„Das jüdische Leben gehört zu Groß-Gerau“

Schüler der Prälat-Diehl-Schule zeigen Flagge gegen das Vergessen: Gemeinsam mit ihrem Lehrer Udo Stein haben die Schüler den Lebensweg der Familie Mattes, für die nun Stolpersteine verlegt wurden, nachgezeichnet.

„Man sollte die Namen niemals vergessen“, sagt der 15-jährige Rico, Schüler der Prälat-Diehl-Schule (PDS), in Erinnerung an Alfred, Paula und Arnold Mattes. Vor dem ehemaligen Wohnhaus der Familie Mattes in der August-Bebel-Straße 16, heute Verwaltungsgebäude des Groß-Gerauer Oberstufengymnasiums, wurden zu deren Gedenken Stolpersteine verlegt. 300 Menschen, darunter etwa 150 Schüler der PDS, nahmen an der Gedenkveranstaltung teil.

Im Geschichtsunterricht bei ihrem Lehrer Udo Stein haben die Schüler den Lebensweg der Familie Mattes rekonstruiert. Es gab keine Zeitzeugen, so forschten sie in Archiven und Dokumenten und spürten dabei hautnah den Aufstieg und traurigen Fall dieser jüdischen Familie nach. Die einst kreditwürdigen, angesehenen Bürger Groß-Geraus mit einer Gardinenfabrik, die viele Arbeitsplätze schuf, wurden von den Nationalsozialisten vertrieben, entehrt und ihres Eigentums beraubt. Über Russland und Japan gelang ihnen die Flucht nach Chicago. Nur ihr blankes Leben konnten sie retten.

„Wir waren geschockt“

Eindrucksvoll zeichneten die Schüler bei der Gedenkveranstaltung deren Lebensweg nach: „Wir waren sprachlos und geschockt von den Gräueltaten der Nazis“. „Wir möchten mit dieser Aktion nicht nur Position gegen das Vergessen beziehen, sondern Flagge zeigen, uns deutlich sichtbar engagieren“, betonte Schulleiter Michael Montag in seiner Rede. Dabei bedankte er sich bei der gesamten Schulgemeinde, bei Schülern, Eltern und Lehrkräften, welche die drei Stolpersteine mit ihren Spenden finanziert haben. „Diese Urkunde ist Ausdruck ihrer Verantwortung“, sagte Pfarrer Wolfgang Prawitz vom evangelischen Dekanat Groß-Gerau, als er dem Schulleiter stellvertretend für die Schulgemeinde die Patenschaftsurkunde überreichte.

Währenddessen wurden die Stolpersteine, angefertigt von dem Künstler Gunter Demnig, von dem Groß-Gerauer Steinmetz Maximilian Schulda und dessen Mitarbeiter im Bürgersteig vor der Eingangstür verlegt.

„Sie haben mir, meinen Kindern und Enkelkindern einen Teil meiner Familiengeschichte zurückgegeben, die verloren war“, sagte Joan Zelkowicz, die Tochter von Arnold Mattes, die aus Pittsburgh, USA, zur Stolpersteinverlegung mit ihrem Mann angereist war. Und sie fügte erklärend an, dass ihre Eltern und Großeltern niemals über deren Kindheit gesprochen hätten, um sie mit ihren traurigen Erinnerungen nicht zu belasten. „Indem wir Stolpersteine legen“, führte Landrat Thomas Will in seiner Rede aus, „ziehen wir die schmerzliche Spur der Erinnerung auch durch unsere Stadt. Und wir geben ein klares Bekenntnis ab: Das jüdische Leben gehört zu Groß-Gerau, die Familie Mattes gehört zu Groß-Gerau, ja sie hat hier ihren Ort. Das ist viel mehr als eine symbolische Geste. Das ist ein Gegenentwurf wider das Vergessen, wider die Ortlosigkeit.“

Weitere Paten gesucht

Auch Stadtrat Jochen Auer, der für den Magistrat sprach, bedankte sich bei dem Engagement von Udo Stein und den Schülern: „Unsere Erinnerungsarbeit, Aufarbeitung der Geschichte, soll vor menschenverachtenden Entwicklungen warnen und diese auch künftig verhindern.“ Petra Kunik von der jüdischen Gemeinde Frankfurt war glücklich darüber, wie in Groß-Gerau junge Menschen die Aufgabe übernehmen, Spuren zu suchen, denn schließlich führe die Erinnerungsarbeit zu der wichtigen Frage: „Wie gehen wir heute miteinander und mit den Minderheiten um?“

Das evangelische Dekanat Groß-Gerau bereitet mit der Stadt Groß-Gerau und dem jüdischen Verein für Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau weitere Stolpersteinverlegungen vor. Dafür werden Paten gesucht, welche die Kosten für einen Stolperstein in Höhe von 210 Euro übernehmen. Nähere Infos gibt es bei Pfarrer Wolfgang Prawitz, Telefon (0 61 52) 18 74-14.

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