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So lecker kann einfache Küche sein

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Schmackhaft und aus einfachen Zutaten gekocht: Inge Kerpen (links) und Christel Löber zauberten die alte ?Merfeller? Spezialität ?Kahdaiser Klees mit Ebbelwoiso?.
Schmackhaft und aus einfachen Zutaten gekocht: Inge Kerpen (links) und Christel Löber zauberten die alte ?Merfeller? Spezialität ?Kahdaiser Klees mit Ebbelwoiso?. © Mara Paul

Wer nicht viel Geld hatte und viele hungrige Mäuler stopfen musste, der kochte früher „Arme-Leuts-Essen“. Inge Kerpen und Christel Löber kennen noch die Rezepte und wissen wie es geht.

„Armer Ritter“ – dahinter lässt sich ein Mann in Rüstung und Geldnot vermuten. Weit gefehlt. Er zählte einst zu den preisgünstigen, aber leckeren „Arme-Leuts-Essen“ in der Doppelstadt. Sie sind in Zeiten von Fertiggerichten, Mikrowelle und Ceran-Kochfeld von den Speiseplänen verschwunden. Zu Unrecht, denn was mit vergleichsweise günstigen Zutaten aufgetischt wurde, schmeckt auch heute noch gut und ist rasch zubereitet. Christel Löber und Inge Kerpen aus Mörfelden erinnern sich, was früher verzehrt wurde, und kochen eine Hauptmahlzeit samt Dessert nach. „Das gab es bei uns früher zu Hause“, erinnern sich die Damen. „Von Hand wird jedoch nicht gerührt, das ist zu mühsam“, sagen sie lachend und greifen zu zwei Mixern.

Früher, als der Vater noch Alleinverdiener war und die Mutter die Kinder daheim versorgte, herrschte oft Ebbe im Sparstrumpf. Trotzdem mussten alle Mäuler gestopft werden. Da kamen Gerichte wie der Arme Ritter recht. Man nehme vier Scheiben Toast, ein Ei, einen Viertel Liter Milch, 50 Gramm Butter, Zimt und Zucker. Eier und Milch verquirlen, Brotscheiben darin gut einweichen. Butter in der Pfanne schmelzen und das Brot darin von beiden Seiten goldbraun backen. Heiß mit Zucker und Zimt bestreuen und warm servieren.

Mit Apfelweinsoße

Als besonders schmackhaft galten Karthäuser Klöße mit Apfelweinsoße (Kahdeiser Klees mit Ebbelwoisoß). Man nehme sechs Milchbrötchen vom Vortag, trenne zwei Eier, dazu einen halben Liter Milch, eine Prise Salz, 30 Gramm Zucker und ein Päckchen Vanillezucker sowie Semmelbrösel, Butterschmalz, Zucker und Zimt. Kruste von den Brötchen abreiben und sie dann vierteln. Dann Eiweiß schlagen. „Aber nicht von Hand. Das ist zu mühselig“, so Kerpen. Eigelb mit Milch, Zucker, Vanillezucker und Salz verquirlen. Brötchen darin einweichen, danach leicht ausdrücken, zuerst im Eischnee und in den abgeriebenen Semmelbröseln wenden. In Butterschmalz ausbacken.

Sonntags mit Mandeln

Dazu wird Apfelweinsoße serviert. „Wir kochen Apfelweinschaumsoße“, sind sich die Damen einig. Dafür trennen sie vier Eier. Eigelb, 250 Milliliter Apfelwein, etwas Speisestärke, 30 Gramm Zucker schaumig schlagen. Bei mittlerer Hitze unter ständigem Rühren kurz aufkochen lassen. Topf vom Herd nehmen, die Soße in eine kalte Schüssel füllen und im kalten Wasserbad schlagen. „Ein Gedicht“, schwärmt Kerpen beim Kochen. Begehrt waren auch Apfelküchlein (Ebbelpannkischelscher), Eier mit Speck und Salat sowie Pilzgerichte von selbst gesammelten Wiesenchampignons und Steinpilzen.

Für Mehlklöße mit Obst wurde „frei Schnauze“ Mehl mit einem Ei, Salz und Milch gemischt. Aus dem Teig wurden Klöße geformt, die ins kochende Wasser kamen und dort etwa 15 bis 20 Minuten zogen. Dazu gab es nicht selten aufgekochtes Dörrobst, das zuvor selbst auf Schnüren getrocknet worden war.

An frühere Zeiten erinnern auch Kartoffelpfannkuchen mit Apfelbrei (Gereeste un Ebbelbrei) oder Ochsenaugen (Spiegeleier). Serviert wurden auch gebackene Nudeln mit Eiern und etwas Speck, selbst gemachter Kartoffelbrei (Stambes) und Dörrobst (Hutzel) und zum Kaffee selbst gebackene Schnecken aus Hefeteig, mal mit Kakao, Zucker und Butterflöckchen gefüllt, mal mit Zimt und Zucker und sonntags mit Mandelstiften. Als Nachtisch wurde oft Zwiebackpudding zubereitet. Löber und Kerpen kochen ihn nach und lachen, während sie den Topf auslecken.

Gelegentlich gab es Metzelsuppe, wenn jemand in der Nachbarschaft geschlachtet hatte und die Wurstsuppe verteilte. Fleischbrühe wurde zu Hause aus Knochen gekocht, es kam nur wenig Fleisch hinein. Auf dem Plan der „Arme-Leuts-Essen“ stand auch Kartoffelgemüse mit Leber- und Blutwurst, Frikadellen und Petersilie. Dieses schmackhafte Gericht lässt sich noch heute im Nu aus gekochten oder rohen Kartoffeln zaubern.

Für eine Variante aus einem Kilo rohen Kartoffeln nehme man eine Zwiebel, Fett, Salz, Pfeffer, ein Lorbeerblatt, einen Esslöffel Mehl, einen Schuss Essig und gehackte Petersilie. Gehackte Zwiebel im Fett andünsten, geschälte Kartoffeln in Scheiben schneiden und dazugeben. Mit Wasser oder Brühe auffüllen, mit Salz, Pfeffer und Lorbeer würzen und etwa 20 Minuten garen. Ab und zu umrühren. Das Mehl mit Wasser anrühren und zum Gemüse geben. Mit einem Schuss Essig würzen und Petersilie darüber streuen.

Viele der „Arme-Leuts-Essen“ bereitet nur noch die ältere Generation zu – obgleich die jüngere dann auch gerne zuschlägt und sich munden lässt, was heutzutage kaum noch aufgetischt wird. „Schade, dass die alten Gerichte langsam aussterben“, findet Löber.

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