Familienbetrieb

Traditionsbäckerei Möser in Kelsterbach muss schließen

  • VonUwe Grünheid
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Die Bäckerei und Konditorei Möser gibt es in Kelsterbach seit 1762. Sie ist damit das älteste Geschäft der Untermainstadt. Doch weil kein Bäcker gefunden wurde, der den Familienbetrieb fortführen will, schließt er Ende Mai seine Pforten.

„Der Morgen eines Bäckers beginnt um 23 Uhr“, sagt Norbert Möser, Inhaber der Traditionsbäckerei in der Mainstraße. Das ist fürwahr ein hartes Brot, das der heute 66-Jährige seit 1968 auf sich genommen hat, doch wenn am Ende duftendes Brot, frische Brötchen und schmackhafte Kuchen und Torten dabei herauskommen, dann hat sich dieser Aufwand gelohnt. Und das wissen vor allem die treuen Stammkunden des Traditionsbetriebs zu schätzen, die den Mösers seit vielen Jahren die Treue halten. „Es ist so traurig, dass ihr schließt“, sagte eine Kundin in der Bäckerei, während sie aus den Händen von Gerlinde Möser eine Tüte mit Brötchen in Empfang nimmt. „Unsere Nusstörtchen und Granatsplitter werden viele vermissen“, meinte die Geschäftsfrau.

„Ja, unsere Kunden bedauern es sehr, dass wir aufhören“, so Gerlinde Möser. Manche würden sogar Backwaren, etwa Weißbrot, auf Vorrat einkaufen, um es einzufrieren, berichtete sie. Dabei hatte sie noch lange Zeit gehofft, dass der Betrieb fortgeführt werden könnte. Noch vor drei Jahren hatten sie auch aus diesem Grunde für 40 000 Euro einen neuen Backofen angeschafft. „Wir dachten, es geht weiter.“ Eigentlich sei die Tochter dazu bereit gewesen, aber ihr Ehemann ist berufsfremd und ein Bäcker sei nicht zu finden gewesen, erläuterte Norbert Möser, der vier Mitarbeiter in der Backstube und fünf Teilzeitkräfte im Verkauf beschäftigt.

„Zwei Weltkriege hat das Unternehmen überstanden, und jetzt scheitert alles daran, dass wir keinen Bäcker finden“, meinte Norbert Möser mit sarkastischem Unterton und fügt hinzu: „Doch wer will den Job noch machen? Die ganze Nacht in der Backstube, um 4 Uhr gehen bereits die Brötchen für die Geschäfte raus, die wir beliefern, um 5.30 Uhr folgen die für das eigene Geschäft.“ Auch samstags müsse gearbeitet werden und auch sonntags sei die Bäckerei geöffnet. An die Teilnahme an Feiern sei da nicht zu denken.

Los ging alles am 17. Mai 1762, als Johann Peter Möser, der im „Hochfürstlichen Darmstädtischen Oberamt“ geboren wurde, und seine Frau Maria Magdalena, die aus Groß-Rohrheim stammte, die Bäckerei in der Mainstraße gründeten. Zuvor waren beide im Februar des gleichen Jahres in die Kelsterbacher Bürgerschaft aufgenommen worden. Dafür hatten sie ein Einzugsgeld von acht Gulden zu zahlen, einen Feuereimer zu liefern und in der Gemeinde einen Baum zu pflanzen.

Mädchen küssen

Ihm folgten Jakob Möser, Baltasar Möser, Philipp Möser, Wilhelm Möser und Philipp Möser, der in Kelsterbach zu einer bekannten Persönlichkeit wurde. Er übernahm am 1. Dezember 1912 die Bäckerei in jungen Jahren. Er hatte auch das erste Auto in Kelsterbach, Marke Adler. Da er aber selbst keinen Führerschein hatte, musste er dafür einen Fahrer einstellen. Zuvor waren die Waren noch mit dem Pferdefuhrwerk ausgefahren worden.

In all diesen Jahren wurde in der Bäckerei gearbeitet. Norbert und Gerlinde Möser können sich an keinen Fall erinnern, dass der Backofen kalt blieb. Selbst ein Kabelbrand konnte die Produktion nicht verhindern. „Irgendwie ging es immer“, sagte Gerlinde Möser. Auf Philipp Möser folgte dann Heinrich Möser, der nur Heinz genannt wurde, der 2003 die Bäckerei an seinen Sohn Norbert übergab.

Natürlich sei in all den Jahren viel geschehen. So werde berichtet, dass im Jahr 1845 die Bäckerei Möser kostenlos Brot an die Arbeiter verteilte, die während einer Überschwemmung im Einsatz waren. Besonders in Erinnerung geblieben ist den Mösers ein Österreicher Mitte der 1960er Jahre, der mit den anderen Gesellen noch über der Backstube wohnte. Der sei nur mit einer Reisetasche gekommen und wollte alle Mädchen küssen. Doch eines Morgens sei er verschwunden gewesen. „Zwei Wochen später sahen wir in der Frankfurter Neuen Presse ein Foto von ihm. Es handelte sich um einen international gesuchten Heiratsschwindler“, erinnert sich Gerlinde Möser.

15 Meter langer Strudel

Ein anderer Mitarbeiter, ein Spanier namens Miguel, habe damals, auch in den 1960er Jahren, in Deutschland den Führerschein gemacht. Aus diesem Grunde wurde er später in Spanien beim Militär Chauffeur eines Generals. Ein besonderes Ereignis sei im Herbst 1981 die Eröffnung der Filiale in der Martin-Luther-Straße gewesen. Zur Eröffnung sei damals ein 15 Meter langer Apfelstrudel gebacken worden, der zugunsten körperbehinderter Kinder verkauft wurde. 750 Mark seien damals zusammengekommen.

Absoluter Höhepunkt in der Geschichte des Traditionsbetriebs war natürlich am 17. Mai 2012 die 250-Jahr-Feier des Unternehmens, das ausgiebig mit Kaffee und Kuchen in der Mainstraße gefeiert wurde. Zu diesem Anlass gab es sogar ein Jubiläumsbrot mit dem Aufdruck „250 Jahre“. Für ihren Abschied vom Berufsleben haben Norbert und Gerlinde Möser nichts Großes geplant. „Wir wollen sehen, dass bis dahin unsere Vorräte aufgebraucht sind.“ Wie sie mit ihrem Ruhestand dann zurecht kommen, wissen sie noch nicht, aber: „Ich überlege schon, ob wir unser Brot nicht weiterhin selbst backen.“ Sie schätzt vor alles das Urbrot, ein Backwerk aus handausgehobenem Sauerteig. Er hingegen bevorzugt das Mischbrot und die Milchbrötchen.

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