Fahrräder für Flüchtlinge

Flüchtlinge sind jetzt mobil

Die Stadt Groß-Gerau startete ein neues Projekt, bei dem Flüchtlinge mit Fahrrädern ausgestattet werden. Zehn Räder wurden hergerichtet und verschenkt, die niemand aus dem Fundbüro abgeholt hat. Zum Test machte die Gruppe gleich eine Tour durch Groß-Gerau.

Von Sandra Pürzl

Nicht abgeholte Fundräder werden normalerweise in einer Auktion versteigert. Die Stadt fand dieses Mal einen anderen Verwendungszweck. „Derzeit sind circa 120 Flüchtlinge in Groß-Gerau untergekommen“, sagte Birgit Ruland vom Sozial- und Integrationsbüro. „Die Meisten wohnen zentral in Groß-Gerau, aber einige auch in den Stadtteilen wie Berkach und Dornberg. Sie baten darum, mobiler sein zu können. Die Fahrkarte für den Bus können sich manche nur schwer leisten.“

Und Bürgermeister Stefan Sauer betonte: „Die Fahrräder zu verschenken hat einen viel höheren Nutzen, als sie zu versteigern. Flüchtlinge sind kein Problem, sondern eine Aufgabe.“ Er hoffe, dass die Flüchtlinge dank ihrer neugewonnenen Mobilität Groß-Gerau besser kennenlernen können. „Zudem sitzen sie dann nicht immer an einem Punkt fest und können die Menschen kennenlernen und für sich gewinnen“, so Sauer weiter.

Unter den zehn hergerichteten Drahteseln sah er auch eines, das ihm gut gefiel und das er sich ausgesucht hätte, wenn er es gedurft hätte. Damit es bei der Auswahl fair zuging, wurden die Fahrräder zugelost. „Natürlich darf später immer noch getauscht werden, aber so ist es erst mal am fairsten“, sagte Ruland. Die zehn Räder waren in unterschiedlichem Zustand, aber sie mussten dennoch erst hergerichtet und verkehrssicher gemacht werden. Markus Hansen von der Initiative Arbeit des Bistums Mainz nahm sich der Aufgabe an, die Räder funktionsfähig zu machen. Gemeinsam mit Ein-Euro-Jobbern wurde gangbar gemacht, was vorhanden war. Ketten wurden geölt oder ausgetauscht, Schrauben angezogen, Bremszüge nachgestellt und Reifen geflickt.

„Man kann circa zwei Arbeitsstunden pro Rad rechnen. Die Materialkosten wurden von der Stadt getragen“, sagte Hansen. Für die Verkehrssicherheit sorgte Fahrrad Fuchs. Gemeinsam mit den Flüchtlingen montierten sie Lichter, Klingeln und Reflektoren. Die meisten in Groß-Gerau untergebrachten Flüchtlinge kommen aus Pakistan, weil es hier sehr gute Kontakte zur Ahmadiyya Gemeinde gibt. Andere große Gruppen kommen aus Somalia, Eritrea und dem Kosovo.

Diese zehn Räder sollen erst der Anfang sein. Markus Hansen rät Leuten, die ein Fahrrad nicht mehr brauchen, mit der Entsorgung zu warten. Sie könnten noch gebraucht werden. „Wir wissen nicht, wie es genau weiter gehen wird, aber das Projekt werden wir auf jeden Fall ausbauen“, sagte auch Bürgermeister Sauer. Man könnte sich vorstellen eine Abgabestelle für Alträder einzurichten oder sie sogar beim Eigentümer abzuholen. Vielleicht wird die nächste Fuhre von Flüchtlingen hergerichtet, die dabei Reparaturfähigkeiten erlernen. Die Ideen seien vielfältig, aber noch nichts spruchreif.

Sobald ein Fahrrad seinem neuen Besitzer zugelost worden war, testete es der neue Besitzer sofort bei einer kleinen Probefahrt. Neun Männer und eine Frau bekamen ein Zweirad. Manche teilen es später mit ihrer ganzen Familie. Andere wurden ausgewählt, weil man wusste, dass sie mobiler werden wollen. Einige besuchen regelmäßig Kurse des Jugendmigrationsdienstes. Der Bedarf sei aber noch lange nicht gedeckt.

Mohamud Adan ist sehr froh darüber, jetzt mobil zu sein. Der 16-Jährige kam vor drei Jahren aus Somalia nach Deutschland. „Mit meinem Fahrrad kann ich von Berkach aus zur Schule oder zum Fußballtraining fahren und zum Einkaufen. Es ist auch ein gutes Training für die Beine und die Ausdauer. Ich kann es auch benutzen, wenn ich mal schnell sein muss, weil ich sonst zu spät käme“, sagte er. Damit die Gruppe Groß-Gerau gleich ein bisschen besser kennenlernt, fuhr sie gemeinsam vom Stadthaus aus die Darmstädter Straße entlang zur Fasanerie.

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