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Nach dem Urlaub entspannt in den Arbeitsalltag starten - das gelingt mit kleinen Tagträumen in der Pause.

Zwei Generationen

Ist der Tag der Arbeit noch zeitgemäß?

Maximilian Gegenheimer wurde 1995 geboren, er ist Vorsitzender des Juso-Ortsverbands in Mörfelden-Walldorf und Beisitzer im Ortsverband der Europa-Union. Erich Schaffner, geboren 1950, ist Mitglied des Sprecher-Innenkreises des DGB-Ortsverbands Mörfelden-Walldorf.

Maximilian Gegenheimer wurde 1995 geboren, er ist Vorsitzender des Juso-Ortsverbands in Mörfelden-Walldorf und Beisitzer im Ortsverband der Europa-Union. Erich Schaffner, geboren 1950, ist Mitglied des Sprecher-Innenkreises des DGB-Ortsverbands Mörfelden-Walldorf.

Herr Schaffner, 30 Jahre nach einer Demonstration in Australien am 1. Mai 1856 rief die nordamerikanische Arbeiterbewegung im Jahr 1886 für den 1. Mai zum Generalstreik auf. In Deutschland wurde erst 1849 der Lehnsverband aufgelöst. Haben die Deutschen immer noch Nachholbedarf?

ERICH SCHAFFNER: Die Sozialgesetzgebung in Dänemark halte ich zum Beispiel für fortschrittlicher, selbst in Österreich liegt die Mindestrente um mehrere Hundert Euro höher als in Deutschland – also im Verhältnis zu anderen Ländern hat sich das Lohnniveau in der Bundesrepublik wesentlich schlechter entwickelt. Deutschland hat Nachholbedarf.

Welche Gründe motivieren Sie, sich in der Gewerkschaft zu engagieren?

SCHAFFNER: Ich bin mit 16 Jahren in die Gewerkschaft eingetreten, weil sich das so gehört! Eine große Mehrheit wird von einer Minderheit ausgebeutet. Ausgebeutet wird auch der, der sich nicht ausgebeutet fühlt. Nur wer sich organisiert, kann sein Gewicht in die Waagschale werfen. Auf sozialem Gebiet gibt es keinen Fortschritt, es sei denn, er wird erkämpft.

Warum sind Gewerkschaftskundgebungen wie die am 1. Mai notwendig?

SCHAFFNER: Damit die arbeitenden Menschen und alle Unzufriedenen sehen, dass sie nicht alleine sind und die Herrschenden merken, dass sie nicht alles machen können, was sie wollen. In den vergangenen Jahrzehnten haben es die Unternehmer verstanden, die gewerkschaftliche Organisiertheit zu schwächen. Aber ich halte das für eine vorübergehende Tendenz, die sich auch wieder ganz schnell umkehren kann.

Sagten Sie nicht, die Medien böten Sündenböcke an, wenn zum Beispiel die Bild-Zeitung seit Jahren auf die „faulen Ausländer, die die Sozialsysteme ausnutzten“, hindeute?

SCHAFFNER: Ja, wenn sich eine Unzufriedenheit breitmacht über Sozialabbau, der zugunsten der Milliardäre betrieben wird, wird meist ein Sündenbock präsentiert, dem man die Schuld zuschiebt. Die Bild-Zeitung schürt auf jeder ihrer Seiten den Nationalismus und hetzt gegen Ausländer. Ich setze dagegen auf die Solidarität aller Lohnabhängigen weltweit.

Was bedeutet Ihnen der längst symbolisch-zelebrierte 1. Mai, und wissen die meisten, die sich über diesen gesetzlichen Feiertag freuen, überhaupt, welche Historie sich damit verbindet?

SCHAFFNER: Ich behaupte, der Mensch lebt erst auf, wenn er streikt. Der 1. Mai ist der einzige Feiertag der kämpfenden Lohnabhängigen – mir wäre am liebsten, alle Lohnabhängigen würden jeden Tag für ihre Interessen kämpfen und nicht bloß am 1. Mai. Die meisten wissen allerdings nicht, was der 1. Mai bedeutet. Wenn sie jedoch zum Kampf gezwungen sind, weil ihnen am Ende doch der Hals zugedrückt wird, dann lernen sie es schnell.“

In welchem Zusammenhang steht die rote Nelke als Merkmal für den 1. Mai?

SCHAFFNER: Die rote Nelke ist ein Symbol für den Sozialismus und auch ein Symbol der Freundschaft.

Herr Gegenheimer, um was genau ringen Sie in Anbetracht Ihres politischen Wirkungskreises, wenn es um die Rechte von Arbeitnehmern geht?

MAXIMILIAN GEGENHEIMER: Als junger Erwachsener trete ich unter anderem für die Mindestvergütung für Auszubildende ein. Gleiche Entlohnung für Mann und Frau, Rückkehrrecht von Teilzeit zu Vollzeit sowie der Abbau der sachgrundlosen Befristung sind für mich ebenfalls von großer Bedeutung.

Warum sind Sie bei den Jusos engagiert, und was muss sich auf jeden Fall ändern?

GEGENHEIMER: Ich selbst war schon während der Schulzeit politisch interessiert und auf Demonstrationen, wie beispielsweise gegen die Pegida-Bewegung. Heute möchte ich mich vor allem für junge Menschen einsetzen. Die Lebenssituation ändert sich – denken wir nur einmal an so viel Neues aufgrund der Digitalisierung – die Politik darf das nicht außer Acht lassen! Damit die Politik Antworten darauf findet, dafür engagiere ich mich.

Wenn Sie in Gedanken den 1. Mai widerspiegeln, was kommt Ihnen dabei spontan in den Sinn?

GEGENHEIMER: Mit dem 1. Mai verbinde ich den internationalen Kampftag der Arbeiterbewegung. An diesem Tag finden gezielt viele Arbeitnehmer zusammen und treten, unabhängig von Nationalität, Religion, Geschlecht und politischer Zugehörigkeit, solidarisch für bessere Arbeitsbedingungen ein.

Kundgebungen am 1. Mai haben Tradition, aber sind sie deswegen noch zeitgemäß?

GEGENHEIMER: Ich erachte es durchaus noch als zeitgemäß und vor allem wichtig, weil weiterhin vieles verändert werden muss. Und selbst was schon erstritten wurde, darf keiner Rückentwicklung zum Opfer fallen. Die Erinnerung an das, was die Gewerkschafter bislang erkämpft haben, aufrechtzuerhalten, ist wichtig.

Was halten Sie von den Tumulten und Ausschreitungen, wie sie seit Jahren zum 1. Mai die Nachrichten füllen?

GEGENHEIMER: Ich finde es schade, dass die Gewalttaten durch die Nachrichten in den Vordergrund gerückt werden. Gerade die Nazi-Aufmärsche am 1. Mai halte ich für unangebracht. Insbesondere hierdurch entstehen Gewaltprozesse, und auch darüber berichten die Medien, was die Außenwahrnehmung verändert.

Wie kann man nach Ihrer Sicht jungen Menschen das Anliegen 1. Mai näherbringen?

GEGENHEIMER: Junge Menschen müssen sich von den Themen rund um den 1. Mai angesprochen fühlen. Generell müsste man für eine umfangreichere Aufklärung über die Rechte in den Betrieben sorgen, damit die Möglichkeit zur Mitbestimmung mehr wahrgenommen wird.

Der 1. Mai wird in Nordrhein-Westfalen als „Tag des Bekenntnisses zu Freiheit und Frieden, sozialer Gerechtigkeit, Völkerversöhnung und Menschenwürde“ zelebriert. Wäre das nicht auch eine gute Idee für Hessen?

GEGENHEIMER: Eine Umbenennung halte ich für nicht notwendig, weil sich aus der Aufzählung sowieso sämtliche Inhalte der hessen- und weltweiten Kundgebungen am 1. Mai ergeben.

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