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Susanne Hermann wusste in ihrer Laudatio viel über den Preisträger Matthias Schubert zu berichten.

Musik

Matthias Schubert gewinnt den Hessischen Jazzpreis

Der Gewinner des Hessischen Jazzpreises überrascht beim Preisträgerkonzert im Stadttheater Rüsselsheim mit nicht alltäglichen Klangwelten.

Patrick Burghardt, Ex-Oberbürgermeister der Stadt Rüsselsheim und jetzt Staatssekretär im Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, strahlte bei der Begrüßung: „Zuhause ist es doch am Schönsten. Besonders schön ist das Stadttheater, ich habe genug Vergleichsmöglichkeiten. Der Jazz hat mit Jazzfabrik, Jazzakademie und vielem mehr schon lange eine feste Heimat in Rüsselsheim, hier kann man locker mit Wiesbaden, Darmstadt und Frankfurt mithalten. Ich hoffe, daß wir im nächsten Jahr als Austragungsort des seit 1990 vergebenen Jazzpreises wieder dabei sind.“

Dem Preisträger Matthias Schubert aus Kassel wurde von der Jury des Preises „ein Spiel mit vollem Körpereinsatz als Verlängerung der Klangidee, die ihn ihm selbst entsteht“, zugeschrieben und dieser Einschätzung wurde der 58-jährige, aus Kassel stammende Musiker in einem ohne Pause gespielten 35-minütigen ersten Set völlig gerecht.

Der asketisch wirkende Musiker quetscht von der ersten Minute mit Hingabe ein weites Spektrum an Tönen, Geräuschen und sonstigen Luftbewegungen aus seinem Tenorhorn. Sein Quintett, mit Simon Nabatov am Piano, Stephan Meinberg an Trompete, Tuba und Tenorhorn, Dieter Manderscheid am Kontrabass und Dominik Mahnig erweist sich als Ensemble, das der Spielidee eines von vielen traditionellen Formen befreiten, jedoch ausnotierten Musizierens einige Reize abringen kann.

Beim Zuhören assoziiert man freien Jazz, doch die Dialoge, Abläufe und Strukturen sind weitgehend auf den vielen Notenständern, die die Musiker umgeben, festgehalten. So ist das Ganze eher eine freejazzige Symphonie, der improvisierte Dialog kommt eher selten zum Zug. Energie fließt genug. Es schwirrt, klopft, zirpt und vieles mehr, in den unterschiedlichsten Lautstärken. Manchmal mit überraschenden kollektiven Wendungen, vielen Stakkati, manchmal jedoch wirkt das Geschehen gleichzeitig anstrengend und ermüdend. Viel Intensität, aber auch viel Nervosität, ein stetiges Auf und Ab, dann bringt die Tuba wieder Ruhe ins Spiel. Die Bandchemie ist durchaus beeindruckend, Chef Schubert hat jedoch immer die Zügel in der Hand.

In ihrer Laudatio wusste die langjährige bekannte Schuberts, die Vorsitzende des Jazzvereins Kassel und Musikjournalistin Susanne Hermann, viel über den Preisträger zu erzählen: „Fasziniert war er schon als Junge von Dudelsackklängen und schon 1979 spielte er in einer Kasseler Disco allein auf der Tanzfläche und beeindruckte mich sehr. Dann gab es Stationen wie den Kasseler Jazzclub ,Kontrabaß’ Mentoren wie Ernst Bier, Walter Norris oder Herb Geller. Wirkungsstätten waren Hamburg, Berlin, Köln, New York und die Schweiz. Jetzt arbeitet er wieder in Kassel und hat diverse Lehraufträge. Er ist ein Mensch voller Neugier, Vertrauen und Angstfreiheit und offen gegenüber allen Ereignissen, die auf ihn zukommen.“

Zum Abschluss des Abends gab es in Form eines Konzerts eine

Reise durch die Jazzwelt

. Nach Manier Schuberts, doch etwas gezähmter mit Zitaten aus Ragtime, Dixieland, Swing, Bebop, aber auch von Künstlern, die ihn beeinflusst haben. Phrasen und Motive von Anthony Braxton, Steve Coleman und Gil Evans wurden geschickt eingeflochten. Ganz hübsch die Verquickung von Ragtime-Motiven von Schlagzeug und Piano mit ergänzendem Bläsergegrummel. Das hat einiges an intellektueller Raffinesse und kompositorischer Brillanz zu bieten, doch ab und zu hätte man sich mehr Leichtigkeit und weniger übergenaue Ernsthaftigkeit gewünscht. Doch unterm Strich sei Matthias Schubert mit seiner konsequenten, furchtlosen Haltung ein Gewinn für die Jazzwelt und ein würdiger Preisträger.

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