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Jafar Kazimi aus Afghanistan: Seine Ängste verarbeitet er in Bildern

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Viel Platz hat der Geflüchtete Jafar Kazimi in der Zwei-Zimmer-Wohnung für vier Personen nicht.
Viel Platz hat der Geflüchtete Jafar Kazimi in der Zwei-Zimmer-Wohnung für vier Personen nicht. © Mara Paul

Jafar Kazimi betreibt mit Farben und Pinseln „Seelenmalerei“, die große Geschichten von seinem Sinn sozialer Gerechtigkeit erzählen. Derzeit lebt er in Walldorf, hat aber Angst, dass er zurück in seine Heimat Afghanistan abgeschoben wird.

Was ist das für ein Dasein? Das Herz schlägt, man existiert biologisch, darf seine Wünsche und Träume nicht verwirklichen und auch keine eigene Meinung aussprechen. Sonst drohen Tod oder Gefängnis. So wuchs der Künstler Jafar Kazimi in Afghanistan auf. Eines seiner Gemälde zeigt einen kleinen Vogel, eingesperrt in einen Käfig – und hinter Stacheldraht. So empfand der vor drei Jahren Geflüchtete nicht nur sein eigenes Leben in der Heimat, sondern auch das seiner dortigen Mitmenschen.

Keines seiner Motive überlässt der 19-Jährige dem Zufall. Jedes basiert auf einem doppeldeutigen Sinn, den es zu erkennen gilt. Kazimi betreibt mit Farben und Pinseln eine tiefgründige „Seelenmalerei“, die große Geschichten von seinem Sinn sozialer Gerechtigkeit erzählen. Ihn durfte Kazimi in seiner Heimat nicht ausleben. Sein Gemälde mit dem eingesperrten Vogel hinter Stacheldraht hätte er wegen seiner starken Symbolkraft in seiner Heimat niemals ausstellen dürfen. „Höchstens in Kabul“, sagt er. Bei der Open-Air-Galerie am vergangenen Wochenende bereitete Kazimi niemandem Probleme, als er dieses Exponat zeigte.

Als Achtjähriger zeichnete er zunächst. Sein inzwischen verstorbener Vater, der das Talent seines Sohnes erkannt hatte, ermutigte ihn damals, zu Farben und Pinseln zu greifen. „Mein erstes farbiges Bild war eine Landschaft in meiner Heimat“, erinnert er sich.

Bereits als Neunjähriger entdeckte Kazimi seine Leidenschaft für die Porträtmalerei. Sie ist bis heute sein Lieblingsthema. Die meisten seiner Arbeiten musste er wegen der Flucht in einem Schiff aus Afghanistan mit zwei Schwestern, einem Bruder und seiner Mutter in seiner Heimat lassen. An diese großartigen Bilder erinnern den Künstler nur noch Fotos auf seinem Handy.

In seiner Heimat malte Kazimi viel mit Ölfarben. Das jedoch ist in dem jetzigen Übergangsdomizil in Walldorf mit nur zwei Zimmern für vier Menschen nicht mehr möglich. Es gibt nahezu keinen Platz zum Malen, auch keinen, um die Bilder zu trocknen und zu lagern, und die Benutzung von Ölfarben würde die ganze Wohnung mit üblen Dämpfen „verpesten“. Deshalb greift der Künstler in Walldorf nur zu Bleistiften, um zu zeichnen, zu Aquarell- und Acrylfarben. Er hat sich aber fest vorgenommen, sobald er einmal mehr Platz hat und für sich lebt, wieder mit Ölfarben zu arbeiten.

Kazimi hat Wünsche, Träume und Hoffnungen. Seine Zukunft jedoch ist momentan nicht planbar. „Ich hänge in der Luft und weiß nicht, wie es mit mir weitergeht“, sagt er. Er hat mit Abendkursen seinen Hauptschulabschluss absolviert. Nach den Sommerferien will er seinen Realschulabschluss angehen und danach sein Fachabitur. Er will einmal Kunst studieren, von seinen Arbeiten leben. Er denkt an Ausstellungen in deutschen Großstädten – und an einen Sponsor. Momentan jedoch fällt der Familie der Erwerb von Farben, Pinseln und Leinwänden für den begabten Sohn finanziell sehr schwer.

Überhaupt weiß er nicht, ob er in Deutschland bleiben darf oder in seine Heimat abgeschoben wird. Denn sein Asylantrag wurde abgelehnt. Das verursacht bei dem jungen Mann Ängste, die sich in seinen Motiven spiegeln. Er will mit ihnen beispielsweise auf die weltumspannende Kinderarmut aufmerksam machen, aber auch auf die Frauen in den Kriegsgebieten seiner Heimat, die in ihren Dörfern „ein sehr schlechtes Leben führen“ und keine eigene Meinung vertreten dürfen.

Wenn Kazimi abgeschoben würde, so ginge er alleine zurück nach Afghanistan und wäre dort alleine. Denn seine ganze Familie ist in Deutschland und darf auch dort bleiben. Der gut erzogene, sympathische junge Mann mit wirkt stark verunsichert. Denn er weiß nicht, ob er seinen großen Traum von einer professionellen Kunstkarriere in Deutschland jemals verwirklichen darf. Für die Doppelstadt wäre Kazimis Abschiebung, der Bilder verkauft, um Malutensilien kaufen zu können, ein großer Verlust.

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