Offen für „Queerbeet“

Neue Anlaufstelle für intersexuelle Menschen in Mörfelden-Walldorf eröffnet

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Mehr Toleranz gefordert: Es gibt nicht nur Schwarz oder Weiß, sondern auch intersexuelle Menschen, die mitten unter uns leben. Eine neue Beratungsstelle wurde jetzt für diesen Personenkreis eröffnet.

Etwa 100 Personen hatten sich auf dem Rathausvorplatz in Mörfelden eingefunden, um der Eröffnungsveranstaltung LSTB*IQ beizuwohnen. Das Kürzel „LSTB*IQ“ bedeutet „Lesbisch, Schwul, Trans, Bisexuell, Intersexuell und Queer. Damit sind alle Menschen gemeint, die von der Heteronormativität abweichen. „Heute fällt der Startschuss zu dieser neuen Kontakt- und Beratungsstelle, die dem Sport- und Kulturamt, dem Integrationsbüro sowie dem Frauenbüro angegliedert ist und durch „MöWa Queerbeet“ mit organisiert wurde“, erläuterte Bürgermeister Heinz-Peter Becker (SPD). Es gehe um „Menschen mit intersexueller Orientierung“. Viele würden dieses Thema aber nicht an sich heranlassen, und zum Teil würden manche immer noch Witze darüber machen, meinte er.

Ralf Baitinger, Chef des städtischen Sport- und Kulturamts, dazu: „Es war dringend notwendig und absolut angemessen, jetzt eine solche Kontakt- und Beratungsstelle einzurichten.“ Trotz der bereits vorhandenen Offenheit in unserer Gesellschaft, die diesem Personenkreis entgegengebracht werde, fehle es hierbei weiterhin an Normalität. „Es muss daher eine intensive Aufklärung der heterosexuellen Gesellschaft stattfinden“, sagte Baitinger. „Ich bin stolz darauf, dass insbesondere aufgrund der Aktivität von Falk Fleischer Mörfelden-Walldorf kreisweit die erste Kommune ist, die nun mit einem solchen Angebot für LSTB*IQ aufwartet.“

Falk Fleischer, Mitglied im Sozial-, Kultur-, Integrations- und Vereinsausschuss, erklärte: „Wir alle freuen uns, dass Mörfelden-Walldorf damit ein Zeichen setzt. Jeder Zehnte entspricht nämlich nicht der Norm. Bei 35 000 Einwohnern unserer Stadt, wären dies rechnerisch 3500, die zu LSTB*IQ zu zählen sind.“

Fleischer kündigte dann eine Transvestitenimitatorin aus Darmstadt an, die mit ihrer Zwei-“Mann“-Show auftrat: „Wir konnten mit dem Vintage Showgirl Aurora DeMeehl eine großartige Künstlerin engagieren.“ Am Klavier begleitete sie ihr

„Gatte Herr Schmitt“

, der mit witziger Frisur für zusätzliche Aufmerksamkeit sorgte. Zwischen den Liedern lachten die Zuschauer über Slapstick-Klamauk jenes vollschlanken Transvestiten.

„Als ein dörrappelischer Rockmusiker im Radio gesungen hat: ,Gut, dass ich kein Dicker bin‘, habe ich mich derart aufgeregt, dass ich eine Hymne gegen die strukturelle Gewalt an Dicken geschrieben habe“, kündigte Aurora DeMeehl an und trug ihr Pendant zum Hit von Marius Müller-Westernhagen dann auch musikalisch vor.

„Im Odenwald fährt ein ganz langsames Auto vor dir her. Denke daran: Das könnte ich sein“, sagte DeMeehl bei ihrer nächsten Musikpersiflage. Es war „Country Roads“ von John Denver, aber mit neuem Text. Eine Zeile im Refrain lautet: „Hinter mir acht Kilometer zähfließender Verkehr“. Aus dem berühmten Hit „Sunny“, von Sonny & Cher 1966 gecovert, machte die Sängerin das Liebeslied „Funny“ mit jazzigen Einlagen, wofür sie viel Applaus erntete. Zum Schluss sagte die Travestiekünstlerin: „Wir wünschen dieser neuen Anlaufstelle einen großen Erfolg.“

Die neue Einrichtung wird auf Basis eines „Aktionsplans für Akzeptanz und Vielfalt“ vom Hessischen Ministerium für Soziales und Integration finanziell gefördert. Dr. Claudia Leipold, die ehrenamtlich in der Integrationshilfe Mörfelden-Walldorfs tätig ist, meinte: „In Anbetracht des Selbstmords eines neunjährigen Jungen in den USA, der seine homosexuelle Neigung offenbart hatte und daraufhin in seiner Schule gemobbt wurde, erkennt man die Wichtigkeit einer solchen Einrichtung.“

Selbst der Papst habe sich zu dem Vorfall in der Form geäußert, dass Eltern solcher Kinder diese in psychiatrische Behandlung schicken sollten. „Aber Homosexualität ist ja erwiesenermaßen nicht pathologisch“, empörte sich Leipold, und schon deswegen sei auch diese Veranstaltung auf dem Rathausvorplatz eine „ganz wichtige“.

Die offenen Sprechzeiten der neuen Beratungsstelle im Mörfelder Rathaus sollen zunächst einmal wöchentlich angeboten werden. Sie soll eine erste Anlaufstelle für den genannten Personenkreis sein. Falk Fleischer rief außerdem dazu auf, sich am 4. September ab 18 Uhr zu „Blues gegen Rechts“ vor das Bürgerhaus zu begeben: „Ich rate Euch, auch hinsichtlich des Mottos der Veranstaltung ,Singen gegen die AfD’, kommt zahlreich. Zeigt, dass unsere Stadt diesem Pack keinen Raum lässt.“

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