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Verwundert über Neuanstrich: Alfred J. Arndt (links) und Jürgen Hardt vor dem Denkmal der roten Fahnen am Bürgerhaus Mörfelden.

Mörfelden-Waldorf

DKP Mörfelden-Waldorf: Eine Geschichte von links

Die DKP feiert 50-jähriges Bestehen der Partei und ihrer Zeitung „Blickpunkt“. Im Ort sind die KOmmunisten so erfolgreich wie kaum wo anders.

Manchmal wird die Zeitung Blickpunkt verwendet, um Hundekot einzuwickeln und ihrem Macher Rudi Hechler in den Briefkasten zu werfen. Die Mehrheit der Mörfelden-Walldorfer aber sei der Stadtzeitung der DKP neutral bis freundlich gegenüber eingestellt, sagt Stadtrat Alfred J. Arndt (DKP). „Das einzige Blatt, wo die Wahrheit drinsteht“ würden viele sagen. Diesen Monat feiert das Magazin sein 50-jähriges Erscheinen. Mit einem Umfang von acht Seiten, Schwarz-Weiß-Druck, wird der Blickpunkt immer zum Monatsanfang in einer Auflage von 14 500 Exemplaren gedruckt. Eine wechselnde 45-köpfige Gruppe aus Parteimitgliedern und ehrenamtlichen Helfern verteilt den Blickpunkt an alle Haushalte.

Produziert wird in Hechlers Gartenhaus, der Druck übers Internet kostet jeweils 1000 Euro – finanziert aus Spenden und den Sitzungsgeldern der kommunistischen Abgeordneten. Eine „enorme Leistung, diese Zeitung jeden Monat herauszugeben und dabei eine breite Akzeptanz in der Bevölkerung erzielt zu haben“, befindet der ehemalige Bürgermeister Heinz-Peter Becker (SPD) in der Oktoberausgabe.

Mit dem Jubiläum des Blickpunkt, den die DKP in den kommenden Wochen unter anderem mit einer Blickpunkt-Fotoausstellung feiert, begeht die Partei auch ihr eigenes Jubiläum. Die über all die Jahre ehrenamtlich von einer Handvoll Leute um Urgestein Rudi Hechler herausgebrachte Lokalzeitung galt laut Arndt seit jeher auch als Zeichen: „Wir sind wieder da, wir sind noch da.“

Was die DKP betrifft, ist Mörfelden-Walldorf ein gallisches Dorf: Mit einem Wahlergebnis von 13,8 Prozent für die Fraktion DKP/Linke Liste bei der Kommunalwahl 2016 ist die Kommune im Kreis Groß-Gerau eine der letzten Hochburgen der DKP. Sie gilt laut Bundeszentrale für politische Bildung als Nachfolgepartei der 1956 verbotenen westdeutschen KPD (Kommunistische Partei Deutschlands) und wird im Bericht des Bundesamts für Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuft.

Anfangszeit: Herausgeber Rudi Hechler verteilt den Blickpunkt.

Ihr Erfolg in Mörfelden-Walldorf ist historisch begründet. „Schon die Nazis trauten sich nicht nach Mörfelden“, sagt Arndt. Die ehemalige Maurerstadt war in den 1920er Jahren eine Hochburg der Arbeiterbewegung. Das heutige Bürgerhaus Mörfelden, erbaut Ende der 1920er Jahre vom Volkshausverein, war lange Zeit das größte Gebäude der Stadt. Aktuell erhitzen sich um die davor stehende Stahlskulptur des Darmstädter Künstlers Gerhard Schweizer, die zum Gedenken an die von den Nazis verfolgten Kommunisten aufgestellt wurde, die Gemüter. Das Mahnmal wurde vor wenigen Wochen „illegal renoviert“, sagt Arndt. Die Stadtverordnetenversammlung hatte die von DKP/LL beantragte Sanierung abgelehnt. Dennoch wurde das Mahnmal nun wegen eines angeblichen Missverständnisses in der Verwaltung neu gestrichen. Dies ist aber nur eines der vielen Themen, über die vortrefflich gestritten wird in der von SPD, Freien Wählern und FDP regierten Doppelstadt mit grünem Bürgermeister.

Dass noch heute ein breiter Rückhalt in der Bevölkerung für die DKP besteht, führt Arndt auch darauf zurück, dass in der Zeit nach dem Verbot der KPD 1956 aus der Illegalität heraus vor Ort weitergearbeitet wurde, während andernorts Gruppen in der SPD aufgingen oder resignierten.

Straßenbeitragsgebühren, Gebührenerhöhungen oder Flughafenausbau: Was die Bürger umtreibt, das könne man gut bei der Verteilung des Blickpunkt erfahren, sagt Arndt. Über die lokalen Themen, die die Zeitung aufgreife, zeige man, wie Politik funktioniert. „Nicht zuletzt hat die Redaktion ihr Ohr immer nah an den Menschen, weist auf Missstände und Fehlentwicklungen hin“, lobt Bürgermeister Thomas Winkler (Grüne) zum Jubiläum. Über das Aufregerthema Einführung von Straßenbeiträgen kam auch Jürgen Hardt vor einigen Jahren zur Partei. „Die DKP hat sich da toll eingesetzt“, sagt der 70-Jährige der FR. Deshalb trat er bei und engagiert sich heute im Arbeitskreis „Bezahlbares Wohnen“.

Manches, für das sich die DKP in den vergangenen 50 Jahren einsetzte, kam indes anderen Parteien zugute. Der Kampf gegen den Flughafenausbau „hat vor allem den Grünen genutzt“, befindet Stadtrat Arndt. Obwohl es doch die DKP gewesen sei, die eine Parteienaktionsgemeinschaft aus CDU, SPD, FDP und DKP organisiert und damit den Widerstand auf ein breites bürgerliches Fundament gestellt habe. Auch die aktuellen Klimademonstrationen bescherten vor allem den Grünen Zulauf, so Arndt. Obwohl immer öfter die Forderung vertreten werde, dass das System geändert werden müsse, nicht das Klima. Und darauf hat natürlich die DKP die passendere Antwort, findet Arndt: „Klimaschutz kann nur einhergehen mit der Entmachtung der privaten Wirtschaft.“

Gucken, feiern

Die „Blickpunkt“- Fotoausstellung ist zur Merfeller Kerb am 19./20. Oktober in der Hofgalerie Mörfelden, Langgasse 38, zu sehen. Geöffnet jeweils von 14 bis 18 Uhr. Eintritt frei. Vernissage ist am Freitag, 18. Oktober 16 Uhr. 

Mit der historischen Band Folkcorn feiert die DKP am Samstag, 2. November, ab 19 Uhr in der Stadthalle Walldorf, Waldstraße 100. Eintritt frei. 

Matinee – 50 Jahre „Blickpunkt“ im
Bürgerhaus Mörfelden am Sonntag, 10. November, 11 Uhr.

Alle Veranstaltungen: www.dkp-mw.de

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