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Das bedeuten die neuen Gedenktafeln auf dem Kelsterbacher Friedhof

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Der Lehrpfad zur Geschichte Kelsterbachs während der Nazi-Zeit wächst: Auf dem Friedhof wurden nun drei Gedenktafeln enthüllt, die auf das einstige Zwangsarbeiterlager und die Vertreibung der Kelsterbacher Juden verweisen.

Beim Volkstrauertag in Kelsterbach stand die Erinnerungskultur an vorderster Stelle. Zusätzlich zur üblichen Trauerfeier wurden drei weitere Tafeln für den Lehrpfad zur Geschichte Kelsterbachs während der Zeit des Nationalsozialismus von 1933 bis 1945 enthüllt. Sie erinnern an Zwangsarbeit und an ehemalige jüdische Bürger.

Bürgermeister Manfred Ockel und Stadtverordnetenvorsteherin Helga Oehne enthüllten die beiden ersten Tafeln auf dem Ehrenfriedhof. Sie nehmen Bezug auf das ehemalige Durchgangslanger des Gauarbeitsamtes im heutigen Gewerbegebiet Taubengrund. 214 dort beerdigte Menschen, darunter 68 Kinder unter zwei Jahren, waren Anfang der 1960er Jahre vom „Waldfriedhof“ im Taubengrund auf den Ehrenfriedhof der Stadt umgebettet worden.

Morde an Kindern

Im sogenannten Russenlager kamen von 1942 bis 1945 Tausende Zwangsarbeiter aus den Ostgebieten an, die von dort aus ins Rhein-Main-Gebiet zum Ersatz für die an der Front kämpfenden Männer eingesetzt wurden. Menschen starben im Lager an Krankheit und Schwäche, es gab Zwangsabtreibungen und Morde an Kleinkindern, für welche die Verantwortlichen selten zur Rechenschaft gezogen wurden. Die beiden Tafeln machen deutlich, was im Lager passierte und wer auf dem Friedhof begraben ist.

Der ehemalige Lehrer Harald Kreiling enthüllte die dritte Tafel an der Stelle des einstigen Jüdischen Friedhofs. Ihm und seinen Forschungen seit den 1980er Jahren ist es zu verdanken, dass Licht in das Dunkel der Zwangsarbeit gebracht wurde. Zudem hat Freiling das Leben und die Vertreibung der Kelsterbacher Juden akribisch aufgearbeitet.

Die Initiative Stolpersteine in Kelsterbach wirkte entscheidend an der Umsetzung eines Stadtverordnetenbeschlusses mit, der ein würdiges Andenken an die Opfer zum Ziel hat. Der Friedhof der Juden in Kelsterbach, für die im Stadtgebiet 53 Stolpersteine gelegt wurden, war 1942 auf Befehl des NSDAP-Ortsgruppenleiters und Bürgermeisters Karl Busch zerstört worden, die Grabsteine wurden zerschlagen. Busch musste später einen Gedenkstein finanzieren, neben dem heute eine Erläuterungstafel auf die einstigen jüdischen Bürger hinweist.

Das Gedenken in der Trauerhalle wurde von Manfred Ockel und Pfarrer Joachim Bundschuh gestaltet. Der Rathauschef spannte einen Bogen von den Vertreibungen seitens der Deutschen in den polnischen und sowjetischen Gebieten seit 1941 über die Massenflucht von Deutschen vor den heranrückenden russischen Armeen bis hin zur Aussiedlung von bis zu 14 Millionen Menschen aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten. „Der Volkstrauertag muss eine stete Mahnung zum Frieden sein, und auch die Kriege und Vertreibungen des Jahres 2016 dürfen uns nicht egal sein“, sagte Ockel.

Gefahren drohen

„Wir dürfen die Toten und die Schicksale der Menschen nicht vergessen, es ist unsere Pflicht, nicht nur beim Gedenken stehen zu bleiben. Wir müssen einwirken auf das Räderwerk des Krieges, den Waffenexport, die Armut und die Kriegsursachen“, mahnte Pfarrer Bundschuh. 71 Jahre Frieden in Deutschland dürften nicht blind machen für die Gefahren, die dem Frieden und der Demokratie drohten.

Die Feier, die nur wenig Zuspruch erhielt, wurde vom Streichorchester der Musikschule, dem Gesangverein Einigkeit sowie dem Evangelischen Bläserchor umrahmt. Anwesend waren Mitwirkende der Initiative Stolpersteine sowie einige Mitglieder des Ausländerbeirats und des Stadtparlaments. Sie bekundeten, dass Frieden immer ein Anliegen aller Menschen im Land sein müsse.

Nähere Informationen zum historischen Lehrpfad und den Gedenktafeln finden sich im Internet unter ,Kultur,Soziales/Lehrpfad NS-Zeit. Kostenlose Broschüren zum Thema gibt es bei Stadtarchivar Hartmut Blaum, Telefon (0 61 07) 773 332.

(fnp)

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