauten Ehefrau Katja in die Stadt gekommen war, sah man bereits von 8 Uhr an eifrig arbeiten: 13 Steine mit den Namen vertriebener oder ermordeter ehemaliger jüdischer Mitbürger im Straßenpflaster zu versenken, das braucht seine Zeit. Als rund eine Stunde später Ökumene-Pfarrer Wolfgang Prawitz in der Walther-Rathenau-Straße 11 die nachdenklich gestimmten Gäste begrüßte, musste er kurz unterbrechen. Demnig staubte mit seinem Steinschneider die Gesellschaft kräftig ein, bevor er in die Darmstädter Straße weiterzog.

„Möge die Erinnerung uns auf den Weg der Gerechtigkeit führen – es ist unsere ewige Pflicht“, zitierte Wolfgang Prawitz einen Satz von Jay Kahn, einem Nachkommen ermordeter Juden aus Groß-Gerau. Es sei gemeinsame Aufgabe, die Erinnerung an unendliches Leid, an die Verfolgung und Ermordung von Millionen Menschen wach zu halten. Diesmal gelte es, der Familien Hirsch aus der Walther-Rathenau-Straße 11 und Guckenheimer (Hausnummer 16) sowie einer Familie selben Namens in der Darmstädter Straße 1 zu gedenken.

Aufmerksam sein

Jochen Auer, der Bürgermeister Stefan Sauer vertrat, bezeichnete die Stolpersteine als ein wichtiges Instrument für die Aufarbeitung von Geschichte. „Wir denken an ehemalige Mitbürger, die hier gelebt, gearbeitet, gefeiert und gebetet haben“, sagte er. Ein Mensch sei erst dann vergessen, wenn sein Name nicht mehr erwähnt werde.

Im Namen des Vereins Jüdische Geschichte und Kultur mahnte Pfarrer Walter Ullrich, die Erinnerung wach zu halten, denn nur so gelinge der Zugang zu dem Unfassbaren, das vor rund 80 Jahren geschehen sei. „Wir müssen ständig aufmerksam, sein, denn ein übersteigerter Nationalismus macht sich auch heute wieder breit“, sagte Ullrich. Schließlich habe der Nationalsozialismus aus damals mit einem übersteigerten Nationalismus im Bürgertum seinen Anfang genommen.

Anschließend referierten Schüler des Leistungskurses Geschichte des Prälat-Diehl-Gymnasiums die Lebensgeschichten der drei jüdischen Familien, welche die Schüler selbst recherchiert hatten. Derweil war Gunter Demnig fleißig mit seinen Verlegearbeiten beschäftigt. Die Zeit drängte: Bereits am Nachmittag war er wieder Hauptakteur bei der Verlegung einer Stolperschwelle in Rüsselsheim (wir berichteten).

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