+
Fritz Backhaus referierte über jüdisches Leben in Frankfurt.

Jüdisches Leben in Frankfurt

Wie die Diskriminierung der Juden begann

  • schließen

Bei einem Vortrag im Walldorfer Rathaus erfuhren die Besucher viel Wissenswertes über das jüdische Leben in Frankfurt. Es war früh von Ausgrenzung geprägt.

Sie prägten die Stadt Frankfurt, schufen Banken und die erste Universität, begründeten die Frauenbewegung und die Frankfurter Zeitung. Jedoch wurde ihnen im Mittelalter angedichtet, sie stünden mit dem Teufel im Bunde und verschleppten Kinder von Christen, um sie zu ermorden und so den Tod Christi zu sühnen. Fritz Backhaus, stellvertretender Leiter des jüdischen Museums Frankfurt, referierte im Walldorfer Rathaus auf Einladung der Doppelstadt über Juden in der Mainmetropole.

Frankfurt ist laut Backhaus die einzige Stadt in Europa, die 800 Jahre kontinuierliches jüdisches Leben nachweisen kann. Sie hat berühmte Familien wie die Rothschilds hervorgebracht. Juden kamen als Freihändler und Geldverleiher nach Frankfurt, als der Ort im 12. Jahrhundert gerade Stadt wurde. Ihre Synagoge lag nur wenige Meter vom Dom entfernt bei der ältesten jüdischen Siedlung, die auf einem Gebiet entstanden war, das einst dem König gehörte.

Worms, Speyer und Regensburg waren damals die Hochburgen des Judentums. In Frankfurt mit etwa 10 000 Einwohnern gab es zu dieser Zeit zwischen 100 und 200 Juden. „Heute ist von der jüdischen Gemeinde nicht mehr viel zu erkennen“, sagte Backhaus. Wer das Café Metropol am Weckmarkt besuche, befinde sich am Standort der einstigen Synagoge. Mit einem Foto wies Backhaus auf eine steinerne Josefsfigur mit einem Judenhut am Dom hin, die als eine der letzten Spuren von der einstigen christlich-jüdischen Auseinandersetzung zeuge.

Der jüdische Friedhof sei mit dem in Prag und Worms vergleichbar gewesen. „Das sind die drei bedeutsamsten, die in Europa erhalten sind.“ Der jüdische Friedhof in Frankfurt habe einst rund 6000 Gräber gezählt. Etwa 2000 seien erhalten. Dass nur noch ein Drittel des jüdischen Friedhofs erhalten ist, dafür sorgten die Nazis, die jede Spur jüdischen Lebens auslöschen wollten.

Die mittelalterliche jüdische Gemeinde bestand vom 12. bis 15. Jahrhundert. Sie musste sich später in der 1462 entstandenen Judengasse ansiedeln. Um sie herum wurde eine Mauer gezogen, mit drei Toren, die verschlossen wurden. So war in Frankfurt das erste Ghetto in Europa entstanden. Die Umsiedlung habe Kaiser Friedrich III. 1442 in einem Brief an den Rat der Stadt mit dem Argument verlangt, dass das Geschrei der Juden störe und sie deshalb aus dem Kern der Stadt zu verschwinden hätten.

Der Rat habe das Schreiben zunächst ignoriert. 1458 kritisierte Friedrich erneut, dass die Juden noch nicht umgesiedelt wurden. Sie wehrten sich, ihre alten Wohnsitze aufzugeben und verfassten eine Denkschrift. Sie verdeutlichte Angriffe auf Juden und ihr Eigentum. Sie wollten den Schutz der Innenstadt nicht verlieren. So wurde die Umsiedlung zurückgenommen. Später gab es eine weitere Anordnung, in die sogar der Papst eingeschaltet wurde. Dieser Gedanke zur Umsiedlung sei Teil der Ausgrenzung von Juden im Mittelalter. Sie sollten zur Kennzeichnung einen gelben Ring tragen, weil von ihnen Gefahr ausgehe. Es wurde versucht, Kontakte zwischen Juden und Christen zu kontrollieren. Zwischen dem 15. und 17. Jahrhundert gab es mehr als 100 Vorschriften der Geistlichkeit und Obrigkeit.

Im 16. Jahrhundert erlebte die Judengasse eine Bevölkerungsexplosion. Lebten dort anfänglich 30 Menschen, waren es 1560 etwa 1000 und im 18. Jahrhundert zwischen 3000 und 4000. Frankfurt war hoch verschuldet und an Zuzügen interessiert. Nach 1600 führte das Wachstum zu Konflikten. So kam es 1614 zu einem Sturm auf die Judengasse. Häuser wurden geplündert, Juden verteidigten sich in heftigen Kämpfen. Am Ende wurden sie jedoch auf dem Friedhof zusammengetrieben und mussten Frankfurt verlassen. 1616 wurden sie unter dem Schutz des Kaisers zurückgeführt.

1711 brannte die überbevölkerte Judengasse ab. Später wurde die neu aufgebaute Gasse zur Sehenswürdigkeit und galt als dichtest besiedelter Ort in Europa. Das jüdische Leben in Frankfurt endete mit der Machtergreifung der Nazis. 1938 wurden ihre Synagogen angezündet. 1941 gab es noch 11 000 Juden, am Tag der Befreiung im Februar 1945 noch 179.

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare