Chefarzt Abolfazl Ostad behandelt Long-Covid-Patienten in der Kreisklinik Groß-Gerau mit einem modernen Ultraschallgerät.
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Chefarzt Abolfazl Ostad behandelt Long-Covid-Patienten in der Kreisklinik Groß-Gerau mit einem modernen Ultraschallgerät.

Corona

Long-Covid: Chefarzt mit beunruhigender Prognose – „rechne mit einem Anstieg"

  • VonDirk Beutel
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Der Chefarzt in der Kreisklinik Groß-Gerau rechnet mit einem Anstieg der Erkrankungen mit Long-Covid.

Groß-Gerau - Atemnot, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Erschöpfung, Konzentrationsschwierigkeiten - wer eine Covid-19-Erkrankung überstanden hat, ist nicht zwangsläufig auch über den Berg. Im Gegenteil. Nicht wenige Betroffene leiden im Nachhinein an den Folgen des Post-Covid-Syndroms, besser bekannt als Long Covid. Die Beeinträchtigungen tauchen entweder schon in der akuten Erkrankungsphase auf und bleiben dann längerfristig bestehen, oder sie treten erst im Verlauf von Wochen und Monaten nach der Infektion auf. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) gibt es bislang noch keine einheitliche klinische Definition, weil über sehr unterschiedliche Symptome berichtet wird, die allein oder auch in Kombination auftreten und von sehr unterschiedlicher Dauer sein können.

Diese besondere Form der Langzeiterkrankung ist ein neues medizinisches Feld, dem sich die Kreisklinik Groß-Gerau nun verstärkt widmet. An der Spitze eines 16-köpfigen Medizinerteams steht Dr. Abolfazl Ostad, der seit Juli die Leitung der Sektion für Innere Medizin übernommen hat. Der 49-jährige Chefarzt trat damit die Nachfolge von Manfred Geeren an, der nach 24 Jahren als Leiter der Abteilung in den Ruhestand gegangen ist.

Groß-Gerau: Chefarzt über Therapieansatz für Long-Covid-Patienten

Covid-19 mit seinen Mutationen, Therapiemöglichkeiten und nun Long Covid - das Virus hält die Forschung auf Trab. Täglich erscheinen Hunderte unterschiedliche Studien oder wissenschaftliche Artikel zu Corona. "Es ist ein weites Lernfeld. Studien gehören zu meinem Berufsalltag im Kampf gegen diese neue Viruserkrankung", sagt der Chefarzt, der aus dem Iran stammt.

Sein Therapieansatz ist interdisziplinär. Zwar ist bei Long-Covid-Patienten überwiegend die Lunge betroffen, doch können neben Beschwerden am Herz auch Hirn, Nieren, Darm und oftmals auch die Psyche in Mitleidenschaft gezogen werden. Dadurch ergebe sich zwangsläufig eine große Bandbreite an möglichen Beschwerden.

Arzt in der Kreisklinik Groß-Gerau rechnet mit Anstieg von Long-Covid-Fällen

Etwa fünf bis zehn Prozent aller Covid-19-Patienten, die in der Kreisklinik stationär behandelt wurden, kamen mit neuen körperlichen Problemen wieder - Long Covid. Und Ostads Prognose ist nicht optimistisch, dass dies so bleibt. "Ich rechne in nächster Zeit mit einem Anstieg."

Derzeit werden vier Covid-Fälle auf der Normalstation und zwei Patienten auf der Intensivstation versorgt. Dabei liegt der Anteil an Ungeimpften bei über 95 Prozent.

Groß-Gerau: "Long Covid ist sehr komplex", erklärt der Experte

Long-Covid-Leiden werden in der Kreisklinik derzeit ambulant behandelt - momentan sind es zehn Fälle. "Aber es kann auch im weiteren Verlauf der Pandemie Patienten geben, die wir auf Station therapieren müssen", sagt Ostad. Für solche Fälle bieten die Räume in der Kreisklinik die Möglichkeit, Betroffene isoliert zu betreuen. "Glücklicherweise haben wir solche Patienten noch nicht", sagt Ostad. Für die Long-Covid-Diagnostik ist man in Groß-Gerau breit aufgestellt. In der Kreisklinik gibt es jeweils eine komplette Abteilung für nichtinvasive kardiologische (Herz)-, pulmologische (Lunge)-, gastroenterologische (Magen-Darm)- sowie für Gefäßdiagnostik. Hilfreich für diese Fülle an Diagnosen sind zwei neue Echo-Geräte (Ultraschallgeräte), die in der Lage sind, die entsprechenden Organe zu untersuchen.

Entsprechend des individuellen Krankheitsbildes werden die Betroffenen medikamentös behandelt und erhalten oftmals zusätzliche Reha-Maßnahmen, etwa in Form einer Physiotherapie. Ostad: "Klassische Therapien, wie bei einer Lungenentzündung, verlaufen nach klaren Leitlinien. Für Long Covid gibt es so etwas noch nicht. Long Covid ist sehr komplex. Wir müssen unsere Behandlungswege immer hinterfragen und neu justieren." Es ist ein stetiger Anpassungsprozess. Atemnot etwa könne ihre Ursache in der Lunge haben, aber auch die Auswirkung einer Herzinsuffizienz sein. "Ein Symptom kann seinen Ursprung in unterschiedlichen Organen haben", so Ostad.

Chefarzt in Groß-Gerau über Symptome von Long-Covid

Das Tückische an Long Covid: Betroffene können teilweise sehr lange mit der Krankheit zu tun haben. Der Grund: chronische Organschäden wie etwa eine Herz-Muskel-Entzündung, die eine Herzschwäche hervorrufen kann. "Und eine Therapie für eine Herzschwäche ist eine neue Liga für diese Menschen", so Ostad. Auch unabhängig von der Herzschwäche können Patienten kraft- und lustlos werden und seien dadurch teilweise nicht mehr fähig, voll zu arbeiten. Wobei chronische Folgen bei Patienten mit Vorerkrankungen nicht wesentlich wahrscheinlicher als bei einem gesunden Menschen sind. Dies gelte auch für Menschen, die jünger als 50 Jahre sind. Hierbei komme die psychische Komponente erschwerend hinzu. "Denn diese Altersgruppe gehört noch zu den Berufstätigen. Da spielen Zukunfts- und Existenzängste eine große Rolle", sagt Ostad. Er selbst hat keinen Patienten, der Long Covid bereits überwunden hat. "Deshalb muss man dieses Krankheitsbild ernst nehmen. Man kann nicht erwarten, dass sich Long Covid nach ein paar Tagen oder Wochen erledigt hat."

Der Mediziner betont, dass Betroffene über Jahre mit den Folgen einer solchen Erkrankung zu tun haben können. Im Extremfall sei die Prognose bei einer durch Long Covid entstehenden Herzinsuffizienz nicht viel besser als bei Krebs. Vor allem, wenn sie nicht behandelt wird. Auch wenn eine Herzinsuffizienz therapiert sei, bleibe es offen, ob sich der Patient wieder vollständig erholt. (Dirk Beutel)

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