Erinnerungen sind ein wertvoller Schatz. In diesem Sinn hat Museumsleiterin Claudia Battistella zwei Schatzkisten zusammengestellt. Pflegeeinrichtungen, aber auch Angehörige, die Demenzkranke betreuen, können sich die Kisten mit Alltagsgegenständen für jeweils eine Woche ausleihen. Foto: MUSEUM
+
Erinnerungen sind ein wertvoller Schatz. In diesem Sinn hat Museumsleiterin Claudia Battistella zwei Schatzkisten zusammengestellt. Pflegeeinrichtungen, aber auch Angehörige, die Demenzkranke betreuen, können sich die Kisten mit Alltagsgegenständen für jeweils eine Woche ausleihen.

Ungewöhnliche Aktion

Ein kleines Stück Museum für zu Hause

Ob Wurzelbürste zum Wäschewaschen oder Handbohrer, ob eine alte Milchkanne oder auch die Alu-Brotdose: Mit Exponaten zum Ausleihen aus den beiden Museen in Walldorf und Mörfelden sollen Erinnerungen aufgefrischt werden.

Die Welt, wie wir sie kannten, ist aus den Fugen geraten. Eine Erfahrung, die - wenn auch aufgrund anderer Umstände und auf andere Weise - auch all jene Menschen machen, die an Demenz erkrankt sind. Das macht Angst. Und wenn dann auch noch gewohnte, vertraute Begegnungen, Berührungen eingeschränkt oder gar ganz untersagt werden, wie derzeit während der Pandemie, vergrößert es diese Unsicherheit, das Gefühl der Hilflosigkeit und des Verlorenseins noch zusätzlich.

Sie habe sich gerade in jüngster Zeit viel mit Angehörigen von an Demenz erkrankten Menschen unterhalten, sagt Claudia Battistella, Leiterin der beiden Museen in Walldorf und Mörfelden. Und dabei festgestellt, dass gerade bei fortgeschrittenem Verlauf der Krankheit die Gestaltung des Alltags in Zeiten der Pandemie für sie noch schwerer ist, als ohnehin schon.

Mit allen Sinnen erfassen

Was tun, wenn ein Angehöriger zunehmend in Kindheitserinnerungen "lebt"? Wenn die Erinnerung nicht zuletzt auch dadurch zum Leben erwacht oder am Leben gehalten wird, dass man berührt, anfasst, etwas mit mehr Sinnen als allein dem optischen erfasst? Battistella, von Berufs wegen Expertin des (Lokal-)Historischen, hat sich in Zeiten des zweiten Lockdowns vermehrt Gedanken dazu gemacht. "Die derzeitige Coronasituation ist schon sehr schwer. Ich hatte so viele Ideen entwickelt und war es leid, immer nur zu warten, bis die Leute wieder ins Museum kommen können", erläutert sie. Doch wenn es nun so herum nicht geht, warum soll denn eigentlich nicht einmal das Museum zu den Leuten kommen?, dachte sie sich. Und so sind zwei Museumskoffer entstanden. "Erinnerungen in der Kiste", nennt sie die.

Ob Wurzelbürste zum Wäschewaschen oder Handbohrer, ob eine alte Milchkanne oder auch die Alubrotdose", so Battistella - die beiden Kisten versammeln etliche solcher Gegenstände aus den vergangenen 100 Jahren, die überwiegend Mörfelden-Walldorfer den beiden örtlichen Museen einst zur Verfügung gestellt haben. "Wir haben dabei unterteilt in die beiden Themenbereiche Küche und Haushalt sowie Werkzeug und Handarbeit", erläutert Battistella.

Die Gegenstände können sich Interessierte - egal, ob aus Pflegeheimen, sonstigen Einrichtungen oder auch privat - ab sofort jeweils für eine Woche kostenlos ausleihen; sie stehen zum Abholen bereit im Museumsbüro Mörfelden (museum@moerfelden-walldorf.de oder unter (0 61 05) 938-875, -880).

Verlängerung ist möglich

Lediglich ein Pfand von 50 Euro müsse hinterlegt werden, sagt die Museumsleiterin, schließlich handele es sich bei dem Inhalt um Museumsstücke, die es notfalls, sollte wirklich mal etwas kaputt gehen, zu ersetzen gilt. Außerdem sei dringend angeraten, mit dem Auto zu kommen - denn zum Nachhausetragen wiegen die Erinnerungen dann doch im wahrsten Sinne des Wortes zu schwer.

"Mit der mobilen Kiste kann das Museum nun zu Ihnen kommen", sagt Battistella. Zuhause habe man selbst, genau wie der Angehörige mit Demenz, dann genug Zeit, die Exponate in Ruhe anzuschauen, aber eben auch anzufassen, sich "tastend zu erinnern" und darüber ins Gespräch zu kommen. "Und wer doch noch ein wenig länger braucht, der kann die Ausleihfrist schon auch mal verlängern", so Battistella.

Seit November sind die beiden lokalen Museen nun schon geschlossen. "Die kurze Zeit im März, als wir mal hätten öffnen dürfen, haben wir gar nicht erst aufgemacht", sagt die Leiterin. Denn es habe sich da schon abgezeichnet, dass die Freude nicht von langer Dauer sein würde. Stattdessen hofft sie nun darauf, Ende Mai, Anfang Juni wieder langfristig öffnen zu können. "Wir sind ja auf die Vorgaben von Land und Bund angewiesen", sagt die Museumsleiterin. "Und ich möchte auch mit einem guten Gefühl wieder aufmachen." Die Hygienemaßnahmen jedenfalls stehen längst, zudem hat Battistella den Lockdown genutzt, um die Häuser weiter fit für die Zeit nach Corona zu machen. So beispielsweise wurde Wlan installiert, es gab einiges an Reparaturen zu erledigen, aber auch, allerhand Digitalisierungs- und Archivierungsarbeiten.

Da es viele Menschen aber auch jetzt schon drängt, mal wieder nach draußen zu kommen, einander zu begegnen und sich auszutauschen, hat sich Battistella gemeinsam mit Kollegen der städtischen Fachstelle Altenhilfe ein weiteres, Corona-konformes Angebot ausgedacht. Und zwarkleine, auch rollatortaugliche, historische Stadtspaziergänge. Der erste dieser Art ist für 17. Mai geplant, nähere Informationen dazu folgen. NINA BECK

Das könnte Sie auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare