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So war der Poetry Slam im Brauhaus

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Von: Leo Postl

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Slam-Poet Lars Ruppel teilte seine Gedanken zur Redewendung ?Alter Schwede?.
Slam-Poet Lars Ruppel teilte seine Gedanken zur Redewendung ?Alter Schwede?. © Leo F. Postl

Poetry Slam goes Brauerei – Von der Stadtbibliothek zog das beliebte Turnier nun in das Brauhaus des Comfort Hotel auf dem Mönchofgelände um. Die drei für den Abend angekündigten Poeten unterhielten mit sozialkritischem Humor und fragten nach dem Sinn bekannter Redewendungen,

In der Brauerei des Comfort Hotels auf dem Mönchhof-Gelände ließen die „freien Poeten“ vor den Kesseln mächtig literarischen Dampf ab. Nach den ersten beiden recht erfolgreichen Poetry Slams in der Kelsterbacher Stadtbibliothek ging das Volksbildungswerk Kelsterbach nun buchstäblich neue Wege und wechselte den Veranstaltungsort. „Wir hatten dort das letzte Mal fast 100 Besucher, das war ziemlich eng“, begründete Volksbildungswerk-Vorsitzender Hartmut Blaum die Verlegung in das – zumindest für Kelsterbacher Besucher – weiter entfernte Brauhaus. Mit im Organisationsteam war das städtische Kulturamt um Robin Schmalz.

Mit Lars Ruppel konnte man einen ganz Arrivierten aus der Poetry Slam-Szene gewinnen, dazu gesellte sich Tanasgol Sabbagh, die in Friedberg aufgewachsen ist. Doch was ist eigentlich ein Poetry Slam? Man könnte dies als modernen Dichterwettstreit beschreiben, wobei die wichtigste Bedingung ist, dass die vor dem Publikum vorzutragenden Texte aus eigenen Gedankengut stammen müssen. Poetry Slams sind Mitte der 80er Jahre in Chicago entstanden und haben sich im Laufe der Zeit weltweit so erfolgreich verbreitet, dass inzwischen in nahezu jeder deutschen Großstadt mindestens ein regelmäßiger Poetry Slam ausgetragen wird. Nun ist Kelsterbach keine Großstadt von der Bevölkerungszahl her gesehen, doch hat sich die Untermainstadt aufgrund des Engagements von Hartmut Blaum schon zu einem bekannten Ort für Poetry Slam-Veranstaltungen entwickelt.

Drei Autoren unterhalten

„Wir haben hier und heute zwar keinen Wettbewerb, aber dennoch dürften der Reiz bei den drei Autoren darin liegen, möglichst gut beim Publikum anzukommen“, beschrieb Hartmut Blaum die Stimmungslage. Er wünschte den nahezu 100 Gästen – wenngleich es keinen Wettstreit geben wird – dennoch einen vergnüglichen, aber auch lehrreichen Abend mit den drei Poetry-Autoren.

Traditionell sind die Werke von Poetry Slammern komisch oder ernst und beschäftigen sich häufig mit Alltäglichem oder Erlebtem. Aber generell ist alles erlaubt und alles darf erwartet werden. Lars Ruppel, Tanasgol Sabaggh und Rainer Holl widmeten sich recht unterschiedlichen Themen. Allen eigen war, dass sie mit ihren Vorträgen den gespannt lauschenden Zuhörern dennoch viel Raum für eigene Interpretationen ließen. Während Rainer Holl noch auf sein schriftlich verfasstes Manuskript vertraute, trugen Sabaggh und Ruppel ihre Texte frei vor. Hier zeigte sich schon die Routine von Lars Ruppel, der auch mal spontan auf eine Regung aus dem Publikum humorvoll einging, um dann ungestört wieder fortzufahren.

„Was bedeutet es eigentlich, sich wie ein Schneekönig zu freuen? Oder was meint jemand mit alter Schwede?“, kam Lars Ruppel auf bekannte Redewendungen zu sprechen. Basierend auf dem „Alter Schwede“ trug er sein literarisch besten ausgefeiltes Werk vor, in dem ein Schwede in den Wald geht, dort mit seiner Axt einen Fichtenstamm bearbeitet, bis daraus schließlich ein (schwedisches) Regal wird. Beim Aufbau gab es freilich die bekannten Probleme, es fehlten Nägel und Schrauben, die Schubladen quietschten und überhaupt war das Ergebnis alles andere als ein Schmuckstück in der Wohnung.

Die immer Gebärende

Tanasgol Sabbagh hatte mit „Aisha“ ein zeitkritisches Werk verfasst, in dem sie auf die Gleichberechtigung der (arabischen) Frau abzielte. „Was ist aus deinem starken Willen geworden. Man dir immer nur befohlen. Bist du nur die immer Gebärende?“, so Sabbagh. Sie stellte abschließende die Frage: „Wie lange wird es noch dauern, dich als Frau zu sehen?“

Mit „Deutschland, Deutschland über alles – Scheiße“, traf Rainer Holl auch den politischen Nerv der heutigen Gesellschaft. „In Bochum im Ruhrgebiet wird die Wäsche beim Trocknen nicht mehr schwarz und alle sterben auch nicht mehr an Tuberkulose“, warb Holl für das grüne Land. „Und auch Dortmund ist schön. Dort gibt es zwischen zehn und zwölf Uhr das elf. Bier frei“, hatte er die Lacher auf seiner Seite.

„Sitzen sie in fünf Minuten noch dort, wo sie jetzt sitzen?“, wollte Lars Ruppel von einer Besucherin wissen. Sie nickte zustimmend. „Da rufen sie, wenn ich zufällig auf sie zeige, einfach Zugabe“, so der Poet. Und die Zugabe kam dann auch. Ein Schneekönig hatte einen Traum von einer Schneekönigin – doch die schmolz über Nacht. „Und wenn der Schnee-Hofer keine Schnee-Revolution in seinem Schnee-Land und in der Folge in Schnee-Europa keinen Schnee-Exit gegeben hätte, ja dann ..“ – und aus war der Traum.

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