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Andreas Wohlsperger betreibt in der Hintergasse eine kleine Brauerei

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Aus dem Treber, an dem Andreas Wohlsperger hier riecht, wird als Überbleibsel eines Brauvorgangs unter anderem Brot gebacken.
Aus dem Treber, an dem Andreas Wohlsperger hier riecht, wird als Überbleibsel eines Brauvorgangs unter anderem Brot gebacken. © Mara Paul

Weil es in Australien für ihn „kein gescheites“ Bier gab, hat Andreas Wohlsperger angefangen, sich seinen eigenen Gerstensaft zu brauen. Inzwischen hat er in Mörfelden eine kleine Brauerei. Er lässt sich von amerikanischen Craft-Bieren inspirieren.

„Hopfen und Malz, Gott erhalt’s!“ Im Sinne dieses alten Trinkspruchs hat sich Andreas Wohlsperger im einstigen Faselstall in Mörfelden dem Bierbrauen verschrieben. Nicht hauptberuflich. Aber der technische Direktor für digitale Projektentwicklung eines Großunternehmens hätte nichts dagegen, wenn er hauptberuflich zum Bierbrauer umsatteln könnte und diese Beschäftigung nicht sein zweites Standbein bliebe. Doch wie kam der 39jährige Ehemann und zweifache Vater dazu?

„Ich bin vom Handwerk so weit weg, wie es nur geht“, sagt er lachend. Beruflich zog es ihn 16 Jahre nach Amerika und 4 Jahre nach Australien. „Aus meiner Zeit in den USA kannte ich die Craft-Biere. Als ich 2012 nach Australien kam, gab es für mich kein gescheites Bier.“ Pro Kiste für das Bier „mit langweiligem Geschmack“ habe er sage und schreibe 40 Euro hinblättern müssen.

So schenkte ihm seine Frau Charlene zu Weihnachten in Australien ein kleines Hobby-Brauset, und Wohlsperger begann, sein eigenes Bier herzustellen. Zunächst experimentierte er nur, bis es funktionierte. Als er 2016 nach Deutschland zurückkehrte, setzte er das Bierbrauen fort – allerdings in größerem Maßstab. Denn dort erobern Craft-Biere den Markt.

Mit Chili, Pfeffer oder Obst

In den Vereinigten Staaten lernte er die Vorzüge von Craft-Bier mit mehr Hopfen und Malz als üblich kennen, schätzen und lieben. Durch individuelle Zutaten erhält dieses Bier seine besondere Würze. Die Ingredienzien sind mal aus Chili, dann wieder aus Pfeffer oder Obst – mal Himbeeren, mal Brombeeren, mal andere Früchte.

Mit seiner Frau und seinen Eltern erwarb er das Gelände des einstigen Faselstalls in der Hintergasse 4 in Mörfelden. Den Stall baute er zur Brauerei mit allen erforderlichen Gerätschaften um, was die Investition eines sechsstelligen Betrags bedeutete. „Ich hoffe, dass sich die Anlage bald bezahlt macht.“ Seit April braut er dort nun sein eigenes Craft-Bier – und mehr als nur 25 Liter wie anfänglich mit seiner Hobby-Anlage. Für die ersten zwölf Monate plante er das Brauvolumen von 12 000 Litern. Bis jetzt muss er alle sechs bis sieben Wochen neu brauen.

Wohlspergers Sortiment zählt acht Standard-Biere, darunter mit Himbeere, „New England“, mit Honig eines Imkers aus Mörfelden und „Muttermilch“ mit 7,5 Prozent Alkohol. „Es trinkt sich wie Saft, ist milchig, fast ganz ohne Bitterstoffe.“ Dazu kommen zwei Sonder-Biere. Noch experimentiert der Bierbrauer viel.

Wohlsperger träumt davon, eine eigene große Brauerei zu besitzen. Bislang bereitet es ihm Schwierigkeiten, seinen Beruf und die Bierbrauerei miteinander zu vereinbaren. Seine Frau hilft nicht nur finanziell, sondern auch beim Marketing in dem kleinen Unternehmen. Auch Wohlspergers Eltern sind eingebunden. Sein Vater hilft bei technischen Problemen, die Mutter beim Etikettieren der Flaschen.

Jenseits des Reinheitsgebots

In Deutschland mangele es an einer individuellen Bierkultur und an Biervielfalt – wie englischen oder amerikanischen Bieren, die jenseits des deutschen Reinheitsgebots gebraut wurden. Als Beispiel nennt Wohlsperger ein Weißbier mit Himbeere. Produzenten anderer Craft-Biere sehe er nicht als Konkurrenten, sondern als Kollaborateure.

Vergangenen Sonntag braute Wohlsperger 400 Liter „Mörfelder Rammler“, das gerne getrunken wird. Dazu wird Wasser aus der Region erhitzt und mit geschrotetem Getreide versetzt. Die Maische entsteht. Sie wird eineinhalb Stunden bei verschiedenen Temperaturen erhitzt und ziehen lassen. Dadurch entstehen Zucker und Alkohol. Ist die Maische in einen Bottich gepumpt, bleibt der Treber übrig. Er dient zum Backen von Brot, Müsliriegeln und Crackern. „Das meiste jedoch fressen Kühe“, so Wohlsperger. Sein Gebräu will er dieses Jahr zum zweiten Mal bei der Craft-Bier-Messe in Mainz vorstellen.

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