Evangelische Kita wird 90

Gerda Hylla (84) erinnert sich an ihre Jahre als Kindergartenkind der ersten Dekade

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Wenn der evangelische Kindergarten in Mörfelden am heutigen Samstag seinen 90. Geburtstag feiert, gleicht dies für den Ehrengast Gerda Hylla einer Zeitreise zurück in ihre Kindheit. Denn die Ur-Mörfelderin besuchte die pädagogische Einrichtung als junges Mädchen wischen 1936 und 1939 – und widerspricht als Zeitzeugin einem gängigen Vorurteil.

Eine Kindheit in Deutschlands dunklen Jahren unter nationalsozialistischer Herrschaft – da denken viele Menschen an strenge Zucht, frühe Indoktrinierung und freudloses Lernen mit herzlosen Strafen. Doch nichts davon ist spürbar, wenn sich Gerda Hylla an ihre Tage als Kind in der ältesten Kita der Doppelstadt, die damals noch in den heutigen Räumen des Gemeindehauses in der Kirchgasse stand, erinnert: „Wir hatten zwar nicht viele Spielsachen. Aber wir haben schöne Stunden mit unseren Bausteinen, Bilder- und Malbücher zugebracht“, beschreibt sie gegenüber dieser Zeitung ihre drei Jahre in der „Merfeller Kinnerschule“ von 1936 bis 1939. „Wir haben viel gesungen und viel erzählt bekommen“, fügt sie hinzu.

Und die Erzieherinnen? „Die waren streng, aber liebevoll“, sagt die 84-jährige, während sie das alte Schwarz-Weiß-Foto lange und mit einem Lächeln betrachtet. Besonders ans Herz gewachsen war ihr „Tante Frieda“ – es war damals üblich, die Erzieherinnen als Tanten anzureden. „Alle Kinder liebten sie“, berichtet Gerda Hylla. Die Pädagogin begleitete sie sogar täglich ein Stück auf ihrem Weg zum Kindergarten und zurück. „Nur bei der Hygiene verstand sie keinen Spaß“, ergänzt sie. „Auf das Händewaschen vor dem gemeinsamen Frühstück legte sie großen Wert.“ Dann habe man gemeinsam das Tischgebet gesprochen, zusammen gefrühstückt, „wir Kinder wischten die Krümel vom Tisch und packten das Butterbrotpapier wieder in unsere kleine Umhängetasche“.

Frieda Gernandt, so ist in der kleinen Chronik des Kindergartens zu lesen, muss nicht nur eine liebevolle, sondern auch mutige Frau gewesen sein: Als der Kindergarten mitten im Krieg 1941 zwangsweise aufgelöst und in den Kindergarten der nationalsozialistischen Volksfürsorge überführt wird, weigert sie sich, weiterzuarbeiten – und wird arbeitslos.

„Geschlagen wurden wir nie“, erinnert sich Gerda Hylla, die bis heute ehrenamtlich in der evangelischen Frauenhilfe arbeitet – in jenen Räumen des Gemeindehauses, in denen damals ihr Kindergarten war. Eine große Ausnahme in Zeiten, als die Prügelstrafe noch weit verbreitet war. „Wenn wir uns mal ganz böse zankten, mussten wir schon mal eine Weile in der Ecke stehen“, beschreibt sie die pädagogischen Maßnahmen, „oder vor die Tür – das war die Höchststrafe“.

Dass Gerda Hylla gerne an ihre Kita-Zeit zurückdenkt, hat noch einen anderen Grund: „Ich war leider Einzelkind und wünschte mir sehnlichst einen Bruder“, verrät sie. So hielt sie jeden Morgen auf ihrem Weg zum Kindergarten vor dem Bäcker in der Langgasse. „Gegenüber war ein Storchennest und ich rief immer hinauf: ,Storch, Storch, Guder – bring mir einen Bruder!’“. Der Wunsch sollte zwar nie in Erfüllung gehen – „aber im Kindergarten konnte ich dafür ja auch mit den Jungen spielen!“ Apropos: Die vielleicht ausgelassensten, wildesten Stunden erleben sie und ihre Spielkameraden bei den Ausflügen zur Wernertanne, dem heutigen Bolzplatz in der Nähe des Friedhofs.

„Im Sommer, wenn es richtig heiß war. Da konnten wir so richtig im Sand wühlen – das war herrlich!“, erzählt sie. Auch mit diesem schönen Erlebnis verknüpft sie ein Lied: „Heut geh’n wir zur Werner, Werner Tann, da wird uns der Weg nicht lang – das sangen wir immer in Vorfreude auf dem Weg dorthin“, erinnert sie sich. „Das war für mich immer das Schönste.“

Gespannt blickt Gerda Hylla ihrem Besuch heute beim Geburtstagsfest ihres ehemaligen Kindergartens entgegen. Den Neubau habe sie noch nie gesehen, verrät sie. Sie soll zum 90. Geburtstag der Einrichtung ein Interview über ihre Erinnerungen geben.

Den ein oder anderen Besucher dürfte sie überraschen, wenn sie mit ihren warm leuchtenden Augen von der „wunderbaren Zeit in meinem Kindergarten“ erzählt. „Ich weiß nicht,“ sagt sie, „ob alle Kinder heute so glücklich sind wie wir es damals waren.“

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