1. Startseite
  2. Region
  3. Kreis Groß-Gerau
  4. Mörfelden-Walldorf

Wer rettet den "Kabbesdrabbscher"?

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Anneliese Krichbaum ist eine der wenigen Mörfelden-Walldorfer, die den aussterbenden Dialekt in der Doppelstadt noch fehlerfrei sprechen und auch schreiben können.
Anneliese Krichbaum ist eine der wenigen Mörfelden-Walldorfer, die den aussterbenden Dialekt in der Doppelstadt noch fehlerfrei sprechen und auch schreiben können. © Mara Paul

Das Merfeller und Walldorfer Platt ist am Aussterben. Zugezogene verstehen die meist betagten Menschen in der Doppelstadt nicht, die es noch sprechen – und Kinder werden dazu erzogen, sich in Hochdeutsch zu verständigen. So verschwindet schrittweise ein wichtiges Stück Identität des Städtchens. Anneliese Krichbaum, Vorsitzende des Heimat- und Museumsvereins Mörfelden, will das verhindern.

Es sind Worte, die in keinem Duden zu finden sind. Dafür aber in einem kleinen, ganz speziellen Wörterbuch. Zusammengetragen hat es vor etwa 20 Jahren Erika Weil, Gründungsmitglied des Heimat- und Museumsvereins Mörfelden, mit der Hilfe von Jakob Knöss (Spitzname Ährem). Es ist das Wörterbuch einer vom Aussterben bedrohten Sprache. Denn die Merfeller und Walldorfer Mundart wird nur noch von „den Alten“ gesprochen. Die Zugezogenen verstehen sie nicht und die Jungen bekommen sie seit den 1970ern nicht mehr beigebracht. Die Vereinsvorsitzende Anneliese Krichbaum findet das schade. Im Sinne einer Studie, die vor einigen Jahren in Hannover durchgeführt wurde, plädiert sie dafür, dass Kinder zweisprachig aufwachsen – mit Dialekt und Hochdeutsch. „Wer Platt spricht, dem unterlaufen weniger Fehler beim Schreiben“, sagt sie.

Gemacht wird alles

Mit ihren 81 Jahren kenn sie noch viele alte Ausdrücke und ihre Bedeutungen. Dass eine Gummer eine Gurke ist, lässt sich noch erahnen. Unklarer hingegen muten die Unterschiede zwischen abmache (pflücken), ohmache (anzünden), ausmache (löschen), dorschmache (nicht schlafen), erunnermache (stark regnen), ferdisch mache (anziehen), ebbes dohermache (unverständlich reden), oimache (einkochen), midmache (mithalten), noochmache (verfolgen, kopieren), uffmache (öffnen), weismache (flunkern) und zumache (schließen) an. Die Hessen sind bekannt dafür, dass sie alles machen. „Wir machen sogar ins Bett“, lacht Krichbaum.

So verwundern auch die Redewendungen „Mach’s halblang“ (übertreibe nicht), „Mach’s korz“ (fasse dich kurz) und „Mach’s gut“ (sich verabschieden) nicht, aber auch „Isch mach ders in die Reih“ (anfertigen, reparieren), „Uffgawe machen“ (Hausaufgaben schreiben) und „Isch mach misch uff die Sogge“ (gehen). Für diese hessische „Machart“ gibt es viele weitere Beispiele.

Der Egoist ist ein Allmoi

Eine „Abeemigg“ stand nicht nur für eine Toilettenfliege, sondern auch für aufdringliche Personen, die nicht selten „läsdisch“ (lästig) waren. In diesem Hochsommer herrscht „E Affehitz“ (starke Hitze), und der „Allmoi“ skizzierte einen Egoisten. Wer bevorzugt behandelt werden wollte, ließ sie „E Extrawoorscht bagge“, und wer einen Apfel gegessen hatte, der warf den „Krotze“ (Gehäuse) einfach weg.

„E Babbelschnudd“ war ein Schwätzer, ein „Bangerd“ war einst ein unehelich gezeugtes Kind. Heutzutage wird dieses Schimpfwort für unartige Jungen eingesetzt. Eine „Drawoande“ stand für eine laute Kinderschar, „Diggkopp“ für einen sturen Menschen und „Eemeze“ waren die Ameisen.

„Alle ridde kimmd se gelaafe“ heißt übersetzt: Alle Augenblicke kommt sie gelaufen. „Dabbes“ bezeichnete eine unbeholfene Person, „Flerrerwisch“ oder auch „Kabbesdrabbscher“ eine flatterhafte Person und „Halles“ stand für Lärm.

„Nunnerzuus“ und „Nuffzuss“ hieß hinunter oder herauf, eine „Pidsch“ war eine Pfütze und als „Nauwe“ wurden Launen, Marotten und Eigenarten von Mitmenschen bezeichnet.

Nicht zu vergessen den einst so beliebten „Muggefugg“, der früher aus Malzkaffe bestand und heutzutage herablassend für einen zu dünnen Kaffee steht. In ihm wurde nicht selten „gedungt“, also eingetaucht. Bratkartoffeln hießen „Gereesde“, nach deren Genuss man meistens „knibbeldickdsatt war – also völlig satt. Ein „Wäljerholz“ bezeichnete ein Nudelholz, „Zuggerklumbe“ den Würfelzucker, „quiddegäl“ einen knalligen Gelbton und wer sich abplagte, der „juggelte“ sich ab.

„Ferz“ waren einerseits die Darmwinde, „mit Krigge“ andererseits aber auch übertriebene Ansprüche. Wer sich unterhielt, der „babbelte“, wer etwas klebte, der „babbte“. Wer langsam war, wurde mit dem Ausdruck „Droamfunsel“ gehänselt. Seilhüpfen war das „Saalhibbe“, eine „Schees“ ein offener Pferdewagen und wer als Kind nicht hörte, dem wurde angedroht: „Du kriesd dei Schmiß“ (du bekommst Schläge). Der „Schuggbendel“ bezeichnete einen Schürsenkel und „Schliggse“ einen Schluckauf.

Angesicht dieser sprachlichen Vielfalt und Originalität würde sich Anneliese Krichbaum freuen, wenn der Dialekt der Doppelstadt nicht ganz aussterben und Kindern in heutiger Zeit vermittelt würde. Denn eine Mundart zählt zu den größten Schätzen, ist sich die Vorsitzende des Heimat- und Museumsvereins Mörfelden sicher.

Auch interessant

Kommentare