Bitte keine Haustiere gegen die Langeweile kaufen: Elke Klettke (links) und Judith Wagner vom Verein Meerschweinchen in Not befürchten, dass nach der Corona-Pandemie viele Nager in ihrer Pflegestation landen. Fotos: Rüdiger Koslowski
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Bitte keine Haustiere gegen die Langeweile kaufen: Elke Klettke (links) und Judith Wagner vom Verein Meerschweinchen in Not befürchten, dass nach der Corona-Pandemie viele Nager in ihrer Pflegestation landen.

Tiere

"Jeder glaubt, er habe Zeit"

Den Menschen fehlen soziale Kontakte, die Kinder haben keine Spielkameraden, es gibt keine Feste und Veranstaltungen. Aber was passiert mit Tieren, wenn das Leben wieder normal läuft? Spontan gekaufte Meerschweinchen landen oft in der Pflegestation.

Ferdinand ist der neuste Zugang des Kelsterbacher Vereins Meerschweinchen in Not. Das Böckchen ist ein kleiner wuseliger Genosse, der aus einem Privathaushalt kommt. Jetzt soll Ferdinand in der Pflegestation vergesellschaftet werden, erklärt Elke Klettke, die zweite Vorsitzende des Vereins.

Denn die geselligen Tiere sollten nicht allein gehalten und Ferdinand daher an einen Artgenossen gewöhnt werden. Der ehemalige Partner des Meerschweinchens ist verstorben, die Familie habe ihre Haltung deshalb aufgeben wollen, erzählt Klettke. Den Tierarztbesuch hat das Meerschweinchen bereits hinter sich gebracht. "Alles in Ordnung", berichtet Klettke erleichtert.

2021, dem zweiten Coronajahr, steht ausgerechnet ein runder Geburtstag an, denn der Verein Meerschweinchen in Not wird 20 Jahre alt. "Wir können leider nicht groß feiern", bedauert die Vorsitzende Judith Wagner. Die Vereinsaktiven würden indessen auf den Spätsommer und den Herbst hoffen, um das langjährige Bestehen zumindest mit einer kleinen Feier würdigen zu können.

Andere Haltung, längeres Leben

Zum 20. Geburtstag schenkte sich der Verein ein Info-Mobil, einen Anhänger, um sich bei Veranstaltungen flexibler zu präsentieren und das Infomaterial problemloser transportieren zu können. Die Meerschweinchen in Not hatten sich übrigens in Rüsselsheim gegründet. "Die Gründer wollten über die artgerechte Haltung von Meerschweinchen informieren", berichtet Wagner.

Seit vielen Jahren vermittelt der Verein zudem Meerschweinchen an neue Halter. Er nimmt Meerschweinchen in Not auf, Tiere, die zum Beispiel wegen einer Allergie abgegeben werden, deren Partner verstorben sind oder die ausgesetzt wurden. Aber auch Tiere, die in Massenhaltungen aufgefunden werden. Die Auflösung einer Haltung sei der häufigste Grund, sagt Klettke. Jährlich durchlaufen etwa 350 bis 400 Meerschweinchen den Verein. Derzeit sei das Kommen und Gehen der Tiere allerdings zurückgegangen. 49 Patentiere, die wegen ihres Alters nicht mehr vermittelbar sind, werden derzeit bei privaten Pflegestellen gehalten. In der Auffangstation in der Mörfelder Straße befinden sich aktuell 19 Tiere. Weitere 17 Vermittlungstiere werden privat gehalten.

Im Laufe der Jahre habe sich viel bei der Haltung von Meerschweinchen geändert. Früher seien die knuddeligen Tierchen, die eigentlich gar nicht geknuddelt werden sollen, wegen falscher Haltung häufig nicht älter als drei Jahre geworden. Heute erreichen sie durchaus das zehnte oder gar das zwölfte Lebensjahr. Die Tiere würden viel Platz benötigen, Bewegung sei sehr wichtig, erklärt Klettke. Vor allem hätten sie nichts im Stall von Kaninchen zu suchen, würden aber gerne mit ihren Artgenossen in Gruppen leben. Ein Außengehege ist erst bei einer Anzahl von acht Tieren sinnvoll, weil sie sich sonst nicht gegenseitig wärmen können. Sie benötigen viel Heu und Frischfutter, Körnerfutter soll nur sparsam verwendet werden.

Solche Tipps sind gerade jetzt wichtig. "Wir könnten jede Woche 30 Tiere vermitteln", sagt Klettke. Die Meerschweinchenhaltung erlebt gerade einen Boom. "Jeder glaubt, er habe Zeit", sagt die zweite Vorsitzende. Die Meerschweinchen werden in Tierhandlungen gekauft, wo sie zeitweise ausverkauft seien. Sogar beim Online-Auktionator gibt es Tiere, wo der Preis von 20 auf 100 Euro gestiegen sei. Auch der Verein erhalte deutlich mehr Anfragen als vor der Pandemie.

Keine Schmusetiere

In den Gesprächen hören die Vermittler die Gründe heraus: Den Menschen fehlen soziale Kontakte, die Kinder haben keine Spielkameraden, es gibt keine Feste und Veranstaltungen. "Aber was passiert mit den Tieren, wenn das Leben wieder normal läuft?", fragt Wagner. Zurzeit vermittelt der Verein keine Meerschweinchen. Denn die Helfer besuchen auch das neue Zuhause der Tiere, und das ist aktuell nicht möglich. Ausgenommen sind Notfälle, wenn ein Partnertier gestorben ist.

Kürzlich kam ein Tier zum Verein. Es sei im vergangenen Jahr gekauft worden. Die Familie habe festgestellt, dass man es nicht hochnehmen könne, es beiße. Klettke betont, dass die Meerschweinchen für Kinder unter acht Jahren nicht geeignet seien. Es seien Fluchttiere und keine Schmusetiere. Wagner befürchtet, dass die Tiere, die in diesen Wochen und Monaten gekauft werden, in großer Zahl beim Verein Meerschweinchen in Not landen würden. Das fange jetzt schon langsam an. Klettke spricht von der Corona-Generation. Die "Spontankäufe" würden wieder abgegeben werden.

Die Pandemie macht dem Verein indessen finanziell zu schaffen. Wagner zählt auf: Kein Osterbasar, kein Sommerfest, kein Altstadtfest, kein Flohmarkt, es seien einige Tausend Euro weggefallen. Der Verein sei deshalb bei den Kosten für Futter, Heu und Tierarzt auf Spenden angewiesen. Derzeit würden sie sich über Patenschaften freuen. Der Pate erhalte einen Patenbrief für eine Spende von mindestens fünf Euro. Mit diesem Beitrag unterstütze er den Verein. Rüdiger Koslowski

Niedliche Nager: Meerschweinchen, wie Flora (links) und Tammy, erleben gerade einen Boom.

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