1. Startseite
  2. Region
  3. Kreis Groß-Gerau
  4. Kelsterbach

Ein Waldarbeiter auf vier Hufen

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Bei einer Radtour durch den Kelsterbacher Wald traf FNP-Reporter Leo Post auf ein seltsames Gespann aus Zwei- und Vierbeiner: Ralf Zauner war dort mit seinem Pferd Dassi unterwegs, um den Wald aufräumten.

Bei einer zufälligen Radtour rund um Kelsterbach kommt mir am Mönchwaldsee eine Spaziergängerin entgegen und gibt eindeutige Zeichen, dass ich mal anhalten möge. „Dort drüben muss ein ganz großes Tier im Wald sein. Ich habe es nur kurz gesehen, auch ein paar Rufe gehört und bin dann aber schnell weitergegangen“, berichtet sie und zeigt auf die andere Seite des Gewässers. Dort knackt es laut im Wald – und schon bellt auch ihr Hund in diese Richtung. Schemenhaft zeichnet sich ein großes braunes Tier zwischen den Bäumen ab, wenig später ist es aber schon wieder verschwunden. „Ist vielleicht irgendwo ein Elch aus einem Park ausgebrochen?“, fragt die Spaziergängerin und entfernt sich – sicherheitshalber, wie sie sagt.

Ich setze meine Radtour fort, ändere jedoch spontan mein Ziel und steuere direkt in Richtung des riesigen Tieres zu. Schleifspuren auf dem Waldboden mögen dem Unkundigen rätselhaft vorkommen, für mich sind es aber eindeutige Anzeichen: Hier ist jemand mit seinem Rückepferd im Einsatz. Als ich dem von den Waldarbeitern markierten „Rückeweg“ gut 100 Meter folge, stoße ich auch schon auf weitere Spuren des „Ungeheuers“ im Wald – es muss ein Pferd sein. Frische, noch dampfende Pferdeäpfel liegen auf dem Boden. Nach einer weiteren Biegung erspähe ich die unbelaubten Bäume und das sich abschleppende Rückepferd. Ja, es ist wirklich sehr groß und mächtig. Nur ein Elchgeweih fehlt dem Vierbeiner.

* * *

„Das ist mein Dassi, der Schmuser in meinem Stall“, begrüßt mich Ralf Zauner, der mir wohl ein wenig die Angst vor seinem Hengst nehmen will. Mit jedem Schritt, den ich näher komme, wird Dassi neugieriger. Ich bereue, keine Zuckerwürfel oder Mohrrübe eingesteckt zu haben. Ralf Zauner freut sich indes über die willkommene Verschnaufpause – und Dassi wohl auch. „Ja, ich weiß, dass sich da manche Leute ganz schön erschrecken, wenn sie so ein großes Tier im Wald sehen“, sagt der Holzrücker. Deshalb hat er auch vor dem Waldstück, in dem er tätig ist, ein Warnschild aufgestellt.

Bereitwillig erzählt mir Zauner, wie er zu seinem wunderbaren Job gekommen ist. Dassi nutzt die Gelegenheit, um sich mir schrittweise zu nähern, bis er mir Auge in Auge gegenübersteht. „Ja, so ist er halt, er will überall dabei sein“, erklärt Zauner. Und Dassi gibt auch nicht eher Ruhe, bis er endlich gekrault wird. Erst dann können wir uns weiter in Ruhe unterhalten.

„Die Arbeit mit Pferden hat mir schon immer große Freude gemacht, und als ich noch in der IT-Branche tätig war, habe ich den Ausgleich mit den Tieren genossen.“ Als sein Arbeitgeber von einer größeren Firma geschluckt wurde, hat Zauner sofort das Ausstiegsangebot angenommen. „Jetzt bin ich nicht nur mein eigener Chef, sondern fühle mich auch wie ein freier Mensch“, freut er sich. Dass die Sache mit dem Holzrücken mit Pferdeeinsatz in den vergangenen Jahren stark nachgefragt wird, kommt ihm zupass. „Alle Wünsche im Umkreis von einer Fahrtstunde erfülle ich gerne“, erklärt der in Florstadt lebende Holzrücker, der bereits zum zweiten Mal im Kelsterbacher Wald im Einsatz ist.

* * *

Seine Aufgabe ist es, die von den Waldarbeitern gefällten Stämme mitten aus dem Unterholz zu den Rückewegen zu ziehen. „Das geht auch mit Maschinen, doch die verdichten nicht nur den Boden erheblich, sondern die Seile der Seilwinden, mit denen die Stämme aus dem Wald gezogen werden, hinterlassen an den Stämmen oft auch tiefe Wunden“, erklärt Zauner. Sein schwerstes Stück im Stall ist der belgische Kaltblüter Dassi. Der wiegt zwar rund 900 Kilo, doch seine Spuren sind am nächsten Tag kaum noch zu sehen. „Und er ist so wendig wie es keine Maschine fertig bringt“, betont Zauner. „Auf, wir zeigen das jetzt mal“, fordert er seinen Arbeitspartner auf – und mit einem „Jüäh“ beginnt auch schon die Arbeitsprobe.

Feinfühlig dirigiert Ralf Zauner den Vierbeiner durch enge Baumstände. Dann befestigt er mit einer Kette einen oder zwei, und wenn es „Bohnenstangen“ sind, auch mal drei Baumstämme an der Kette, die in einem Waagscheit mündet. Von dort gehen die Zugseile zum Kummet, das die breite Brust und die Schultern des Pferdes umschließt. Ralf Zauner braucht manchmal gar nichts zu sagen, sein Partner setzt sich selbstständig in Bewegung und findet auch den optimalen Weg zum Sammelplatz der Baumstämme. Auch dort zeigt sich wieder, wie wendig, aber auch feinfühlig der „vierbeinige Allradler“ ist. Denn dieser übersteigt gekonnt die bereits aufgehäuften Stämme.

So geht das immer weiter, bis alle Stämme aus dem Waldstück geholt sind. Dann klopft Zauner seinem Dassi auf den Hals und meint: „Gell, heute Nacht schlafen wir beide wieder gut“. Dann blinzelt auch Dassi durch sein langes blondes Stirnhaar und träumt schon mal vom Hafer, der bereits im Hänger wartet. Wenn mal keine Holzrückzeit ist, dann erledigt Ralf Zauner, der vier Pferde zur Verfügung hat, auch Pflegearbeiten für den Naturschutz. „Ich habe den schönsten Beruf der Welt, ich könnte mir zumindest keinen schöneren vorstellen“, betont der Holzrücker.

Eigentlich will ich mich nun verabschieden. Doch Dassi will ohne eine weitere Streicheleinheit nicht in seinen Hänger. „Ich habe es ja gesagt, der merkt sich alles“, scherzt Zauner. Etwas den Hals und die zarten Nüstern kraulen, dazu noch eine Karotte, und das große Tier ist zufrieden. Sodann tritt das ungleiche Gespann die Heimreise nach Florstadt an.

Auch interessant

Kommentare