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Vater Jochen Börner kümmert sich um seinen Sohn Mark-Philip im Pflege-Zimmer.

Unfall als Einjähriger

Dieser Mann lebt seit 25 Jahren im Wachkoma - Vater kümmert sich liebevoll um ihn

Mark-Philip Börner fiel nach einem Unfall als Einjähriger ins Wachkoma. Vater Jochen Börner pflegt seinen Sohn seitdem mit Hingabe und rund um die Uhr in den eigenen vier Wänden.

Kelsterbach - „Sie schaffen es nicht“ – das sind die Worte eines leitenden Arztes, die noch im Gedächtnis von Jochen Börner schallen. Gegen den Rat der Ärzte beschlossen er und Philips Mutter Antje Börner, ihren damals dreijährigen Sohn, der zuvor zwei Jahre lang auf der Intensivstation gelegen hatte, zu Hause zu pflegen.

Ein Schicksalsschlag veränderte das Leben des kleinen Mark-Philip und seiner Familie am Sonntag, 11. September 1994. Der kleine Junge spielte im Garten und fiel plötzlich in einen Teich. Eine Notärztin schaffte es noch, ihn zurück ins Leben zu holen, doch seit diesem Tag muss Philip ums Überleben kämpfen. Er befindet sich seit 25 Jahren im Wachkoma. Liebevoll kümmert sich der 57-jährige Vater, der von zu Hause aus arbeiten muss, um seinen Sohn. Die ersten Jahre nach dem Unfall seien von Klinikaufenthalten geprägt. Fieber, Krämpfe und Lungenentzündungen gehörten zum Alltag. „Sein Zustand ist heute stabiler“, sagt Jochen Börner. Er, seine Frau Antje, und ein Pflegedienst kümmern sich um den mittlerweile 26-Jährigen. Die meiste Zeit verbringt er in seinem Rollstuhl oder im Pflegebett. Auf dem Nachttisch liegen verschiedene Medikamente. „Offiziell ist Philip als blind und taub eingestuft“, erklärt der Vater. Man könne nicht wissen, was Philip wahrnehme.

Mark-Philip einige Wochen vor dem Unfall.

Er streichelt behutsam Philips Arm, berührt sanft sein Gesicht. „Berührungen wie Streicheln und Massagen sind für Philip sehr wichtig. Sie lassen ihn spüren, wo seine Grenzen sind. Wo er anfängt und aufhört. Das gibt ihm Sicherheit. Es ist eine Art von ,Bonbons’, die man ihm geben kann. Ohne diese verliert er sich im Nichts“, sagt Börner. Vater und Sohn verstehen sich auch ohne Worte. „Manchmal strahlt Philip eine Ruhe aus, die den gesamten Raum regelrecht flutet. Ich erkenne, wie es ihm geht. Man lernt über die Jahre, sein Empfinden vom Gesicht abzulesen und entsprechend zu handeln“, führt er weiter aus.

Eigene Webseite

Jochen Börner sorge sich täglich um das Wohlergehen seines Sohnes, er befinde sich permanent im „Dauerausnahmezustand“ – das sei nichts Ungewöhnliches nach so vielen Jahren. „Nachts ist Philip am Monitor angeschlossen, der seinen Puls sowie die Sauerstoffsättigung misst. Es kommt vor, dass ich kurz bevor der Alarm los geht, aufwache und merke, dass etwas nicht stimmt. Ein falscher Atemzug genügt schon. Diese starke Bindung ist jedoch nicht immer ein Segen“, gibt Börner zu.

Seit dem Jahr 2001 dokumentiert der Vater die Erfahrungen auf seiner selbsterstellten Webseite . Damit möchte er Menschen, die ebenfalls Angehörige im Wachkomazustand pflegen, aufmuntern und ihnen Ratschläge geben. Außerdem verschaffe er sich damit einen Weg, seinen Frust über Ärgernisse rund um die Pflege zu kanalisieren. Seine Homepage dient für ihn als eine Art Wikipedia, weil er nachschauen kann, wie er in bestimmten Situationen gehandelt hat. „Ich dokumentiere nicht nur Philips, sondern gleichzeitig auch mein Leben. Auch wenn ich selbst kaum erwähnt werde.“

Jochen Börner erntete auf seiner Webseite auch Kritik. Dass es moralisch nicht vertretbar sei, Philip in diesem qualvollen Zustand leben zu lassen, wurde ihm bereits vorgeworfen. Doch der Vater begründet, wieso er in diesem Falle gegen die Sterbehilfe ist: „Ich glaube nicht, dass Philip unbedingt so leben will. Aber keiner kann wissen, wie es ihm wirklich geht. Man kann nicht ausschließen, dass er durchaus eine Lebensqualität hat, die für ihn lebenswert erscheint. Die Entscheidung liegt nicht bei mir, sondern bei Mark-Philip.“

Gesundheitszustand stabil

Börner gibt aber zu, dass er sich in besonders kritischen Phasen gewünscht hätte, dass sein Sohn von seinen Schmerzen erlöst wird. „Ihm geht es heute erheblich besser, er braucht weniger Medikamente als früher“, sagt er.

Philip leidet unter einer ausgeprägten Skoliose und ist spastisch gelähmt. Alle fünf Jahre wird eine implantierte Lioresalpumpe in seinem Unterleib gewechselt. „Das Baclofen wirkt lokal und hilft gegen die Spastik“, erläutert Jochen. „Keiner schätzt die Arbeit, die man tut. Die fachliche Kompetenz wird von den Ärzten meistens unterschätzt“, sagt er. Von den Ärzten fühle er sich manchmal nicht ernst genommen, und auch schlechte Erfahrungen blieben nicht aus. „Es kam leider ein paar Mal vor, dass die Ärzte den Ernst der Situation nicht erkannt haben. Als wir am Tag des Unglücks über die 110 den Notarzt verständigten, verspätete der Notarztwagen sich um fast eine Stunde. Die Sanitäter waren da, der Notarzt habe angeblich den Weg nicht gefunden“, erzählt Börner. Währenddessen reanimierte er seinen Sohn. Auch heute noch kämpft er um Philips Leben und versucht, ihm die schönen Seiten zu zeigen.

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