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Der Fall hat die Region bewegt

25-jährige Polizistin totgefahren: Jetzt steht die Strafe fest

Die tragische Unfallnacht liegt schon mehr als ein Jahr zurück. Am 18. Dezember 2017 war eine 25-jährige Polizistin auf der B 44 zwischen Groß-Gerau und Mörfelden-Walldorf von einem Auto erfasst und tödlich verletzt worden. 

Groß-Gerau - Eigentlich hatte es nur ein Routineeinsatz der Polizei sein sollen, als die Beamten gegen 18 Uhr zu einem Wildunfall auf der B 44 circa zwei Kilometer von der Kreisstadt entfernt gerufen wurden. Die Streife mit der jungen Polizistin sicherte den Unfallort mit eingeschaltetem Blaulicht ab. Um die Unfallstelle zu markieren, querte die Beamtin die Bundesstraße. Am Straßenrand stehend, so die Anklage, erfasste ein Autofahrer aus Mörfelden-Walldorf „aus Unachtsamkeit“ die Beamtin. Dem Fahrer wird darüber hinaus zur Last gelegt, dass er nicht sofort angehalten hatte, sondern erst nach rund 200 Metern entfernt vom Unfallort wendete und zurückkehrte.

Der 64-jährige Fahrer erinnert sich noch gut an die Unfallnacht, als er sie gestern am Amtsgericht schilderte. Er habe eine Besorgung in Groß-Gerau gemacht, sei danach wieder auf dem Heimweg nach Mörfelden-Walldorf gewesen, als ihn der Fahrer eines entgegenkommenden Fahrzeugs per Lichthupe verständigt hatte, das etwas passiert war. Der Mörfelden-Walldorfer habe daraufhin seine Geschwindigkeit reduziert und nach einer Kurve am linken Fahrbahnrand das Blaulicht einer Polizeistreife gesehen – aber nicht die Beamtin am rechten Fahrbahnrand. Während er die Unfallstelle passierte, sei er auf seiner Fahrbahn geblieben, meinte der Angeklagte sich zu erinnern. „Ich habe die Frau nicht gesehen“, beteuerte er.

Urteil nach Todesfahrt auf der B44

Auch sein damals 17-jähriger Sohn, der ihn auf der Fahrt begleitet hatte, habe die Oberkommissarin nicht wahrgenommen. Es habe einen Schlag getan, der überraschte Mann versuchte zu bremsen, aber erst mit Handbremse sei der Wagen langsamer geworden. 

Zum Wenden sei er dann in einen Waldweg abgebogen. „Dort ist mir erst aufgefallen, dass die Windschutzscheibe auf der rechten Seite ein Loch hat“, sagte er. Sein Sohn sei mit Splittern übersät gewesen. Der machte sich dann auch zu Fuß auf den Weg zurück zum Unfallort, während der Vater ihm im Auto folgte, wie der heute 19-Jährige später der Anwaltschaft berichtete. Er bestätigte die Schilderungen seines Vaters. Erst am Unfallort hätten beide festgestellt, dass sie einen Menschen angefahren hatten.

Todesfahrt auf der B44: Zwei Unfallgutachten wurden erstellt

Die 25-Jährige lag am Straßenrand, ihr Kollege hatte Erste Hilfe geleistet und den Rettungsdienst verständigt. Er habe den Unfallhergang nur aus dem Augenwinkel gesehen, sagte der Polizeibeamte als Zeuge aus. Seine Kollegin habe das verunglückte Reh fotografieren wollen und die Straße gequert. Dabei trug sie wie alle Beamten eine Schutzweste mit reflektierenden Applikatoren, bestätigte er auf Nachfrage der Staatsanwaltschaft.

Kfz-Sachverständiger Thomas Reichert hatte eines der beiden Unfallgutachten erstellt. Nach Analyse der Glas- und Lacksplitterverteilung gehe er davon aus, dass die Polizistin nicht auf der Fahrbahn, sondern am Fahrbahnrand gestanden hatte, als sie von dem Auto erfasst wurde. Folglich sei der Angeklagte entgegen seiner Aussage von der Fahrbahn abgekommen. Bei einer Sichtweite von 35 Metern und einer Geschwindigkeit von etwa 60 Stundenkilometern hätte der Autofahrer die Kommissarin sehen und rechtzeitig bremsen können, lautete seine Meinung. Mängel an der Technik, etwa an den Bremsen, habe es keine gegeben.

10.000 Euro Geldstrafe für den Angeklagten

Dem schloss sich auch Richter König an. Der Tatbestand einer fahrlässigen Tötung habe sich bestätigt, weshalb er den Angeklagten zu sechs Monaten Freiheitsstrafe auf Bewährung, 10 000 Euro Geldstrafe und einmonatigem Fahrverbot verurteilte. Es sei zwar nachvollziehbar, dass der Fahrer vom Blaulicht abgelenkt war, trotzdem fordere das Straßenverkehrsgesetz Umsicht, die der 64-Jährige in dem Moment nicht gezeigt habe.

Da er sich aber geständig gezeigt hatte und keine Vorstrafen vorlagen, sah König von acht Monaten Haft auf Bewährung, wie sie die Staatsanwaltschaft forderte, ab. Den Vorwurf der Fahrerflucht ließ König fallen. Der Angeklagte habe glaubwürdig geschildert, dass er sich nur zum Wenden des Autos vom Unfallort entfernt hatte. Der 64-Jährige meldete sich abschließend zu Wort: „Ich weiß immer noch nicht, wie ich die Polizistin übersehen konnte.“ Eine Entschuldigung könne den Tod der jungen Kommissarin nicht aufwiegen.

VON DOROTHEA ITTMANN

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