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Bernd Petri (v. l.), Vorsitzender des Nabu-Kreisverbands, lädt die Brüder Klaus und Edward Leyerer ein, Kormorane durch sein Spektiv zu beobachten.

Mönchwaldsee Kelsterbach

„Nutzungsverbot ist übertrieben“

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Bernd Petri vom Nabu kümmert sich gern um alles, was den Mönchwaldsee betrifft. Das Verbot, sich dort aufzuhalten oder zu tauchen, hält er für übertrieben.

Mit leisem Geplätscher trifft das klare Wasser des idyllischen Mönchwaldsees auf große Steine mit bunter Zeichnung am Ufer. Die Wellen spiegeln den blauen Himmel und brechen das Sonnenlicht. Aus der Ferne erklingt der zarte Balzruf „Gie-gie-gie-giegick“ des Zwergtauchers, der mit seiner Partnerin einen Duettgesang anstimmt. Nur wenige Meter weiter berührt das Fahrwerk einer Maschine unter ohrenbetäubendem Lärm auf der neuen Nordwest-Landebahn des Frankfurter Flughafens den Boden.

Eine Dame hat es sich auf einer Decke am Ufer gemütlich gemacht und sonnt sich, während zwei ganz in Schwarz gekleidete Taucher im sechs Grad kalten Wasser die letzten Vorbereitungen für einen 50-minütigen Tauchgang treffen. Es ist kein Zufall, dass das Tauchen, ebenso wie das Schwimmen, Zelten und andere Aktivitäten dort verboten sind. Denn der herrliche, mit 34 Metern für diese Region aber sehr tiefe und darum heimtückische See mitten im EU-Vogelschutzgebiet hat in der Vergangenheit bereits einige Todesopfer gefordert. Dass er trotzdem seine Attraktivität für Taucher nicht verliert und sogar Tauchlehrer mit ihren Schülern reizt, sich über das Verbot hinwegzusetzen, liegt daran, dass sich das Gewässer im Umkreis von 80 Kilometern als einziges für einen Tiefgang eignet.

Weil kein Taucher erwischt werden, dennoch aber seine Erlebnisse im See mit Gleichgesinnten teilen will, sind unter Pseudonymen verfasste Berichte und auch Filmdokumentationen im Internet zu finden. Mitunter heißt es, die Sicht im See sei wegen der Nähe zur neuen Landebahn extrem schlecht geworden, und Flora und Fauna in und um ihn herum seien beeinträchtigt. Deshalb hat sich Bernd Petri, seit 1993 Vorsitzender des Kreisverbandes des Naturschutzbunds (Nabu), zu einer Tour um den See aufgemacht. „Ich beobachte ihn nun schon seit 20 Jahren und habe auch Gutachten für den Flughafenbetreiber Fraport erstellt, aber ich habe keine negativen Veränderungen festgestellt“, erklärt er.

Bei dem etwa 115 Hektar großen Gewässer handelt es sich um einen Baggersee, der bis vor etwa 30 Jahren ausgekiest wurde und seither der Renaturierung überlassen ist. „Man kann ihn nicht zu einem öffentlichen Gewässer machen, das gäbe Haftungsprobleme“, so Petri. Der See, an dem sich unter anderem Nutrias tummeln, dient als Rückzugs-, Überwinterungs- und Brutzone für verschiedene Arten auf der Roten Liste, die vom Aussterben bedroht sind. Mangels Flachwasserzonen, auf die viele Arten angewiesen sind, finden sich dort jedoch nur einige wie Blesshühner, Rohrdommeln und Zwergtaucher. Das Gewässer steht im räumlichen und ökologischen Zusammenhang mit dem etwa einen Kilometer entfernten Staudenweiher, und es gibt auch einen regen Austausch mit Vögeln vom Main wie den Kormoranen.

Damit Kormorane für die Futtersuche wesentlich tiefer als Artgenossen tauchen können, fetten sie ihr Gefieder nicht so stark ein. Deshalb ist es hinterher nass, weshalb sich die schwarzen und ziemlich großen Vögel dann auf Baumstämmen in Ufernähe niederlassen, majestätisch die Flügel ausbreiten und sie in der Sonne trocknen lassen.

Mitunter ziehen morgens in aller Herrgottsfrühe auch Scharen von gefiederten Freunden von der Eddersheimer Schleuse und anderen Gewässern zum Frühstück an den Mönchwaldsee, darunter Stock-, Reiher- und Tafelenten, für die es wie für die Schnatter- und Krickenten auch als Winterquartier interessant ist. Gelegentlich können auch Graureiher am Ufer entdeckt werden, zudem einige Schwäne, und eine westlich und von Schilf bewachsene Landzunge dient als Unterschlupf für Rohrdommeln. Um den See herum balzen zurzeit viele Spechte, die demnächst mit der Brut beginnen.

Die Taucher stellen auch unter der Oberfläche keinerlei Beeinträchtigungen des Gewässers wegen der Nähe zur Landebahn fest. Das Wasser sei herrlich grün, die Sicht gut, und es gäbe neben großen Hechten und Welsen viele Krebse.

Die neue Landebahn mit ihrer Sichtschutzbarriere ragt auf einem mehrere hundert Meter langen Abschnitt direkt an den See heran. Zwischen ihm und dem benachbarten Flughafen herrscht eine funktionierende Co-Existenz. Ein mögliches Problem könne laut Petri jedoch entstehen, wenn andere Seen im Umkreis während einer langen Frostperiode zufrieren sollten, der Mönchwaldsee wegen seiner enormen Tiefe aber nicht, und er dann als Rückzugszone für Scharen von gefiederten Freunden dienen würde. Denn sie könnten wegen der Nähe zur Landebahn wegen des nur lückenhaften Sichtschutzes dorthin fliegen und den gefürchteten und gefährlichen Vogelschlag verursachen. 2003, als der Mönchwaldsee als einziger im Umkreis nicht zugefroren war und sich tausende von Enten alleine an einem Tag dort aufhielten, gab es die Landebahn noch nicht. Folglich fehlt bislang ein Erfahrungswert.

Petri zeigt Verständnis für das Bedürfnis der Bevölkerung, den Mönchwaldsee für Freizeitaktivitäten zu nutzen. „Die Menschen leben hier, sie arbeiten hier, und sie suchen auch hier Erholung.“ Und wer im Sommer dort schwimmen gehe oder sich sonne, beeinträchtige nicht das bis dahin erledigte Brutgeschäft. Es sei wichtig, dass die Bevölkerung in der Metropolregion und bei dem bedeutendsten Verkehrsknotenpunkt in ganz Europa nicht von der Natur ausgeschlossen werde, weil sie sonst das Bewusstsein für sie verliere.

Ihm sei zu Ohren gekommen, dass Mitarbeiter der Stadt Kelsterbach „Knöllchen“ an Gäste verteilten, die sich über das Nutzungsverbot des Sees hinwegsetzen. „Das halte ich für übertrieben“, so Petri. Ein paar Badegäste und Taucher würden dem Gewässer nicht schaden, das eh regelmäßig überwacht werde. Als oberstes Gebot für alle Gäste gelte jedoch, keinen Müll zu hinterlassen. „Würden sie mehr darum gebeten und informiert statt kontrolliert, so wüchse auch das Naturbewusstsein“, so Petri.

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