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Sie war keine Hexe im üblichen Sinn

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Von: Carmen Erlenbach

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Stadtarchivar Hartmut Blaum mit der Akte »Catharina«.
Stadtarchivar Hartmut Blaum mit der Akte »Catharina«. © Carmen Erlenbach

Es ist ein dunkles Kapitel aus dem Mittelalter: Catharina von Kelsterbach wurde bezichtigt, eine Hexe zu sein. Doch sie kämpfte und entging so dem Scheiterhaufen.

„Heia, Walpurgisnacht!“ So freut sich „Die kleine Hexe“ von Otfried Preußler über die Nacht vom 30. April auf den 1. Mai. Die Hexennacht birgt jedoch nicht nur niedliche Aspekte für Kinder, sondern auch Erinnerungen an ein dunkles Kapitel im Mittelalter.

Kelsterbachs Stadtarchivar Hartmut Blaum nimmt die Walpurgisnacht zum Anlass, an die Geschichte einer außergewöhnlichen Frau zu erinnern, als die Hexenverfolgung voll im Gang war. Mit seinem einstigen Kollegen Andreas Wörner hatte er anhand zehn historischer Dokumente recherchiert, was Catharina von Kelsterbach, Ehefrau des Fährmanns Joachim von Hoechst, zwischen dem 14. Oktober und 28. Dezember 1571 widerfahren war – und 2007 ein Buch darüber veröffentlicht. Es sei einer der glücklichen Fälle mit glücklichem Ausgang, so Blaum. Denn die vermeintliche Schadenszauberin war am Ende ihrer Verbrennung auf einem Scheiterhaufen entgangen. Sie sei keine Hexe im üblichen Sinn gewesen, aber bezichtigt worden, aufgrund gewisser Machenschaften allerlei Nachteile bewirkt zu haben.

Zauberei angehängt

Das wurde bei den Recherchen in zehn Schriftstücken aus dieser Zeit deutlich, die wiederum einstige Lebensumstände verdeutlichten. Blaum sah einen Anlass für Nachforschungen, weil ein evangelischer Pfarrer in Kelsterbach einst behauptete, der Ort sei nicht von der Hexenverfolgung betroffen gewesen. Der Fall Catharina ist schon deshalb außergewöhnlich, weil sie die Gattin eines Fährmanns und Mutter von zwölf Kindern war und in Armseligkeit hauste.

Rückblick: Als der Main die Leiche eines Schnitters und Wanderarbeiters namens Klem im Oktober 1571 in Kelsterbach ans Ufer getrieben hatte, wurde über Catharina bereits im ganzen Ort getratscht. Der betagten Frau wurde Zauberei angehängt, und dass ihre jüngste Tochter „ein lahmer Krüppel“ sei, daran habe sie auch schuld. Catharina war aus Kostengründen mit ihrer gelähmten Tochter nicht etwa zu einem Arzt gegangen, sondern zu einem Heiler in Hanau. Laut Klems Witwe habe er behauptet, Catharina habe der Schlag gerührt, und deshalb sei die Tochter lahm.

Der Tote hatte 30 Gulden bei sich getragen, damals also eine große Summe und vermutlich sein gesamtes Erntegeld. Nun kam der Tratsch über Catharina so richtig in Gang, denn sie wurde in der Nähe der Leiche gesehen – und die 30 Gulden waren weg. So kam es, dass ihr angehängt wurde, sie sei an dem Raub beteiligt gewesen oder gar selbst eine Diebin – und als solche bei Wasser und Brot in einen unbeheizten Turm in Langen gebracht wurde. Sie wurde auch der Zauberei verdächtigt, „nachdem sie landläuffiger weiß bezichtigt und beschreyet sey“.

Es war kalt, und Catharina wurde zunächst in einem Turm vier Tage lang vergeblich gefesselt und gefoltert. Denn sie gestand nicht. Dann blieb sie in der kalten Jahreszeit vier Monate im Gemeindehaus, also Rathaus, in Langen, bevor am 30. Oktober der Scharfrichter „Meister Ludwig“ aus Büdingen herbei zitiert wurde. In Langen werde ein Weibsbild gefangen gehalten, gegen die man mit der Tortur vorgehen wolle. Es sollte möglichst rasch ein Ergebnis vorliegen, weil der Scharfrichter Ludwig im Wirtshaus logierte und Kosten verursachte.

Keine Beweise

Das rief Catharinas Ehemann Joachim auf den Plan, und er reagierte. Er wandte sich mit der Bitte um die Freilassung seiner Frau an seinen Herren, den Grafen Wolfgang von Ysenburg-Büdingen. Der gab bei dem Frankfurter Stadtadvocat Niclas Burckardt ein Rechtsgutachten in Auftrag, laut dem dann keinerlei Indizien gegen Catharina vorlagen, die für eine Verurteilung ausreichten. Er verurteilte die Folter als unrechtmäßig. Es lägen keine Beweise wegen Zauberei gegen Catharina vor. Es handele sich um „unnütz geschrey und weiber schedigung“. Er empfahl Catharinas Freilassung und den Streit mit der „Urpfede“ beizulegen, um so den Rechtsfrieden wieder herzustellen. Das hätte sie dazu verpflichtet, die Verfahrenskosten zu tragen. Die taffe Frau tat einen Teufel. Sie leistete den Urfrieden nicht. Stattdessen forderte sie den Ysenburger Grafen Wolfgang als Landesherren in einem Brief auf, ihre Unschuld zu bestätigen. Darauf ließ er sich ein.

Mit seiner Antwort von nur einem einzigen Satz „Ist aus beweglichen Ursachen abgeschlagen worden“ enden die Dokumente, in denen Blaum für diese Geschichte recherchierte. Jedenfalls landete Catharina nicht auf dem Scheiterhaufen und konnte ihr Leben weiterhin genießen.

Der Kelsterbacher Hexenfall ist in die Historie der Grafschaft Ysenburg-Büdingen eingebettet, zu denen unter anderem Dreieich und Kelsterbach zählten. In Zweifelsfällen wandten sich Ankläger zur Klärung von Fällen an die juristische Fakultät in Frankfurt, wie bei Catharina. Während der Hexenverfolgung wurden einst 1722 Menschen hingerichtet. Catharinas Fall fiel glücklicherweise nicht in den Dreißigjährigen Krieg, sonst hätte sie wohl das gleiche Schicksal ereilt.

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