Politiker aus Mörfelden-Walldorf

Jörg Cezanne (Linke) ist der erste Bundestagsabgeordnete aus der Doppelstadt

Vor rund einem Jahr wurde Jörg Cezanne (Linke) in den Deutschen Bundestag gewählt. Der 60-Jährige hat sich vor allem auf Verkehrsthemen spezialisiert.

Vor rund einem Jahr wurde zum ersten Mal ein Bürger aus der Doppelstadt in den Deutschen Bundestag gewählt. Jörg Cezanne zog über die Landesliste der Linken in das höchste deutsche Parlament ein. Hierzu hatte das starke Ergebnis seiner Partei bei der Bundestagswahl in Hessen beigetragen. „Wir haben in den westlichen Bundesländern viele Wähler hinzugewonnen“, freut sich Cezanne. Auch die Mitgliederzahlen gehen laut Cezanne im Westen nach oben.

Das starke Ergebnis der Linken in Hessen mit rund acht Prozent bei der Bundestagswahl fand allerdings aufgrund eines gegenläufigen Trends vergleichsweise wenig Beachtung. So landete die Partei bei der Wahl insgesamt nur noch auf Platz fünf, nachdem sie 2013 im Bund noch den dritten Platz hinter CDU/CSU und SPD belegt hatte. Doch 2017 hatten sich zusätzlich AfD und FDP vor die Linke geschoben. Der Grund dafür lässt sich im Wesentlichen darauf herunterbrechen, dass die Linke im Osten Deutschlands im großen Umfang Wähler an die AfD verloren hatte.

Die Stärke der AfD betrübt Cezanne: „Die AfD steht mit ihren Positionen für einen Verlust an Menschlichkeit.“ Viele Bürger fühlten sich offenbar aber von den Parteien, die schon vor 2017 im Bundestag vertreten waren, nicht mehr repräsentiert, was die AfD bei der Bundestagswahl gestärkt habe. Zudem gingen zu viele gar nicht mehr zur Wahl, weil sie von der Politik nichts mehr erwarteten. „Das bisherige Parteiensystem konnte viele Wähler leider nicht mehr einbinden. Im Osten Deutschlands wurden auch wir von vielen zum ,Establishment’ gezählt“, so Cezanne. Es wäre aber grundfalsch, der AfD und ihren Positionen hinterherzulaufen. Vielmehr müsse man ein klares Zeichen für die Menschlichkeit setzen, der AfD politisch entgegentreten und sie inhaltlich stellen. „Daher war ich auch bei ,Blues gegen Rechts’ am Dienstagabend vor dem Bürgerhaus Mörfelden dabei, um ein Zeichen für Toleranz und gegen Rassismus zu setzen“, so der Abgeordnete.

Der weltoffene Cezanne ist in Walldorf aufgewachsen, wo er auch heute wieder wohnt. Er hat einen spannenden Lebenslauf aufzuweisen, mehrere Jahre im Ausland gelebt. „Das war für mich eine tolle Lebenserfahrung“, sagt Cezanne, der zwischen 1995 und 2001 in Großbritannien und den USA gelebt hat. „Ich habe mich in beiden Ländern wohlgefühlt und viele nette Menschen kennengelernt. Umso mehr haben mich der Brexit und die Wahl Donald Trumps getroffen“, so der 60-Jährige. Sein früheres Umfeld in Großbritannien und den USA sei über beide Entwicklungen ebenfalls schockiert.

Nach dem Abitur 1978 machte Cezanne zunächst eine Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann. Zwischen 1991 und 1996 absolvierte er ein Studium der Betriebswirtschaftslehre, der Soziologie sowie der Afrikanischen Sprachwissenschaft und Historischen Ethnologie in Frankfurt: „Dabei habe ich viel mitnehmen können“, betont Cezanne. Politisiert wurde er in der Schülervertretung sowie in den Bewegungen gegen die Startbahn West und für Frieden und Abrüstung. Zwischen 1983 und 1989 war Cezanne im Bundesvorstand der Sozialistischen Deutschen Arbeiterjugend und Schatzmeister des Weltbundes der Demokratischen Jugend.

1977 war er der DKP beigetreten. Die Partei verließ er jedoch 1989 aus Enttäuschung. Seiner Meinung nach hatte sie sich zu wenig kritisch mit dem damaligen Ostblock und den dortigen Fehlentwicklungen auseinandergesetzt. Cezanne hielt länger Abstand zu Parteien, bevor er 2007 den Linken beitrat. Ein Jahr später wurde er Geschäftsführer von deren Landtagsfraktion. Vor dieser politischen Arbeit war Cezanne als freiberuflicher Berater tätig, etwa für Greenpeace zu den Themen Ökosteuer und nachhaltige Produktion. Von 1990 bis 1996 war er zudem im Rationalisierungskuratorium der Deutschen Wirtschaft als Referent für gesamtwirtschaftliche Fragen tätig.

Im Bundestag gehört der Abgeordnete dem Finanzausschuss und dem Ausschuss für Verkehr und digitale Infrastruktur an. Auf Verkehrsthemen hat sich Cezanne besonders spezialisiert. Wichtig ist ihm ein Nachtflugverbot zwischen 22 und 6 Uhr am Frankfurter Flughafen: „Wir sind nicht gegen den Flughafen, aber gegen dessen ständigen Ausbau. Auch Beschäftigte am Flughafen hätten gerne ein Nachtflugverbot, da sie ihre Nachtruhe brauchen.“

Zudem hält Cezanne eine ökologische Wende bezüglich des Autoverkehrs für dringend geboten: „Die Dieselkrise zeigt exemplarisch, dass die Ära des Verbrennungsmotors zu Ende gehen wird. Die deutsche Automobilindustrie müsste hier viel energischer in neue Antriebsformen investieren.“ In der Rolle als Abgeordneter einer Oppositionspartei gegenüber der Großen Koalition fühlt sich Cezanne durchaus wohl: „Auch aus der Opposition heraus kann man mit seinen Anstößen immer wieder etwas bewegen.“

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