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Museumsleiterin Claudia Battistella aus Mörfelden-Walldorf. foto: Alexander Koch

Ende Zweiter Weltkrieg

Mörfelden-Walldorf: Der Mythos von der "Stunde Null"

Museumsleiterin Claudia Battistella redet im Interview über die Bedeutung des 8. Mai 1945 - auch speziell für die Doppelstadt

Welche Bedeutung hat der 8. Mai 1945 für die bundesdeutsche Gesellschaft?

Der 8. Mai 1945 als Ereignis ist in Deutschland verbunden mit dem Ende des Zweiten Weltkrieges, der vollständigen Kapitulation der deutschen Streitkräfte und damit einhergehend dem Ende der NS-Diktatur und dem Ende des Holocaust. Gleichzeitig gibt es natürlich auch eine emotionale Ebene, die mit diesem Datum einhergeht: Als "Tag der Befreiung von dem menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft" bezeichnete ihn im Jahre 1985 der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker. Diese Deutung entwickelte sich aber erst mit der Zeit und wird von vielen Menschen bis heute ambivalent gesehen. Denn nach dem Krieg wurde vor allem in Westdeutschland dieses Datum häufig auch mit negativen Emotionen belegt: Besatzung durch die Alliierten, Zusammenbruch Deutschlands, Vertreibung, Verlust von Heimat und die deutsche Teilung. Diesen Zwiespalt formulierte Theodor Heuss, indem er diesen Tag die "tragischste und fragwürdigste Paradoxie unserer Geschichte" nannte.

Das Gefühl von Neubeginn zeigt sich auch im Mythos der "Stunde Null", der unter anderem mit der Annahme verbunden war, dass Deutschland nach diesem Datum von Null beginnt und Antisemitismus und Rassismus nun verschwunden seien. Das war und ist natürlich nicht der Fall. Wie an unseren gesellschaftlichen und politischen Diskussionen zu erkennen ist, war und ist dieses Gedankengut ein sehr aktuelles Problem, das nicht auf magische Weise an diesem Datum zu existieren aufhörte. Jedoch wurde und wird der 8. Mai immer als Zäsur und symbolträchtiges Datum empfunden. So fand zum Beispiel die Unterzeichnung des Grundgesetzes am 8. Mai 1949 statt. Heute ist der 8. Mai als bundesdeutscher Feiertag im Gespräch. In Berlin gilt er in diesem Jahr sogar schon als Feiertag.

In der DDR war der 8. Mai zwischen 1950 und 1966 gesetzlicher Feiertag. Die aktuelle Diskussion zeigt die aktuelle Bedeutung von Gedenken an die Zeit des Nationalsozialismus und dessen menschenverachtendes Gedankengut, aber auch die Wichtigkeit der Warnung vor einer Rückkehr in eine solche Welt.

Wie wichtig ist das Datum für Mörfelden-Walldorf?

Ich verstehe den 8. Mai 1945 als Sammelbegriff für viele verschiedene Daten, denn es gab nicht "einen" 8. Mai für alle Menschen - viele Städte und Gemeinden wurden bereits vor diesem Tag von den Alliierten befreit - so auch Mörfelden und Walldorf. Für die heutige Doppelstadt sind die Daten 25. und 26. März 1945 sehr viel bedeutender. An diesen Tagen beendeten die amerikanischen Truppen unter General Patton den Krieg in Mörfelden und Walldorf. Daher sind diese Tage sehr viel stärker im kollektiven Gedächtnis unserer Stadt mit dem Kriegsende verbunden. Für den 8. Mai selbst wird nicht von Freudenkundgebungen oder ähnlichem vor Ort berichtet. Wenn man es etwas überspitzt formulieren möchte, könnte man sagen: Der 8. Mai 1945 spielte damals eigentlich vor Ort kaum eine Rolle, der 25. und der 26. März 1945 sind für Mörfelden beziehungsweise Walldorf die Tage der Befreiung.

Mörfelden-Walldorf hat Partnerstädte in Frankreich, den Niederlanden und Italien. Welche Bedeutung hat der 8. Mai für diese Länder?

Viele Länder Europas gedenken im Mai der Befreiung von der nationalsozialistischen Besatzung. Trotzdem gibt es daneben andere Tage, an denen jedes Land das nationale Ende des Zweiten Weltkriegs ausgiebiger feiert. In Italien zum Beispiel spielt der 8. Mai eine weniger prominente Rolle. Ein gesetzlicher Feiertag ist der Anniversario della liberazione d'Italia (Jahrestag der Befreiung Italiens), der am 25. April begangen wird. An diesem Tag fanden nach einem entsprechenden Aufruf 1945 verschiedene Aufstände im noch von deutschen Truppen besetzten Teil Italiens statt, die vielerorts das Ende der deutschen Besetzung herbeiführten, und zwar noch vor Ankunft der alliierten Truppen.

In Frankreich ist der 8. Mai seit 1981 ein staatlicher Feiertag und wird für Gedenkfeiern genutzt; in der Wahrnehmung prägt aber auch der 26. August 1944 das kollektive Gedächtnis stark: An diesem Tag erfolgte die "Libération" mit dem Einzug Charles de Gaulles auf der Champs-Elysées in Paris. In den Niederlanden ist der 5. Mai der "Bevrijdingsdag" (Befreiungstag), der ein nationaler Feiertag ist und mit Feierlichkeiten begangen wird. Am 5. Mai 1945 wurde die Kapitulation der deutschen Streitkräften in den Niederlanden in Wageningen - unserer Partnerstadt - unterzeichnet. Bis heute finden an diesem Tag eine Parade und Feierlichkeiten für Kriegsveteranen statt, da er für die Niederlande offiziell den Zweiten Weltkrieg und die NS-Besatzung beendete. das Interview führte Alexander Koch

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