Schnellbabbler

Andy Ost nimmt den Zeitgeist auf die Schippe

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Es ist durchaus eine Gratwanderung, lockeres, witziges Geplauder mit ernsten, melancholischen Liedern zu verknüpfen, wie Andy Ost es in seinem Programm „Kunstpark Ost“ unternimmt. Doch diese Mixtur kam beim Publikum im Bürgerhaus Mörfelden bestens an.

Er hatte an diesem Abend die „Option Lachgas“ gebucht: Andy Ost, der mit seinem Programm „Kunstpark Ost“ im Bürgerhaus Mörfelden gastierte. Nachdem er die freiwilligen Besucher, die mitgeschleppten und auch die „radikale Minderheit“ der Wiederholungstäter begrüßt hatte, startete er eine ebenso zwerchfellstrapazierende wie auch melancholische ernste Reise durch die Wirren des täglichen Lebens. Er erwies sich sowohl als Schnellbabbler mit spitzer Zunge als auch als beeindruckender Interpret schwermütiger Balladen und hatte vom ersten Augenblick an das Publikum auf seiner Seite.

Dazu verhalf ihm die alte hawaiianische Lehre: „Wer lacht, ist im Hier und Jetzt.“ Dementsprechend setzte er radikal in der Gegenwart an. Er sprach über den heißen Sommer, „lieber Obstbrände als Waldbrände“, und wie bei „Germanys next Topmodel“ folgt eine Dürre auf die nächste. Er wusste, dass Witze über Donald Trump immer gut ankommen, und verriet Erdogans geheimes Lieblingslied: „Özil, schenk mir ein Foto.“

Den Kopf voll verrückter Ideen war Ost auch weiterhin dem Zeitgeist auf der Spur. Er berichtete über den Jüngling mit einem Tattoo in der Hand: „Wenn du das hier lesen kannst, ist dein Handy fort.“ Und er sang von der Oma auf Facebook, die seit zwei Tagen ihren Rechner nicht mehr hochgefahren hat. Sie hat nämlich einen Virus und befürchtet, sie könnte ihren PC anstecken.

Osts kuriose Reise setzte sich fort von Erikas Selbstfindungskursen, in denen Blähungen als subtile Botschaften interpretiert werden („Sie macht Musik nur, wenn sie Kraut isst.“), über veganes Fasten, bei dem selbst ein Blumenstrauß als Nahrung dient („Oh, lecker Gerbera.“), bis hin zu der Erkenntnis: „Saufen ist Urlaub im Kopf.“

Zwei Eckpfeiler in dem Programm Andy Osts sind seine Jugendliebe Simone und ein ehemaliger Mitschüler, Hans Wernher, ein Strebertyp, der den Spitznamen Übrig erhielt, weil er bei allen Wahlen, selbst für die Mannschaft im Seilhüpfen, am Ende immer übrig blieb. Beide führte er in einem grandiosen Finale vor der Kulisse der Stadt Marseilles in einer ebenso skurrilen wie chaotischen Geschichte zusammen: Während er hofft, dort seiner Simone wieder zu begegnen, gerät er in absurde Situationen mit einem Café Latte, Mike und seinem Pittbull sowie einem Garçon und landet schließlich bei Übrig im Taxi. Osts Fazit: „Auf den Zufall ist auch kein Verlass mehr.“

Zwischendurch streute der Entertainer seine ernsten, melancholischen Songs ein, unterstützt von dem Pianisten Sebastian Groel und dem Gitarristen Thomas Dill. Ob „Die beste Version“, eine nachdenkliche Ballade über das Leben, „Ich fühle mich L.A.“, mit dem er Kalifornia-Feeling vermitteln wollte, oder ein herzergreifendes Lied für seine Tochter, diese Beiträge fanden den Beifall des Publikums, ebenso wie die allerletzte Zugabe

„Bock auf Leben“

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Andy Ost trat bereits im Januar dieses Jahres als Gast bei den „Buschspatzen“ mit seinem tiefsinnigen Insider-Wissen über die Welt des Rock, Pop und Schlagers auf, von Lady Gaga bis hin zu Howard Carpendale. Diese Verballhornung hatte er auch diesmal im Gepäck und bewies, dass eine Belanglosigkeit wie der Satz „Ich muss mal mit dem Hund raus, der scheißt mir sonst ins Wohnzimmer“ aus Eros Ramazzottis Mund wie ein Liebesgedicht klingt.

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