Thies Puttnins-von Trotha will als CDU-Landratskandidat frischen Schwung in die Kreisverwaltung bringen. FOTO: iTtmann
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Thies Puttnins-von Trotha will als CDU-Landratskandidat frischen Schwung in die Kreisverwaltung bringen.

Interview

"Ich möchte die Bürger finanziell entlasten"

  • Dorothea Ittmann
    VonDorothea Ittmann
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Am 5. Dezember geht das kommunale Superwahljahr 2021 zu Ende. Dann sind die Bürger im Kreis Groß-Gerau dazu aufgerufen, ihre Stimme für einen der vier Landratskandidaten abzugeben. Wir stellen Ihnen die Bewerber um das Amt des obersten Kommunalbeamten vor.

Herr Puttnins-von Trotha, vom Bürgermeister zum Landrat. Ist das ein eine große Veränderung?

Die Verwaltungsstrukturen sind andere. Als Bürgermeister von Ginsheim-Gustavsburg habe ich etwa 300 Mitarbeiter, am Landratsamt sind mehr als 1000 Menschen beschäftigt. Insoweit ist es eine große Veränderung. Weniger in thematischer Hinsicht. Die Kreispolitik ist mir nicht fremd. Zum einen kriege ich zentrale Themen über die Bürgermeisterdienstversammlungen mit, zum anderen vertrete ich die Wähler seit 2016 als Kreistagsabgeordneter. Über die Jahre habe ich mich gut vernetzt, was für das Amt des Landrats sehr wichtig ist.

Was hat Sie dazu bewogen, Ihren Hut in den Ring zu werfen?

Der Kreis macht zu wenig aus seinen Möglichkeiten. Die Lage des Kreises Groß-Gerau in der Metropolregion Rhein-Main ist eine sehr hervorragende. Wir stehen aber oft mit negativen Themen in der Presse: insolvente Kreisklinik, hohe Verschuldung im Kreis, eine nur langsam voranschreitende Digitalisierung, lange Wartezeiten bei der Baubehörde und der Zulassungsstelle.

Diese Zustände möchten Sie ändern?

Ich möchte neue Impulse setzen, nicht in alten, eingefahrenen Strukturen denken. Thomas Will ist seit 18 Jahren an der Kreisspitze, sechs Jahre Kreisbeigeordneter, zwölf Jahre Landrat. Der Bürger wünscht sich den Wechsel und mehr jüngere Menschen in der Verantwortung.

Sie treten gegen den Amtsinhaber von der SPD an, dessen Partei zurzeit im Aufwind ist. Wo sehen Sie Ihre Chancen?

Als mich Stefan Sauer, CDU-Kreisvorsitzender und zu der Zeit noch Abgeordneter für den Kreis Groß-Gerau im Bundestag, Anfang des Jahres gefragt hat, war die Situation für die CDU nicht so negativ, wie sie sich nach der Bundestagswahl im September darstellt. Man darf aber nicht vergessen, wir haben immer noch eine Mehrheit von CDU-Bürgermeistern im Kreis, wir haben zwei direkt gewählte Landtagsabgeordnete mit Ines Claus und Sabine Bächle-Scholz. Die SPD hatte in der Kommunalwahl im März deutlich Stimmen verloren, besonders mit Thomas Will als Zugpferd. Die Menschen wünschen sich Veränderung, insofern ist die Motivation bei uns hoch.

Sie fordern, dass Digitalisierung im Kreis Chefsache werden muss. Was sind Ihre Ideen?

Digitalster Kreis in Hessen zu werden, ist eines meiner Ziele. Und das kann man nur erreichen, wenn man proaktiv wird. Ginsheim-Gustavsburg ist genauso wie der Kreis der Gigabitregion Rhein-Main beigetreten. Das hat mich aber nicht davon abgehalten, dort rechtzeitig für einen Glasfaseranschluss zu sorgen, indem ich mit der Telekom das Gespräch gesucht habe. Heute wird ein Viertel der Stadt unabhängig von der Gigabitregion mit Glasfaser versorgt.

Allein das Gespräch auf Chefebene zu führen, reicht, um Themen voranzutreiben. Das muss gelebt werden. Mir reicht es nicht, auf die Partner zu warten. Ich spreche die Partner schon vorher an.

Beim Thema Klimaschutz bringen Sie den Klimasparbrief ins Gespräch. Wie funktioniert er?

Klimaschutz braucht nicht nur Engagement, sondern kostet auch Geld. Der Klimasparbrief bietet den Bürgern nun die Möglichkeit, Geld bei einem Kreditinstitut anzulegen, das dieses Geld wiederum dem Kreis oder den Kommunen für die Umsetzung von energetischen Sanierungsmaßnahmen zur Verfügung stellt. Der Bürger bekommt nachher das Geld leicht verzinst zurück. Also eine sichere Geldanlage.

Das integrierte Verkehrsentwicklungskonzept des Kreises geht Ihnen nicht weit genug. Sie fordern einen Mobilitätsplan für den Landkreis. Was meinen Sie damit?

Es fehlen die Anreize, wenn wir uns wünschen, dass die Bürger auf den ÖPNV umsteigen. Ein Beispiel: Wenn ich mit dem Auto im Südkreis 15 Minuten von A nach B brauche, dauert es mit dem Bus 40 bis 50 Minuten. Das Interesse, bei einer solchen Bilanz auf den ÖPNV umzusteigen, ist verständlicherweise nicht so groß - auch wenn er kostenlos ist, wie die rot-grün-rote Koalition fordert. Dort brauchen wir einen Mobilitätsplan.

In Ginsheim-Gustavsburg haben wir Mobilitätsstationen, die den ÖPNV mit Car-Sharing-Fahrzeugen und Mieträdern ergänzen. Solche Stationen müssen mehr werden. Da muss der Kreis unterstützend tätig werden. On-Demand-Busse, autonomes Busfahren: Da wird es noch riesige Entwicklungsschritte geben, deshalb müssen wir vorne mit dabei sein.

Nicht nur die Mobilität muss geplant werden. Sie wollen ein Kreisentwicklungskonzept erstellen. Wofür ist es gedacht?

Es ist wichtig zu wissen, wo geht es eigentlich hin? Der Zeithorizont des Konzeptes ist etwa 10 bis 15 Jahre. Das ganze hat Workshop-Charakter. Ich möchte die Bürger einbinden und Experten an den Tisch holen. Das Konzept dient dann als Handlungsleitfaden für die Politik und schafft Transparenz.

Die CDU kritisiert seit vielen Jahren die steigende Kreis- und Schulumlage. Wie erleben Sie die Situation?

Wir können mit der hessenweit fünfthöchsten Kreisumlage und höchsten Schulumlage nicht mehr leben. Das Wasser steht uns in den Kommunen bis zum Hals. Hätten wir den Hessenschnitt bei der Kreis- und Schulumlage, hätten wir 1,4 Millionen Euro als Stadt Ginsheim-Gustavsburg weniger an den Kreis zu bezahlen. Umgerechnet wären das 230 Grundsteuer-B-Punkte weniger, die der Bürger zu zahlen hätte. Kreis und Landrat müssen sich mehr mit der finanziellen Situation der Kommunen befassen. Corona-bedingt ging es den Kommunen im letzten Jahr sehr schlecht. Das war abzusehen. Trotzdem hat der Kreis die Umlagen erhöht. Das zeigt die Geringschätzung des Landrats gegenüber den Kommunen, finde ich.

Niedrigere Umlagen bedeuten für den Kreis aber auch Sparen an anderer Stelle.

Es kommt darauf an, wo ich meine Schwerpunkte setze. Nicht jeder Schulneubau muss ein Passivhaus sein. Die Bauweise sollte zum Objekt und der Nutzung passen. Es gibt Plusenergiehäuser, wo ich auch viel Energie einspare, aber diese letzten 10 oder 15 Prozent an Mehrkosten spare, die ich für ein Passivhaus ausgegeben hätte. Das bedeutet eine Reduktion der Kosten beim Schulneubau.

Und dann wäre da noch der deutliche Anstieg der Personalkosten. Ich möchte nicht das Personal schlechtreden. Aber es gilt zu prüfen, wo Strukturen im Landratsamt eventuell verändert beziehungsweise effizienter werden müssen.

Sie schreiben: "Mit mir wird dieser Anstieg der Grundsteuer B gestoppt." Ist das ein Wahlversprechen?

Ich werde alles dafür tun, dass es zu einer finanziellen Entlastung der Bürger kommt, wenn ich Landrat werde.

In den vergangenen Jahren hat sich die finanzielle Situation der Kreisklinik verbessert. Wo sehen Sie noch Handlungsbedarf?

Auch da ist nicht klar, welches intersektorale Gesundheitszentrum entstehen soll. Wir warten immer noch auf das genaue Konzept, das uns Frau Prof. Dr. Raab versprochen hat. Diese unterstützenden Leistungen von drei oder vier Millionen Euro, das müssen wir reduzieren. Wir müssen viel enger mit dem GPR in Rüsselsheim und Fachärzten zusammenarbeiten.

Es heißt doch Gesundheit ist wichtiger als Geld.

Das stimmt. Auf der einen Seite ist Gesundheit das höchste Gut, das wir haben. Aber es kann nicht sein, dass wir jedes Jahr so viel zuschießen. Allein Rüsselsheim bezuschusst die Kreisklinik mit rund 700 000 Euro. Und ich denke nicht, dass die Rüsselsheimer in die Kreisklinik fahren. In ihrer Stadt gibt es mit dem GPR-Klinikum bereits eine gute medizinische Versorgung.

Am 5. Dezember ist nicht nur Landrats-, sondern auch Bürgermeisterwahl in Ginsheim-Gustavsburg. Wo verbringen Sie den Wahlabend - im Rathaus oder im Landratsamt?

Ich werde auf jeden Fall im Landratsamt sein, weil meine entscheidende Wahl dort stattfindet. Meine Familie kommt und auch Freunde und Unterstützer würde ich gerne dabei haben.

Erwarten Sie eine Stichwahl?

Ja, sowohl bei der Landrats- als auch bei der Bürgermeisterwahl in Ginsheim-Gustavsburg. Bei vier Landratskandidaten wäre es schon eine Überraschung, wenn einer gleich 50 Prozent oder mehr erreichen würde.

Das Interview führte Dorothea Ittmann

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