Thomas Will ist seit fast zwölf Jahren im Amt des Landrats Wenn es nach ihm geht, wird sich daran auch in den nächsten sechs Jahren nichts ändern. FOTO: Dorothea Ittmann
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Thomas Will ist seit fast zwölf Jahren im Amt des Landrats Wenn es nach ihm geht, wird sich daran auch in den nächsten sechs Jahren nichts ändern.

Interview

Thomas Will zeigt sich siegessicher vor der Wahl: "Mein Ziel sind dieses Mal 50 Prozent plus X"

  • Dorothea Ittmann
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Am 5. Dezember geht das Superwahljahr 2021 zu Ende. Dann sind die Bürger im Kreis Groß-Gerau dazu aufgerufen, ihre Stimme für einen der vier Landratskandidaten abzugeben. Wir stellen Ihnen die Bewerber um das Amt des obersten Kommunalbeamten vor. Den Beginn macht Amtsinhaber Thomas Will.

Herr Will, nach zwölf Jahren als Landrat wollen Sie es noch einmal wissen. Wann stand für Sie fest, dass es eine dritte Amtszeit geben soll?

Es war für mich nie eine Frage. Wenn man sein Hobby zum Beruf machen kann, hört man nicht einfach auf. Das wäre so, als würde ich morgen nicht mehr Fahrrad fahren oder joggen gehen. Außerdem hat mir Corona zwei Jahre weggenommen. Ich möchte noch einiges verwirklichen.

Die Corona-Pandemie hat ein neues Paket an Herausforderungen geschnürt.

Ein ganz großes Paket. Darauf konnte man sich überhaupt nicht vorbereiten. Von heute auf morgen bin ich Krisenmanager geworden.

Die Kreis- und Schulumlage wird 2022 nicht steigen. Das bedeutet aber auch Einschränkungen bei den Investitionen.

Man kann die durch die Corona-Pandemie gebeutelten Kommunen nicht schwer belasten. Auf der einen Seite bedeutet dies in der Tat massive Einschränkungen auf der Kreisebene - keine neuen Stellen 2022, Stopp des digitalen Ausbaus, Verzögerung bei der Schulsanierung. Auf der anderen Seite ist 2022 ein Jahr, in dem wir nicht so aktiv sein können, weil wir die Vorarbeiten wegen Corona nicht leisten konnten. Von daher ist es verantwortbar.

Den Schulbau lassen Sie sich einiges kosten. 500 Millionen Euro sind veranschlagt.

Die Schulbauinitiative hat ein Kostenvolumen von ungefähr 500 Millionen Euro. Damit bauen wir die Schulen weiter aus, weil mehr Schüler zu uns kommen. Ebenso bauen wir sie zu Ganztagsschulen um, denn ab 2026 haben Familien einen Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung. Das heißt, ich brauche bis dahin die Räumlichkeiten und das Personal.

Kritiker sagen, der Passivhausstandard verteure den Ausbau unnötig.

All diejenigen, die uns dafür kritisiert haben, sind seit Corona ruhig. Weil die zentrale Lüftungsanlage zum Passivhausstandard gehört. 30 Prozent aller Schulen im Kreis Groß-Gerau verfügen über eine zentrale Lüftungsanlage mit Filter. Die Diskussion über dezentrale Luftreinigungsgeräte für 3000 Euro gibt es an solchen Schulen überhaupt nicht.

Bleibt es bei den 500 Millionen Euro?

Es wird mehr. Jede Verschiebung nach hinten bedeutet Mehrkosten. Jeder, der in den Baumarkt geht und Holz für eine Gartenhütte kauft, sieht, dass sich die Preise in den letzten Jahren verändert haben.

Ein großer Posten im Etat sind der Stellenausbau und die Personalkosten. Kann der Kreis an dieser Stelle sparen?

Wer sich ansieht, wie die Anforderungen an Verwaltung gewachsen sind, der weiß, dass in diesem Bereich ausgebaut werden muss. Ein Beispiel: Als ich in den Kindergarten ging, hat niemand nach dem pädagogischen Konzept gefragt, geschweige denn nach inklusiver Betreuung oder dem Mittagsessensangebot. Schauen wir uns heute die Kitas an, werden wir mit Themen wie Gruppengröße, Pädagogik, freigestellte Mitarbeiterinnen in der Leitung, Zusatzstunden für Inklusion und Tagesrandzeiten konfrontiert. Das erledigt kein Computer und kein Rechenprogramm. Ein ähnliches Beispiel könnte ich Ihnen im Schulbereich nennen oder bei den Anforderungen im Baurecht. Die Komplexität hat stark zugenommen. Jede neue gesetzliche Grundlage bedeutet auf der kommunalen Ebene ein Mehr.

Obgleich der Kreis so viele Aufgaben wahrnimmt, ist vielen nicht bekannt, was die Verwaltung tut. Das macht sich auch an der Wahlbeteiligung bemerkbar. Sie lag 2015 bei rund 24 Prozent.

Ich sage immer, der Rest ist zufrieden, wenn er nicht wählen geht. Jetzt ernsthaft: Ich war nie ein Freund von Direktwahlen für Landräte und Bürgermeister. Zumindest die Landräte sind zu weit weg von der Kommune. Das macht es schwierig. Aber ich habe das angenommen. Wahlkämpfe machen mir Spaß. Ich bin seit meiner Jugend eine "Rampensau" und gerne überall dabei.

Die Bürger kommen bei Behördengängen mit der Kreisverwaltung in Kontakt. Sie klagen über lange Wartezeiten auf der Kfz-Zulassungsstelle, der Führerscheinstelle und bei der Baubehörde. Woran liegt das?

Als Corona kam, haben wir aus allen Abteilungen des Hauses Menschen abgezogen. Das hat dazu geführt, dass in allen Bereichen Arbeit liegen geblieben ist oder sich verzögert hat. Auch in der Bauverwaltung und den Bürgerdiensten. Diese Mitarbeiter sind seit 1. Oktober zurück, aber die bringen Hunderte von Überstunden mit. Das Thema Krankheit spielt auch eine Rolle. Das ist die erste Erklärung, man kann aber nicht alles auf Corona schieben. Im Bereich Kfz-Zulassungsstelle hat sich viel getan. Es gibt seit dem Frühjahr dieses Jahres keine Wartezeiten mehr. Wir sind mittlerweile Benchmark in Hessen. Im Bereich Führerschein haben wir in der Tat einen Rückstau. Das hängt mit mehreren Sachen zusammen: Corona, die geringe Leitungskapazität, die erst im Februar von der Telekom behoben wurde. In diese ganze Situation hinein kommt noch die Umtauschaktion der alten Führerscheine. Es sind außerdem mehr Angaben zu prüfen als früher - also eine stärkere Belastung der Mitarbeiter. Aber wir bauen die Rückstände sukzessive ab. Das Thema Führerschein wird bis zum Jahresende, sofern nichts dazwischenkommt, keins mehr sein.

Und in der Baubehörde?

In der Baubehörde genau das Gleiche in Grün. Hier kommt noch der Fachkräftemangel hinzu. Ich kriege leider nicht alle Mitarbeiter, die ich gerne hätte. Der Markt ist einfach leer. Die Position des Bauleiters für die Bauaufsicht haben wir dreimal ausgeschrieben und immer noch niemanden gefunden.

Immer noch muss die Kreisklinik mit 4,5 Millionen Euro bezuschusst werden. Wird es jemals eine schuldenfreie, wirtschaftliche Klinik geben?

Prof. Dr. Erika Raab vergleicht ihre Klinik gerne mit der Feuerwehr. Die wird immer ein Zuschussbetrieb bleiben, die wird nie kostendeckend sein. Dann müsste es ja jeden Tag brennen. Gesundheit, das haben wir in der Pandemie gemerkt, ist nicht zum Nulltarif zu haben. Für Behandlungen, die an der Tagesordnung sind bekommen wir wenig Geld. Ich muss mich nun fragen, wie viel ist mir die Klinik wert. Wir haben uns auf eine Summe geeinigt, die sich zwischen drei und fünf Millionen Euro jährlich bewegt. Das haben wir erreicht.

Die geringeren Einnahmen bei den Umlagen bringen finanzielle Einschnitte mit sich. Was bedeutet dies für die Digitalisierung?

Nicht Einschnitte, sondern eine Umsetzung in einer langsameren Geschwindigkeit. Ich hätte gerne, dass wir diese Dynamik, die wir während Corona entwickelt haben, fortsetzen. Das geht aber nicht. Ich glaube, dass es für ein Jahr verantwortbar ist, weil die anderen erst einmal ihre Hausaufgaben machen müssen. Was nützen die schönsten Endgeräte, wenn wir die Bandbreite nicht haben?

E-Mobilität und Wasserstoff-Busse: Wie sieht die Strategie des Kreises für die nächsten Jahre aus?

Die Wasserstoff-Linie im ÖPNV ist jetzt beschlossen. Wir sind Gott sei Dank im Förderprogramm des Bundes drin und warten auf die Genehmigung. Das Zweite ist das Thema Wasserstofftankstelle: Der Betriebshof der Riedwerke wird zu einer Wasserstofftankstelle ausgebaut. Wir werden dort etwa acht Millionen Euro plus/minus investieren. Das ist das eine. Das andere ist, dass wir unsere Mobilitätskonzepte weiterschreiben, das heißt weitere Ladesäulen bauen, aber auch E-Fahrräder für Dienstgänge anschaffen. Wir haben zudem das Carsharing-Modell am Kreishaus installiert. Das soll auf weitere Kommunen ausgedehnt werden. Ausbau der Radschnellwege gehört dazu, da sind wir dran. Mobilität soll zudem stärker vernetzt werden, was wir gerade mit Kelsterbach und dem RMV ausprobieren. Nach der Auswertung werden wir weitere Mobilitätspunkte umsetzen.

Bringt der alte Landrat auch neue Ideen mit?

Zu den Themen Mobilität und Schule habe ich schon etwas gesagt. Es geht um den Ausbau des Ganztags, um die Fortführung der Inklusion der Kinder in der Regelschule. Gesundheit wird in Zukunft ganz zentral werden. Der öffentliche Gesundheitsdienst wird massiv ausgebaut. Die Pandemie hat uns gezeigt, wo wir Defizite haben. Uns ist bei den Impfungen aufgefallen, dass viele Menschen keinen Hausarzt haben. Die Gesundheitsversorgung muss umstrukturiert werden. Das ist eine neue Herausforderung, auf die ich mich freue.

Zum Thema Klimaschutz: Wir haben den Klimanotstand im Kreis erklärt, das bedeutet, dass jede Entscheidung auf Klimaverträglichkeit geprüft wird. Walter Astheimer ist dabei, den Fachbereich neu aufzustellen, um den Fokus stärker auf Klimaschutz und Nachhaltigkeit auszurichten.

Denken Sie, es wird zu einer Stichwahl kommen?

Ich gehe optimistisch in den Wahlkampf. Ich habe bei der ersten Wahl 59 Prozent geholt, bei der zweiten Wahl 64 Prozent. Mein Ziel sind dieses Mal 50 Prozent plus X.

Das Interview führte Dorothea Ittmann

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