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Manfred gehört zu denjenigen, die auf einem Campingplatz wohnen.

Notlösung

Wegen Wohnungsnot - Menschen leben für immer auf dem Campingplatz

Ist die Wohnungsnot groß und keine bezahlbare Bleibe zu kriegen, verfallen manche auf originelle Ideen: Sie wohnen dauerhaft auf einem Campingplatz. Wie im Landkreis Groß-Gerau.

Groß Gerau - Er wird der "zerstreute Professor" genannt, lebt in einem heruntergekommenen Wohnwagen auf einem der zahlreichen Campingplätze des Landkreises Groß-Gerau. Ein Blick in den Wagen erklärt den Spitznamen: Der ohnehin nicht große Innenraum ist vollgestopft mit Akten und Büchern. Sogar einen Computer hat der "zerstreute Professor", von dem allerdings keiner auf dem Campingplatz so richtig weiß, wie und wo er seine Tage verbringt.

Einige Meter weiter steht Artur auf seiner Parzelle. Der 23 Jahre alte Student ist ein sympathischer junger Mann, der gerne Auskunft gibt. "Warum soll ich mir in der Stadt ein überteuertes Appartement oder ein Zimmer in einer WG mieten?", sagt er. "Da wohne ich lieber hier." Auf dem Campingplatz habe er Ruhe, erfreue sich an dem vielen Grün und habe sogar noch die Möglichkeit, Gemüse und Kräuter anzubauen. Da nehme er die Gemeinschaftsdusche und die Gemeinschaftstoilette gerne in Kauf. "Eigentlich wollte ich ja nur ein halbes Jahr bleiben", erzählt Artur weiter. Aus den sechs Monaten ist ein Jahr geworden, ein Ende des Dauercampens vorerst nicht abzusehen.

Wieder einige Hundert Meter weiter hat sich Manfred sein Refugium geschaffen. Von seiner "Veranda" aus blickt er auf Grün und Wasser. Der 58 Jahre alte Hartz IV-Empfänger wohnt seit vielen Jahren auf dem Campingplatz. Manfred ist da offiziell gemeldet, hat eine Postadresse und zahlt nur 860 Euro Miete im Jahr. Wie auch sein Nachbar, der nach dem Tod seiner Frau die große Wohnung in Wiesbaden vor Jahren aufgegeben hat - zugunsten weniger Quadratmeter für wenig Geld.

Beide sind nicht die einzigen: Auf diesem Campingplatz leben Monteure, die sich in der Rhein-Main-Metropole keine Zweitwohnung leisten können oder wollen. Da wohnen "normale" Arbeitnehmer, die die ständig steigenden Mieten nicht zahlen können oder wollen. Da wohnen Gestrandete, die mit vielleicht acht oder zehn Quadratmetern auskommen müssen. Auf diesem Campingplatz betrifft das mehr als 30 Menschen, was rund ein Viertel der Nutzer ausmacht.

Drei-Klassen-Gesellschaft

Im Laufe der Jahrzehnte hat sich eine Drei-Klassen-Gesellschaft gebildet: Da sind zum einen die "normalen" Camper, die die langen Wochenenden und ihren Urlaub hier verbringen, aber noch eine Wohnung haben. Die ganzjährigen Dauercamper unterscheiden sich darin, dass sie am Platz häufig eine offizielle Adresse haben. Der Platzbetreiber kann damit leben. Um der Flut an Dauercampern zu begegnen, hat er jedoch die "Mieten" erhöht. Neu ankommende Singles zahlen jetzt monatlich 250 Euro, jede weitere Person im "Haushalt" 50 Euro zusätzlich.

Die Behörden bewerten die Entwicklung skeptisch, sehen sie sich doch mit einer Grauzone konfrontiert. Die Pressestelle der Kreisverwaltung spricht auf Nachfrage dieser Zeitung von Bereichen, wo wegen planungsrechtlicher Vorgaben dauerhaftes Wohnen ausgeschlossen ist, in denen Menschen dennoch dauerhaft leben und auch gemeldet sind - zum Beispiel Campingplätze und Kleingartenanlagen.

Auf einem Campingplatz sei das Wohnen nun einmal rechtlich nicht gestattet. Eine solche Praxis dürfe nicht um sich greifen, da sonst nicht hinzunehmende Splittersiedlungen, vielleicht rechtsfreie Räume entstünden, befürchtet die Kreisverwaltung. Allerdings, so die Zusicherung, werde man kein Räumungskommando aussenden, um die illegal Wohnenden zu vertreiben.

VON RALPH KEIM

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