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Eine Statue der Justitia in Bayern.

Prozess

Schwere Hirnverletzungen waren die Todesursache

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Für die Staatsanwaltschaft ist es erwiesen, dass der Angeklagte den Tod eines zweijährigen Jungen aus Mörfelden-Walldorf verursacht hat. Die Verteidigung plädiert hingegen auf Freispruch und verweist auf die Mutter.

Die Gerüchteküche brodelt. In Mörfelden-Walldorf diskutieren die Menschen: Hat eine damals 19-jährige Mutter ihr Kind zu Tode geschüttelt, oder war es ihr damals neuer Liebhaber? Auch vor dem Schwurgericht in Darmstadt gehen die Meinungen weit auseinander. Die Staatsanwaltschaft forderte gestern sechs Jahre Haft für den angeklagten 33-jährigen gebürtigen Rüsselsheimer. Sein Verteidiger Ulrich Endres verlangte Freispruch. Das Urteil soll es am morgigen Donnerstag um 14 Uhr geben.

Bevor Staatsanwalt und Verteidigung gestern gegen Mittag plädieren konnten, hörte die 11. Große Strafkammer das Gutachten einer Gerichtsmedizinerin und des Psychiaters. Die Expertin zeichnete ein erschreckendes Bild vom Zustand des zweijährigen Jungen, der, wie sie sagte, bereits hirntot im Uni-Klinikum ankam. Das kleine Gehirn sei so stark angeschwollen gewesen, dass es die Schädelnähte massiv auseinandergetrieben habe.

Dieses hochgradige Hirnödem, so der Fachausdruck, sei mit dem Leben nicht vereinbar gewesen. Der gesamte Körper sei mit Blutergüssen bedeckt gewesen, die weder vom Sturz von einer Couch, noch von Stolpern und gegen Türrahmen stoßen verursacht sein könnten, so die Expertin. Einige blaue Flecken deuteten auch auf Bisse hin. Wer das Kind gebissen oder mit einem ovalen Gegenstand geschlagen haben könnte? Darauf wusste sie keine Antwort.

Auch nicht auf die Frage, wie lange es wohl gedauert haben könnte, bis der kleine Junge die ersten Anzeichen der schweren Hirnverletzungen gezeigt habe. Das habe innerhalb von Minuten, aber auch von Stunden passieren können, sagte die Gerichtsmedizinerin. Probleme hatten die Forensiker in Frankfurt, weil der kleine Körper noch zwei Tage am Leben erhalten wurde, da Herz, Nieren und Leber für Organspenden entnommen werden sollten. Erst danach habe sich die Gerichtsmedizin eingehend mit den sterblichen Überresten beschäftigen können. Aus ihren Befunden ergebe sich kein Hinweis, wann genau und von wem der zweijährige Junge zu Tode geschüttelt worden sei. Auch nicht darauf, woher und von wem die zahlreichen Verletzungen, ältere wie neuere, gekommen seien.

Trotzdem hielten Oberstaatsanwalt Wolfgang Sattler und seine Kollegin Susanne Schalthöfer es für erwiesen, dass der jetzt 33-Jährige den Tod des Kindes verursacht hat. Sattler sprach im Plädoyer von vorsätzlicher Körperverletzung, die zur fahrlässigen Tötung wurde. Weshalb der Angeklagte zu sechs Jahren Haft zu verurteilen sei.

Das sah Verteidiger Ulrich Endres völlig anders. Er hob in seinem Plädoyer darauf ab, dass es keine direkten Tatzeugen gebe. Vor allem hätten sich weder die damals 19-jährige Mutter noch der Angeklagte gegenseitig beschuldigt oder einander widersprochen. Wenn man den verhängnisvollen Sonntagmorgen im November 2015 genau betrachte, komme durchaus die Mutter für die Tötung des Kindes in Betracht. Sie habe schließlich eingeräumt, den Jungen im Schlafzimmer, während ihr Galan gegen Mittag Frühstück machte, „beruhigt“ zu haben. Und dies später noch einmal im Wohnzimmer wiederholt zu haben. Danach sei der Bub umgefallen und bewusstlos geworden. Sein Mandant habe alles getan, um dem Kind zu helfen, so Endres.

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