Interview

Logopädin Fiona Weidmann über die unheilbare Krankheit Stottern

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Heute ist Welttag des Stotterns. Unsere Redakteurin Stella Lorenz hat mit der jungen Rüsselsheimer Logopädin Fiona Weidmann (23 Jahre) über die unheilbare Krankheit gesprochen.

Frau Weidmann, wie definiert man eigentlich Stottern?

FIONA WEIDMANN: Beim Stottern gibt es drei verschiedene Kernsymptome. Bei den Wiederholungen wird zum Beispiel ein Konsonant wiederholt – T-t-t-tür. Bei den Dehnungen dagegen wird eher der Vokal in die Länge gezogen: Tü-üüüühr. Und bei den Blockaden kann gar nicht weitergesprochen werden, auch mitten im Wort: T---ür.

Sind das die einzigen Symptome?

WEIDMANN: Nein. Der Logopäde Charles van Riper hat dafür das Bild eines Apfels: Man hat das Kerngehäuse mit den drei Symptomen und außen herum ist das ganze Fruchtfleisch mit Begleitverhalten. Das kann sich in Blickkontakt, Bauchschmerzen, Schwitzen, Schultern hochziehen und vielem mehr äußern.

Und woher kommt das?

WEIDMANN: Das weiß man nicht ganz genau, aber man geht von neurologischen und genetischen Faktoren aus. Bei den genetischen Faktoren ist es so, dass man festgestellt hat, dass Kinder von Stotterern häufiger selbst stottern. Neurologisch wird momentan viel geforscht, da hat man in MRT-Untersuchungen herausgefunden, dass beim Stottern Bereiche im Gehirn genutzt werden, die eigentlich gar nicht dafür gemacht sind.

Kann Stottern auch psychisch bedingt sein?

WEIDMANN: Ja, das kann zusätzlich triggern – bei traumatischen Erlebnissen zum Beispiel. Umgekehrt gibt es auch Situationen, in denen Stotterer besser sprechen.

Sind Erwachsene und Kinder gleichermaßen betroffen?

WEIDMANN: Die meisten Stotterer kommen aufgrund der Besorgnis der Eltern schon im frühen Kindesalter. Je nachdem, wie gut die Therapie ist, lernen die Kinder dann Techniken, um damit klar zu kommen. Den Eltern muss man am Anfang aber auch klar sagen: Stottern ist nicht heilbar, aber behandelbar. In Deutschland gibt es nur etwa ein Prozent erwachsene Stotterer.

Wie kommt es, dass Stotterer beim Singen keine Probleme haben?

WEIDMANN: Beim Singen wird nicht auf das normale Sprachzentrum zugegriffen, das ist an einer anderen Stelle. Ähnlich ist es beim Schauspielern. Bei Rollenspielen zum Beispiel müssen manche gar nicht stottern. Deshalb machen das auch viele im Alltag, man nennt das Vermeidensverhalten.

Wie äußert sich das?

WEIDMANN: Ich kannte einen Patienten, der, sich – immer, wenn er merkte, dass ein Wort kommt, bei dem er stottern muss – ein anderes Wort gesucht hat. Das ist natürlich furchtbar anstrengend und nicht die optimale Herangehensweise.

Was gibt es für Therapiemöglichkeiten?

WEIDMANN: Beim Stottern haben viele Angst, zu sprechen. Deshalb desensibilisiert man an der Stelle. Das bedeutet, man schaut, in welcher Situation man angstfrei stottern könnte und steigert dann den Schwierigkeitsgrad. Zum Beispiel beim Bäcker, wo man jeden Tag hingeht. Zu wissen, wie die Leute reagieren, wenn ich hier jetzt stottere, ist ganz wichtig. Außerdem gibt es noch verschiedene Sprechtechniken, die man erlernen kann.

Haftet Stottern in der Gesellschaft noch ein Stigma an?

WEIDMANN: Ich glaube ja. Gerade für Kinder ist es schwierig, aber für nicht-therapierte Erwachsene natürlich auch. Wir mussten in der Ausbildung zum Beispiel in Alltagssituationen stottern, um nachvollziehen, wie sich das eigentlich anfühlt.

Und wie war das?

WEIDMANN: Ich habe das in Frankfurt am Hauptbahnhof beim Bäcker gemacht und es ist daraus hinausgelaufen, dass die Verkäuferin mich nicht hat ausreden lassen und mir etwas anderes verkauft hat, als ich haben wollte – einen Cappuccino statt eines Kaffees. Ich hatte dann aber auch Angst zu sagen, dass ich eigentlich etwas ganz anderes wollte, und genau so verhalten sich auch viele Stotterer. Lieber finden sie sich damit ab, als noch mal zu stottern.

Wie kann man als Nicht-Betroffener stotternden Menschen entgegenkommen?

WEIDMANN: Ich finde es wichtig, die Leute ausreden zu lassen, keine Wortvorschläge zu machen und nicht ungeduldig zu werden. Druck macht es nur schlimmer. Man kann die Person auch darauf ansprechen: „Wie möchtest du, dass ich damit umgehe?“

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