Grenzsteine

Er hütet die Zeugen der Vergangenheit

Wilhelm Ott ist Vorsitzender der Freunde Sprendlingens und ehrenamtlicher Obmann beim Amt für Bodenmanagement und Geoinformation. Als engagierter Heimatforscher auf der Suche nach bedeutenden Zeichen der Geschichte in Form von Grenzsteinen, hat er in den vergangenen Jahren so manches Geheimnis in den Wäldern rund um Dreieich aufklären können. Gemeinsam mit seinen Mitstreitern setzt er sich für den Erhalt von Kulturdenkmälern ein und veröffentlicht seine Forschungsergebnisse auch auf seiner Internetseite www.steine-in-der-Dreieich.de. FNP-Mitarbeiterin Nicole Jost sprach mit Wilhelm Ott über sein spannendes Hobby.

Was sind Sie ursprünglich von Beruf, Herr Ott?

WILHELM OTT: Ich habe Chemie studiert und war in der Pharma-Industrie tätig. Mein Interesse an der Heimatkunde hat sich erst nach dem Eintritt in den Ruhestand entwickelt. Eigentlich bin ich eher zufällig in die heimatgeschichtliche Szene hinein geraten.

Wie haben Sie Ihre Liebe zur Heimatforschung entdeckt?

OTT: Ich bin gebürtiger Sprendlinger, habe mich aber nie sehr intensiv mit der Lokalhistorie beschäftigt. Der zündende Funke war eine Publikation von Martin Kaltenbach in der „Landschaft Dreieich“ über die Grenzsteine der Ysenburgisch/Hessen-Darmstädter Grenze. Es hat mich fasziniert, dass hinter diesen Steinen immer auch eine Geschichte steht: Wann und warum sind sie aufgestellt worden? Ich begann, diese Geschichte in Publikationen und Archiven zu recherchieren. Dabei kam ich zu der Überzeugung, dass diese Zeugen der Vergangenheit geschützt und bewahrt werden müssen. Beim Amt für Bodenmanagement und Geoinformation arbeiten hessenweit circa 50 freiwillige Mitarbeiter, die sogenannten Obleute, welche die historischen Grenzsteine dokumentieren und sich um sie kümmern. Ich habe einen solchen Obmann bei einer Grenzsteinsuche begleitet. Dies war für mich sehr interessant. In der Folge wurde ich zum Grenzsteinobmann für den Westkreis Offenbach, der Landschaft Dreieich, benannt. Vor diesem Hintergrund arbeite ich recht intensiv mir der Denkmalschutzbehörde und dem staatlichen Forstamt zusammen. Ich hatte zu der Zeit auch den Kontakt zu den Heimat- und Geschichtsvereinen gesucht, bin vor circa vier Jahren zu den Freunden Sprendlingens gestoßen, und ehe ich mich versah, war ich deren Vorsitzender (lacht).

Was war der bisher bedeutendste Fund für Sie persönlich?

OTT: Ich habe in der Koberstadt einen wunderschönen Wappenstein entdeckt. Den Stein ziert das Hanauer Wappen auf der einen und der Hessische Löwe auf der anderen Seite. Der Stein war bisher noch nicht beschrieben.

Haben Sie schon mal etwas gefunden, das Sie nicht preisgegeben haben, um keine Raubgräber anzulocken?

OTT: Ja, genau diesen eben genannten Stein. Den haben wir wieder mit Erde bedeckt. Aber wir wollen ihn irgendwann freilegen und dann auch der Öffentlichkeit zugänglich machen. Dazu gehört auch die Aufstellung einer Informationstafel.

Wie viel Zeit investieren Sie in Ihr Hobby?

OTT: Das ist fast schon ein Fulltime-Job, den ich da mache. Es gibt außer den Grenzsteinen so viel Interessantes in unserer Heimat zu entdecken, was noch nicht beschrieben worden ist. Kürzlich habe ich die Reste von umfangreichen Gleisanlagen aus der Kriegszeit im Isenburger Wald identifiziert und dokumentiert. Es gibt Relikte einer Reihe von Flakstellungen in der Neu-Isenburger Gemarkung, über die kaum etwas bekannt ist. Das faszinierende an meinem Hobby ist die Mischung aus Archivarbeit, Befragung von Zeitzeugen, Suche und Aufbereitung von Daten am Computer und das Stöbern nach Artefakten in Wald und Feld.

Wie findet Ihre Familie Ihr außergewöhnliches Hobby?

OTT: Meine Töchter finden es interessant, sie haben aber natürlich einen anderen Fokus (lacht). Meine Enkel nehme ich gelegentlich auf Grenzsteinjagd mit.

Wie kamen Sie auf die Idee, die Webseite „Steine in der Dreieich“ ins Internet zu stellen?

OTT: Ich habe selbst in der „Landschaft Dreieich“ publiziert und merkte bald, dass damit nur ein sehr begrenzter Leserkreis angesprochen werden konnte. Das Internet hat den Vorteil, dass die Informationen weltweit zur Verfügung stehen und leicht zu finden sind. Fehler können korrigiert und neue Erkenntnisse unverzüglich veröffentlicht werden. Ich stehe auf dem Standpunkt, dass heimatkundliche Befunde einer breiten Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollen, damit das Bewusstsein für den Wert dieser Kleindenkmäler gesteigert wird. Diese Informationen dürfen nicht in Aktenordnern verloren gehen. Ich möchte erreichen, dass andere Menschen sich für unsere Lokalgeschichte interessieren. Wer die Vergangenheit kennt, kann die Gegenwart besser beurteilen. Die Rückmeldungen, die mich hinsichtlich meiner Webseite erreichen, stimmen mich positiv.

Sie haben das Hinnerbörnchen wieder gefunden, wonach forschen Sie jetzt?

OTT: Dies ist ein Missverständnis: Ich habe vor einigen Jahren den Grünen Born zwischen Götzenhain und Dietzenbach wiedergefunden. Das Hinnerbörnchen im Hainer Wald haben die Freunde Sprendlingens in Absprache mit dem Heimat- und Geschichtsverein Dreieichenhain renoviert. Der Zustand der Quelle war erbärmlich: Überall lagen Scherben und Müll. Die Freunde Sprendlinges haben die Initiative ergriffen und den Born und seine Umgebung wieder in einen akzeptablen Zustand versetzt. Die Sage, dass die Sprendlinger und Dreieichenhainer Kinder vom Storch aus dem Hinnerbörnchen geholt und zu ihren Eltern gebracht werden, war ein schöner Aufhänger für unsere Öffentlichkeitsarbeit. Was noch aussteht, ist die Sicherung der Standfestigkeit des pilzförmigen Unterstandes am Hinnerbörnchen. Hierfür suchen wir noch Sponsoren. Auf der Agenda des Vereins steht außerdem noch die Gestaltungssatzung für die Sprendlinger Altstadt. Wir wollen erreichen, dass die Sprendlinger Altstadt nicht durch weitere modernistische Bauten wie zum Beispiel Flachdachhäuser verunstaltet wird. Auf meinem persönlichen Arbeitsplan steht die Dokumentation der Steine der ehemaligen Gemarkungsgrenze von Philippseich und die Suche nach weiteren „Albini-Steinen“ im Messeler Wald. Dabei handelt es sich um seltene Jagdsteine, die keine Territorien, sondern Jagdgebiete markierten.

Um welche Zerstörung oder welchen Diebstahl haben Sie sich in jüngster Zeit am meisten geärgert?

Der schmerzhafteste Verlust betrifft zwei Sühnekreuze, die um 1970 gestohlen wurden. Sie standen an der Einmündung der Philippseicher Straße in die B486 und an der Kreisstraße zwischen Götzenhain und Dietzenbach. Sie befinden sich jetzt wohl in privaten Gärten. Die Freunde Sprendlingens haben je 500 Euro für Hinweise ausgelobt, die zur Wiederbeschaffung der Sühnekreuze führen. In jüngerer Zeit ist ein Wappenstein an der B 486 weggekommen.

Suchen Sie noch Mitstreiter?

OTT: Wir suchen noch aktive Mitarbeiter bei den Freunden Sprendlingens für unsere heimatkundlichen Aktivitäten. Bei meinen vom Verein unabhängigen Aktivitäten bekomme ich aufgrund meiner Webseite von vielen Menschen Hinweise zu Grenzsteinen, Kilometersteinen oder sonstigen Objekten. Ich bin sehr daran interessiert, diese Leute mit in die Recherchen einzubinden. Wir dokumentieren dann zusammen das entsprechende Objekt. Auch habe ich zwischenzeitlich viele heimatkundige Menschen kennengelernt, die mich bei spezifischen Fragestellungen unterstützen können. Falls hin und wieder einmal ein Grenzstein aufzurichten ist, kann ich mich auf Bekannte und Freunde verlassen, die mir dabei helfen.

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