Sollte im Kreis eine Öffnungsstrategie wie nach dem Tübinger Modell greifen, werde der Bedarf an Schnelltests noch einmal zunehmen, vermutet Kreis-DRK-Präsident Hans Reinheimer. Foto: dpa
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Sollte im Kreis eine Öffnungsstrategie wie nach dem Tübinger Modell greifen, werde der Bedarf an Schnelltests noch einmal zunehmen, vermutet Kreis-DRK-Präsident Hans Reinheimer.

Interview

Öffnungsmodell setzt niedrigere Inzidenz voraus

  • vonDirk Beutel
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Kreis-DRK-Präsident Hans Reinheimer zur Strategie der freiwilligen Schnelltests

Seit dem 16. Februar testet nun schon das Deutsche Rote Kreuz (DRK) an vier Stationen im Kreis Groß-Gerau kostenlos auf Corona. Hinzu kommen mobile Teams, die - je nach Nachfrage - Mitarbeiter in Firmen und Kommunen oder auch Wohnungslose testen. Hans Reinheimer, seit dem Jahr 2000 DRK-Präsident des Kreises Groß-Gerau, zieht eine Zwischenbilanz und erklärt, warum dieses Testangebot nicht nur ein wichtiger Baustein in der Pandemiebekämpfung, sondern auch eine willkommene Aufgabe für viele DRK-Mitglieder ist.

Herr Reinheimer, zu Beginn ein paar Zahlen: Wie viele Personen wurden bislang insgesamt im Kreis vom DRK getestet? Und wie hoch war der Anteil positiver Tests?

Stand 31. März: 7764 Tests, davon waren 1,56 Prozent positiv, also in absoluten Zahlen bedeutet das 121. Und von diesen 121 wurden nur zwei nicht von einem anschließenden PCR-Test bestätigt. Wir liegen bei der Zuverlässigkeit der Ergebnisse also deutlich über 99 Prozent.

Wie interpretieren Sie dieses Ergebnis?

Jeder positiv getestete Fall, den wir herausfischen können, ist ein kleiner Erfolg, weil wir nur asymptomatische Menschen testen. Der Betroffene weiß also selbst gar nicht, dass er infiziert ist, und kann dadurch potenziell andere anstecken. Diese niederschwelligen Schnelltests sind ein guter Ansatz, die Inzidenz niedrig zu halten. Wir hätten deutlich höhere Infektionszahlen, wenn wir dieses Testangebot nicht hätten.

Gibt es noch irgendwo im Kreis eine Versorgungslücke, was Testangebote anbelangt?

Mit der Einführung der Testverordnung von Bund und Land kann jeder, der eine entsprechende Qualifikation nachweist, sich als Testcenter bewerben und diese Leistung mit der Kassenärztlichen Vereinigung abrechnen. Darunter finden sich jetzt schon viele Apotheken und Hausärzte, teilweise auch private Anbieter. Von daher kann man schon sagen, dass es im Kreis ein flächendeckendes Angebot gibt. Wenn wir künftig, wenn die Inzidenzzahlen weiter unten sind, über eine Öffnungsstrategie nachdenken, wie beim Tübinger Modell, also mit einem aktuellen Corona-Pass mit dem man einkaufen kann, ins Restaurant gehen oder in die Therme, dann wird der Bedarf noch einmal explodieren. Hierauf bereiten wir uns vor.

Lässt sich das Tübinger Modell so auf die Kommunen im Kreis übertragen?

Das Öffnungsmodell à la Tübingen sehe ich hier übertragbar. Es setzt allerdings eine niedrigere Inzidenz voraus.

Wie bewerten Sie denn die Corona-Lage in den nächsten Wochen? Trotz Impfungen und vieler Testangebote steigt die Inzidenz. Vergangenen Donnerstag lag sie bei 177. Kann man mit einem Lockdown wie er jetzt herrscht und der aktuellen Strategie der britischen Mutante Herr werden?

Ich glaube auch, dass das Infektionsgeschehen mit der britischen Mutation zu tun hat. Der Lockdown, die Kontaktreduzierungen, die Ausgangssperre, dazu Maskenpflicht an belebten Plätzen, außerdem sollen in Firmen, Schulen und Kitas nach den Osterferien Schnelltests kommen - das wird in Summe etwas bringen. Wir haben ja breit verteilt in Firmen, Kitas und Schulen Ausbrüche gehabt. Wenn es uns gelingt, über eine systematische Schnellteststrategie die positiven Fälle herauszufischen, ist das ein Weg, um die Situation wieder in den Griff zu bekommen. Beispielsweise begleiten wir das Schnelltest-Pilotprojekt an der Martin-Niemöller-Schule in Riedstadt. Nach Ostern soll dort regelmäßig zweimal die Woche getestet werden. Auch für weitere Schulen im Kreis stehen wir als Berater zur Verfügung. Das ist eine gute Basis, da die bereits erwähnte Trefferquote der Tests sehr hoch ist.

Aber dann müsste ja in den vergangenen Tagen die Positiv-Rate in Ihren Testcentern gestiegen sein?

Ja, auch bei uns ist ein leichter Anstieg zu verzeichnen.

Wie stark wird durch die regelmäßigen Testangebote, etwa dreimal in der Woche in Mörfelden, Personal gebunden?

Bislang kommen wir auf 1652 reine Teststunden an den vier DRK-Stationen. Wir haben 92 Einsatzkräfte, die ärztlich geschult wurden, um die Schnelltests ordnungsgemäß über einen Nase-Rachen-Abstrich anwenden zu können. Das sind 83 Helfer aus unseren Einsatzabteilungen, sechs freiwillige externe Helfer. In den Einsatzstunden sind noch nicht die Stunden der mobilen Testgruppen dabei, die wir ebenfalls anbieten, etwa bei der Diakonie in Groß-Gerau.

Welche Aufgaben des DRK müssen aufgrund dieser besonderen Lage hintanstehen?

Wegen dieses Engagements bleibt nichts auf der Strecke, auch wenn wegen der Pandemie seit gut einem Jahr einiges an Veranstaltungen brach liegt. Die Ausbildungsabende der Einsatzabteilungen finden ausschließlich online statt. Es gibt keine persönlichen Treffen, keine praktischen Übungen. Gruppenstunden des Jugend-Rot-Kreuz sind als Präsenzveranstaltung ausgesetzt, das gilt auch für Seniorennachmittage, Vorträge. Sanitätsdienste für Konzerte, Feste, Radrennen oder Fußballspiele gibt es nicht. Ausnahme sind die Heimspiele von Eintracht Frankfurt. Dort ist das Rote Kreuz Frankfurt nur noch mit acht Helfern vertreten, statt wie üblich mit knapp 100 Einsatzkräften, davon einer aus unserem Landkreis. Diese und viele andere Aufgaben, die das Rote Kreuz wahrnimmt, fallen wegen der Pandemie aus. Weiterhin uneingeschränkt gewährleistet ist die Einsatzbereitschaft für Alarmeinsätze, etwa mit der Feuerwehr. Aus diesem Grund kann man tatsächlich sämtliche Energie in die Testcenter stecken, weil sie an anderer Stelle derzeit nicht benötigt wird. Es wird dann aber noch zusätzlich sportlich, wenn alle Schulen im Kreis, nach der Auswertung der Pilotprojektergebnisse, Bedarf an den Corona-Schnelltests anmelden, die wir dann entsprechend begleiten. Aber das müssen wir dann noch sehen.

Wie sehr leidet der Zusammenhalt im Team, da seit längerem keine Treffen oder Lehrgänge erlaubt sind?

Die persönliche Zusammenarbeit, die Gespräche fehlen unheimlich. Eigentlich sind solche Dinge sogar überlebenswichtig für ein Team. Online-Ausbildungsabende am PC werden auch nicht von jedermann akzeptiert, das geht durch alle Altersklassen durch. Der praktische Anteil solcher Abende bleibt natürlich auf der Strecke, es bleibt sehr theorielastig. Aber weil persönliche Treffen nicht möglich sind, ist die Bereitschaft in den Testcentern mitzumachen entsprechend hoch.

Bis vor Kurzem noch wurden die Tests des DRK über Spenden finanziert, nun werden diese über die Kassenärztliche Vereinigung abgerechnet. Wie lange soll dieses freiwillige Testangebot des DRK aufrechterhalten werden?

Weil wir diese Strategie als sinnvoll erachten, sind wir sehr früh mit den freiwilligen Teststationen gestartet und haben das ehrenamtlich gemeistert. Initial sind wir in Vorkasse mit 40 000 Euro getreten. Finanziert wurde das zunächst über Spenden, das hat auch gut funktioniert. Da war eine riesige Unterstützung von Firmen und aus der Bevölkerung. Dieses Modell wollten wir bis Ostern begrenzen. Jetzt, durch die neue Finanzierungsmöglichkeit über die Testverordnung, können wir die nächsten Monate weitermachen. Wir werden von Woche zu Woche entscheiden, wie genau wir weitermachen werden - mit welchen festen Teststationen oder mit welchen mobilen. Die nächsten zwei Wochen bleiben Riedstadt, Groß-Gerau und Mörfelden an zwei Abenden plus sonntags besetzt. In Rüsselsheim fahren wir runter auf wöchentlich sonntags. Die Termine veröffentlichen wir wöchentlich auf der Homepage unseres Kreisverbandes - das gilt auch für besondere Testveranstaltungen. Dirk Beutel

Die kostenlosen Schnelltests des Deutschen Roten Kreuzes im Kreis werden vorerst weiter angeboten, sagt Hans Reinheimer, DRK-Präsident des Kreisverbands Groß-Gerau.

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