Aus der Chronik 100 Jahre Arztpraxis Ritz: Dr. Ritz mit Schwester Hannah bei der Untersuchung einer Glanzstoffmitarbeiterin. Repro: Postl
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Aus der Chronik 100 Jahre Arztpraxis Ritz: Dr. Ritz mit Schwester Hannah bei der Untersuchung einer Glanzstoffmitarbeiterin. Repro: Postl

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Seit 100 Jahren im Dienst der Gesundheit

  • VonLeo Postl
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Praxis Ritz feiert Geburtstag - Geschichte in Chronik dokumentiert

"Ihne Ihrn Vadder hott misch uff die Welt gebracht" - diesen Satz hört nicht nur Dr. Harald Ritz öfter. Auch seinem Vater Guido und bereits dem Großvater Dr. Aloys Ritz samt Familienmitgliedern wurde dieses "Erlebnis" von vielen Kelsterbachern schon vorgebracht. Kein Wunder, denn seit nunmehr 100 Jahren kümmern sich drei Generationen Ärzte aus der Familie Ritz um die Gesundheit der Menschen in der Untermainstadt.

Dr. Ute Ritz-Müller hat diese beeindruckende Geschichte nun in einer Familienchronik dokumentiert. Begonnen hat diese 100-jährige Tradition mit Dr. Aloys Ritz, der drei Jahre nach dem Ersten Weltkrieg nach Kelsterbach kam. Er ersetzte Dr. Pfeiffer, der im selben Jahr in den Ruhestand getreten war, seine Praxis aufgegeben und sein Haus in der Stegstraße 37 an die katholische Kirchengemeinde verkauft hatte. Gemeinsam mit Dr. Kessel, der bereits seit 1915 in Kelsterbach praktizierte, versorgte Dr. Aloys Ritz die damals noch nicht einmal 4000 Einwohner zählende Gemeinde.

Im Verlauf des Zweiten Weltkriegs zog sich Dr. Kessel eine Infektion mit tödlichen Folgen zu, so dass bis Kriegsende die alleinige medizinische Versorgung des Ortes bei Dr. Ritz lag. Dabei kam ihm zugute, dass Dr. Aloys Ritz der Typ eines klassischen Hausarztes mit einem großen Behandlungsspektrum war.

Geburtshilfe spielte eine große Rolle

Nach der Eheschließung mit der Tochter des Kelsterbacher "Hörnche"-Wirts im Jahr 1926 hatte Aloys Ritz das malerisch am Main gelegene, zwischenzeitlich aber aufgegebene Gasthaus "Zur Mainlust" erworben und renovieren lassen. Im Erdgeschoss richtet Ritz die Arztpraxis ein, die beiden Obergeschosse dienten als Wohnraum für seine sich in den Jahren vergrößernde Familie.

Im Rahmen der ärztlichen Tätigkeiten spielte die Geburtshilfe eine große Rolle. Noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts waren Hausgeburten auf dem Land die Regel. Im Laufe seines ärztlichen Wirkens stand Aloys Ritz so vielen Wöchnerinnen im Kindbett bei, woran seine ebenfalls zu Hause entbundenen, eigenen Kinder später immer wieder mit dem Satz "Ihne Ihrn Vadder hott misch uff die Welt gebracht", erinnert wurden.

Auch Erna Nelke wurde 1925 vom damals noch jungen Dr. Ritz auf die Welt geholt. Um sie zum Schreien zu veranlassen, klopfte der Arzt der Neugeborenen nicht nur auf den Po, sondern goss ihr zusätzlich eine Tasse mit kaltem Wasser über den Kopf. Immer wenn Erna später unartig war, bekam sie von ihrer Mutter vorgehalten: "Du hast schon bei deiner Geburt den Hintern versohlt bekommen!"

Die Geschichte wiederholt sich

Neben der ärztlichen Versorgung von Privatpatienten - das waren damals alle - war Aloys Ritz auch als Vertragsarzt für das aufstrebende Glanzstoffwerk tätig. Diese Verbindung übertrug sich auch auf seinen Sohn und späteren Nachfolger Guido.

Dieser promovierte 1958 mit der Dissertation "Zur Frage der Verhütung von Schwefelkohlenstoffvergiftungen in einem Betrieb der Kunstseidenindustrie". Diese Dissertation lieferte wichtige Erkenntnisse für die Verantwortlichen des Kelsterbacher Glanzstoffwerkes, denn von den nahezu 2500 Beschäftigten waren rund 200 an besonders "kritischen" Arbeitsplätzen tätig.

Dr. Guido Ritz leistete zunächst im Frankfurter St. Markus-Krankenhaus seine Pflichtassistenz ab und bekleidete danach die Stelle eines Stationsarztes in der chirurgischen Abteilung. 1961 übernahm dann - entgegen seiner eigentlichen "Berufung", der Chirurgie - Dr. Guido Ritz die Praxis seines Vaters Aloys.

Für kleinere Eingriffe überwies Guido Ritz seine Patienten nicht etwa an ein Krankenhaus, sondern führte diese in seiner Praxis selbst durch. Im Nähen von Wunden galt er als unübertroffen. Aber auch in anderen medizinischen Feldern war Guido Ritz sehr engagiert, dass ihm 1970 von der Landesärztekammer Hessen die Anerkennung als Arzt für Allgemeinmedizin verliehen wurde. Das große Hobby des Kelsterbacher Arztes waren Urlaubsreisen nach Spanien und Italien, sowie die Taubenzucht.

Nun wiederholte sich die Familiengeschichte Ritz. Auch Dr. Guido Ritz holte seinen, ebenfalls als Hausgeburt zur Welt gekommenen Sohn Harald, in die Praxis.

Harald Ritz hatte zuvor im Diakonissen-Krankenhaus in Frankfurt eine Ausbildung zum Facharzt für Innere Medizin durchlaufen. Dr. Harald Ritz modernisierte die Praxis, führte neue Medizintechnik ein, wie Sonographie-Geräte und Belastungs-EKG. Dabei kam ihm seine Erfahrung aus der Freizeit, dem Radsport, zugute. Nach sportlichen Aktivitäten als junger Handballspieler beim BSC Kelsterbach und Skifahren, widmete sich Harald Ritz mehr und mehr dem Rennradsport.

So fuhr er die bekannt schweren Touren wie Paris-Roubaix und Mailand-San Remo. Zahlreiche "Pflastersteine", die als Siegprämien für das Rennen Paris-Roubaix verliehen werden, zeugen von den sportlichen Erfolgen des Radrennfahrers Harald Ritz. Ein schwerer Sturz im Taunus beendete die sportliche Karriere und veranlasste seine Vater Guido zum Spruch: "Würdest du Tauben züchten, wäre dir das nicht passiert!"

Harald Ritz hatte 2006 die Praxis von Dr. Hakam in der Wiechertstraße übernommen. Nach dessen Ausscheiden erhielt er mit Dr. Christine Sprenger eine kompetente wie sympathische Kollegin zur Verstärkung. Ein engagiertes und versiertes Praxisteam sorgt sich nun im Jahr des 100-jährigen Familienunternehmens um die Gesundheit vieler Patientinnen und Patienten - nicht nur aus Kelsterbach. Leo F. Postl

Grund zum Feiern hat das Team um Dr. Harald Ritz (hinten links) und Dr. Christine Sprenger (rechts), besteht die Praxis als Familienunternehmen schon seit drei Generationen.

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