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Ein lesenswertes Unikat

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Von: Volker Arndt

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Der Chronist Carl Grottenberger hat die Geschichte Mörfeldens festgehalten. Das einzigartige Buch ist jetzt im Besitz von Volker Arndt.

Zurück in der Heimat, so könnte es heißen in Anbetracht der Reise, die ein spezielles Buch genommen hat. Ein rot-gold schimmerndes Werk mit ledernem Rücken in einem quasi druckfrischen Zustand und mit dem Titel „Ortsgeschichte Mörfelden“. 1936 und 1937 publizierte der Chronist Carl Grottenberger die Geschichte seines Ortes von seinen Anfängen bis zum damaligen Zeitpunkt in Form schmaler Heftchen als Benefiz zur Errichtung eines Ehrenmals für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, das heute auf dem Gelände des Mörfelder Friedhofs zu finden ist. Herausgegeben wurden die kleinen Broschüren vom Verkehrsverein Mörfelden.

Eine Mörfelderin Margarete Dickhaut (16. 2. 1919-20. 9. 1999) sammelte alle Exemplare, und da sie in Frankfurt als Buchbinderin arbeitete, brachte sie die komplette Sammlung professionell chronologisch genau zusammen – fertig war ein Unikat, das schließlich ihr Neffe Otto Arndt als Geschenk erhielt. Dieser zog eines Tages von Mörfelden weg, wohnte zunächst in Würzburg, dann in Kronberg und feierte dort am 25. Januar seinen 88. Geburtstag. Das einzigartige Buch übergab er an dem Tag seinem Sohn Volker Arndt, Stadtverordneter in Mörfelden-Walldorf, der heute im Elternhaus des Otto Arndt wohnt, das Ludwig Dickhaut (geboren 1879 und 88-jährig gestorben) erbaut hatte. Ludwig Dickhaut war der Vater von Margarete Dickhaut und der Großvater von Otto Arndt. Die 380seitige Ortsgeschichte ist nunmehr an den Ursprungsort zurückgekehrt.

Vieles blieb erhalten

Cornelia Rühlig, Museumsleiterin der Stadt Mörfelden-Walldorf, begutachtete das Exemplar. „Man merkt sofort die Liebe zur Buchbinderei. Eine richtig gute und sehr schöne Arbeit mit Leder.“ Rühlig sprach aber auch über den Autor des Buches, den Heimatforscher und Reichsbahnobersekretär Carl Grottenberger (1874-1946), der Stammgast im Gasthaus „Zum Goldenen Apfel“, heute im Besitz der Stadt, gewesen sein soll.

„Er war sehr an Geschichte interessiert. Durch seine Leidenschaft Originaldokumente zu lesen, die er teils wortgetreu in seine Aufzeichnungen übernommen hat, blieb vieles erhalten, das im Original durch Bombenangriffe wie im Fall des Archivs in Darmstadt für immer zerstört worden ist“, berichtete die Museumsleiterin. Manche Information existiere daher insbesondere in der „Ortsgeschichte“ von Carl Grottenberger, die er schon 1913 begonnen hatte zu verfassen. Seine Monografie von 1936 fiel allerdings in eine Zeit der Nazidiktatur, was an einigen Stellen im Buch deutlich wird. „Es war nichts Ungewöhnliches in der NS-Zeit angeregt zu werden, sich mit Geschichte zu beschäftigen“, sagte Cornelia Rühlig. „Gerade für Ariernachweise wurden Kirchenbücher aus der Notwendigkeit heraus, Familienzusammenhänge recherchieren zu können, gesichtet.“ Ortsgeschichten aus der damaligen Zeit seien von einer ideologisch-angepassten Geschichtsschreibung der Nazis geprägt. Allzu positive Beschreibungen glorifizierten „germanisches Brauchtums“ und auch etwaiger Antisemitismus entspräche eben dieser Zeit.

Historische Quellen

„Solche Schriften müssen quellenkritisch gelesen und bewertet werden“, fügte Rühlig hinzu. Davon abgesehen, lobte sie Grottenbergers Engagement, denn bis zu seiner Veröffentlichung habe es keine Ortschronik von Mörfelden gegeben. „Er hat sich vieler historischer Quellen bedient und Inhalte zusammengefasst, so dass am Ende als zentrale Quelle eine wichtige Schrift für die Mörfelder Ortsgeschichte vorgelegen hat.“

Von einem „Geschichtsschreiber, der die Geschichte des Ortes vor unserem geistigen Auge erstehen lässt“, spricht Carl Grottenberger im Vorwort. „Die erste Frage, wann und durch wen wurde Mörfelden gegründet kann durch hiesige Akten nicht beantwortet werden“, schreibt er 1936, vermutet die Gründungsphase zwischen 500 und 700 nach Christus Eine Besiedlung habe es allerdings schon viel früher gegeben, davon zeugt eine Zeichnung von einem der 26 Hügelgräber, die wiederum auf eine Zeit 2000 bis 1000 vor Christus datiert werden.

Weitere Zeichnungen zeigen die während des 30-jährigen Krieges (1618 bis 1648) zerstörte „Nikolauspforte“ sowie eine Abschrift der ersten Karte von Mörfelden, sogar mit Details der einzelnen Häuser, deren Original von 1783 im Besitz von Helmut Aumann, Biebesheim, ist, einem Nachkommen der Familie Raiß. Bei der interessanten Geschichte des Ortes hat Chronist Grottenberger weder die Gräueltaten zu Zeiten des Mittelalters, die er detailliert beschreibt, ausgelassen, noch die persönlichen Lebensläufe namhafter Mörfelder, und somit ein bedeutendes Dokument Ortsgeschichte hinterlassen.

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