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Hans-Jürgen Vorndran (mit Foto) und Jana Hechler, Autorin des Buchs „Schule im III. Reich“, stellten die Schicksale vor.

Broschüre erschienen

Ehemaliger Erste Stadtrat Hans-Jürgen Vorndran leistet Erinnerungsarbeit in Mörfelden-Walldorf

Seit vielen Jahren ist der ehemalige Erste Stadtrat Hans-Jürgen Vorndran in der Erinnerungsarbeit in Mörfelden-Walldorf aktiv. Aktuell ist eine Broschüre zu einem von ihm im August organisierten Rundgang zu zahlreichen Stolpersteinen in der Altstadt von Mörfelden erschienen.

In Mörfelden-Walldorf wird auf historische Erinnerungsarbeit großen Wert gelegt: „Es ist immer wieder wichtig, sich die Geschichte in Erinnerung zu rufen“, so Bürgermeister Heinz-Peter Becker (SPD). Daher unterstützt die Stadt zahlreiche Veranstaltungen oder Aktionen, bei denen an die vielen Opfer der Nazis erinnert wird. Ein Beispiel sind die seit 2005 auf Initiative der DKP verlegten Stolpersteine. Bislang wurden an 16 Standorten 54 Steine für jüdische Opfer der NS-Diktatur verlegt.

Am 18. August diesen Jahres hatte der Förderverein (FV) Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau mit Unterstützung der evangelischen Kirche Mörfelden und der Stadt einen emotionalen und mit 60 Teilnehmern sehr gut besuchten Rundgang durch die Altstadt von Mörfelden zu sieben verschiedenen Gedenkorten organisiert. Dabei wurden zahlreiche Stolpersteine mit den jeweils individuellen Geschichten der Opfer betrachtet.

„Es geht um Menschen, nicht um Zahlen“, sagt Hans-Jürgen Vorndran. Der ehemalige Erste Stadtrat ist heute ehrenamtlich als Geschäftsführer des FV Jüdische Geschichte und Kultur im Kreis Groß-Gerau tätig. Diese ohnehin wichtige Arbeit ist für ihn noch bedeutsamer geworden, seitdem er in Deutschland wieder rechtsextreme Strömungen auf dem Vormarsch sieht: „Wir sehen deshalb unsere Aufgabe darin, mit Informationen und Argumenten dieser Entwicklung etwas entgegenzusetzen.“

Opfer von nebenan

Den Bürgern heute müsse bewusstwerden, dass in der NS-Zeit Nachbarn, Freunde oder Arbeitskollegen ausgegrenzt und verhaftet wurden. Diese Schicksale berührten viel mehr als jede Zahl, die immer abstrakt bleibe. Daher sei es umso wichtiger, an die Opfer von nebenan zu erinnern. Das ist das Ziel der Stolpersteine, einem Kunstprojekt mit politischer Botschaft. Als der Künstler Gunter Demnig dieses 1992 startete, konnte er nicht ahnen, dass 2018 in 22 europäischen Ländern mehr als 60 000 Stolpersteine aus Messing verlegt sein würden. Diese sollen die individuelle Geschichte der Opfer ins Bewusstsein rufen. Sie liegen deshalb vor den letzten frei gewählten Wohnorten der Verfolgten vor der Drangsalierung durch die Nazis.

Berührende Schicksale

Zum Rundgang im August 2018 ist jetzt eine Broschüre erschienen, die kostenfrei in beiden Stadtbüros ausgelegt wird. Ausgehend vom Gedenkstein für die jüdischen Familien in Mörfelden in der Nähe des Rathauses waren die Teilnehmer zu vielen Stolpersteinen gelaufen, etwa zu jenem der Familie Reiß. Die jüdische Familie hatte vier Kinder, einen Sohn und drei Töchter. Der Vater David starb 1915, ein Jahr vor seinem Sohn Joseph, der im Ersten Weltkrieg als Soldat fiel. An ihn erinnert eine Gedenktafel in der evangelischen Kirche. Während die Mutter 1940 starb, wurden die drei Schwestern 1942 von den Nazis deportiert und 1943 ermordet. Diese berührenden Schicksale werden in der Broschüre dargestellt. Ebenso sind zahlreiche Originalfotos aus Mörfelden aus der NS-Zeit enthalten. Diese hatte Rudi Hechler beim Rundgang den Teilnehmern gezeigt. Hechler, der über ein umfangreiches Privatarchiv verfügt, arbeitet eng mit Vorndran bei der historischen Erinnerungsarbeit zusammen. Für Sommer 2019 plant Vorndran einen Rundgang zu Stolpersteinen in Walldorf.

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