Juden in Kelsterbach

Von der verzweifelten Hoffnung, die Eltern wiederzusehen

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26 Juden in Kelsterbach entgingen der Ermordung von den Nazis, weil sie flüchteten. Harald Freiling zeigte während eines Rundgangs durch die Untermainstadt, wo sie gelebt haben.

Bereits im Februar 2014 waren in der Untermainstadt 24 Stolpersteine verlegt worden. Sie galten dem Gedächtnis der Juden, die 1933 in Kelsterbach lebten und später in den Vernichtungslagern der Nazis ermordet wurden. „Das war der Einstieg in die Stolpersteinaktion“, sagte Harald Freiling, Mitbegründer der Initiative „Stolpersteine für Kelsterbach“ im Hessensaal des Fritz-Treutel-Hauses. Diese Aktion soll nun mit der Verlegung von 27 weiteren Stolpersteinen fortgesetzt werden, darunter einen für Kurt Bauer, der in der „Aktion T4“ von den Nazis ermordet wurde (wir berichteten), und weitere 26 für jüdische Bürger der Stadt, die überlebt haben.

Die Anregung dazu sei von dem Kölner Künstler Gunter Demnig, dem Initiator der Stolpersteinaktion, gekommen, so Freiling. Er habe gefragt: „Wollen Sie die jüdischen Familien auseinanderreißen?“ Damals nämlich, fuhr Freiling fort, verließen viele junge Juden Deutschland, während die älteren zurückblieben. Diese wähnten sich in der Hoffnung, dass es wohl nicht so schlimm werden würde, zumal etliche der Männer im Ersten Weltkrieg „für Reich und Kaiser“ gekämpft hatten. Das stellte sich als Irrtum heraus. Während die Eltern in Deutschland ermordet wurden, überlebten die Kinder in den USA.

„Die positive Resonanz, die wir auf Demnigs Anregung hin erfuhren, hat uns ermutigt, weiterzumachen“, so Freiling. „Wir haben das Leben von 26 Juden, die aufgrund ihrer Flucht der Ermordung entgangen sind, gründlich und vollständig recherchiert“, sagte er und lud die Besucher der Veranstaltung zu einem Stadtrundgang ein, der in der Bergstraße 23 begann.

In dem Haus, in dem sich einst auch das „Gasthaus zum gemütlichen Frankfurter“ befand, lebte die Familie Paw, die Eltern Wolf und Susa mit ihren Kindern Rosa, Jakob, Maria und David. Sie betrieben ein Geschäft für Kurz-, Weiß- und Strumpfwaren. Die Familie sei gut in Kelsterbach integriert gewesen. So sei Rosa beispielsweise Mitglied im Turnverein gewesen, wie alte Fotografien belegen. Und sie ist auch die Jüdin, die in der antisemitischen Hetzzeitschrift „Der Stürmer“ gemeint ist, mit der „Heinrich Treutel im Stillen verlobt“ sei. Dort heißt es dann weiter: „Mit Verrätern hat man schon immer kurzen Prozess gemacht.“

Hier hielt Freiling für einen kurzen Exkurs über die Behandlung der Juden in Kelsterbach inne. Er erwähnte eine Bekanntmachung aus der Kelsterbacher Bürgermeisterei vom 20. August 1936, in der es hieß, dass es eine Schande und Schmach sei, dass Deutsche immer noch bei Juden kaufen. Der Referent schilderte die Repressalien, denen diese Deutschen ausgesetzt waren, etwa den Verlust einer Gemeindewohnung und die Schmähung im „Stürmer“. Auf diese Weise wurde die Existenzgrundlage der Juden zerstört. Weitere Stationen des Rundgangs: die Bergstraße 9, dort lebten die Familien Adler und Beretz, die Neukelsterbacher Straße 21 und 39, Familien Adler und Strumpf, und Schlossweg 5, in dem sich das Textilhaus Adler befand.

Zahlreiche Informationen habe die Initiative „Stolpersteine für Kelsterbach“ beispielsweise aus dem Nachlass von Leo Hirsch erhalten, der mit seinen Eltern in der Untergasse 4 lebte. Deren Sohn Richard habe der Initiative aus den USA zahlreiche Briefe geschickt, die „ein berührendes Bild von der Vertreibung der Juden, der Flucht der Jüngeren und der verzweifelten Hoffnung, die Eltern noch einmal wiederzusehen“, zeigen.

Die Verlegung der 27 neuen Stolpersteine erfolgt am Montag, 21. März, in Anwesenheit von Gunter Demnig. Beginn ist um 9 Uhr in der Feldbergstraße 3, dem Wohnhaus der Familie Bauer.

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