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In 99 Sekunden steckt viel Arbeit

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In einem Film von 99 Sekunden Länge gilt es, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Das wissen Filmemacher Alvin Kress und sein Team, die zu Dreharbeiten nach Walldorf gekommen waren. Ihren Streifen „Inside“ wollen sie beim internationalen Kurzfilmwettbewerb einreichen. FNP-Reporter Karlheinz Niess war beim Dreh dabei.

Ruhig liegt der Bolzplatz in der Walldorfer Schwarzwaldstraße da. Es ist Januar. Das Wetter lädt eher zu Computer- als zum Fußballspielen ein. Es ist kalt, und sogar der in diesem Winter bisher seltene Schnee stellt sich ein. Trotzdem tauchen ein paar Jungs auf, die offensichtlich auf den Bolzplatz wollen. Ungewöhnlich ist deren Begleitung. Rund ein halbes Dutzend Erwachsener sind dabei. Schwer beladen mit Rucksäcken, Koffern und Filmkameras gehen sie mit den Jungs auf die abgesperrte, mittlerweile vom Schnee bedeckte Fläche.

Die Aufklärung ist einfach: Hier soll ein Film gedreht werden. Oder besser gesagt ein paar Szenen für einen Film. Denn das Filmteam um Alvin Kress nimmt an einem Wettbewerb teil. „99Fire-Films-Award“ heißt dieser bereits zum siebten Mal ausgetragene Wettbewerb. Nach Aussage der Organisatoren ist es der größte Kurzfilmwettbewerb der Welt. Während die Kollegen ihre Ausrüstung vorbereiten, erzählt Alvin ein wenig. Er ist der Chef des kleinen Teams.

„Am Donnerstag um 10 Uhr haben wir das Thema bekommen“, berichtet er. „Was ich schon immer tun wollte!“, lautet es. Neben dieser Vorgabe gibt es noch eine zweite. Die englische Wortkreation „Hashtag“ muss in dem Film vorkommen. Egal wie – ob als gesprochenes Wort, Grafik oder Illustration. „Wir haben einen Pullover damit bedrucken lassen“, sagt der Filmemacher.

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Er und sein Team sind eigentlich schon Profis. So kann Alvin Kress auf einige Erfahrung mit Filmen, die er zum Beispiel für die Frankfurter Eintracht gemacht hat, zurückblicken. „Robin ist mein Filmkind“, sagt er. Der Elfjährige hat nicht nur bereits in einigen Filmen mitgemacht. Er spielt auch Fußball bei den Offenbacher Kickers. So kam das Team schnell auf die Idee für den Streifen. „Fußball war irgendwie nahe liegend, dazu noch die Weltmeisterschaft im vergangenen Jahr“, erklärt Alvin. Da er zudem gute Kontakte zur Frankfurter Stadion GmbH und zum Deutschen Fußballbund (DFB) hat, konnte es gleich losgehen. „Wir durften ins Stadion, und auch beim DFB standen uns die Türen offen“, erzählt er.

Die Ausrüstung ist inzwischen einsatzbereit, und auch der zunächst noch fehlende Fußball ist jetzt da – es kann also losgehen. Alvin geht auf den Bolzplatz und erklärt Robin und dessen Freunden Marvin und Mike, wie er sich die Szene vorstellt. Robin, als Hauptdarsteller, soll auf das Tor stürmen. Marvin versucht, ihm den Ball weg zu grätschen, aber Robin passt rechtzeitig zu Mike. Der spielt Robin vor dem Tor hoch an, der den Ball mit der Brust annimmt, abtropfen lässt und unhaltbar versenkt. Genauso wie Mario Götze es im WM-Finale gegen Argentinien geschafft hatte.

„Ein Vorteil dieses Teams ist, dass wir so ein großes Sortiment an Ausstattung haben“, hatte Alvin vorhin noch erzählt. Denn neben den Kameras und der Tontechnik haben die Filmemacher sogar eine kleine Drohne. Die ist mit einer Kamera ausgestattet und soll die Schlüsselszene aus der Vogelperspektive filmen. „Das größte Problem bei dem Film ist seine Dauer“, erklärt Alvin. Denn nicht nur, dass er in wenigen Tagen fertig sein muss, er darf auch nur 99 Sekunden lang sein. Das bedeutet, sich auf das Wesentliche zu beschränken. Alvin Kress und sein Team sind bereits das dritte Mal bei diesem Wettbewerb dabei. Im ersten Jahr schafften sie es auf den zweiten Platz in der Kategorie „Beste Kamera“. Im zweiten Jahr gingen sie leer aus. Das soll diesmal nicht wieder geschehen.

Es schneit immer stärker, weitere Jungs kommen auf den Bolzplatz. Gerade wird „Tiki-Taka“ am Strafraum geübt. Die Jungs spielen sich den Ball über kurze Distanzen zu. Kamera und Mikrofon sind immer dabei. Bis Samstagmorgen wollen sie den Film fertig haben. Dann soll er nämlich zum Tonexperten, der ihn unter anderem mit der passenden Filmmusik versieht.

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„Wir werden wohl die ganze Nacht an der Postproduktion sitzen“, ahnt Alvin. Doch davon sind sie noch weit entfernt. Denn nach der Szene auf dem Bolzplatz brauchen sie noch eine weitere aus dem Frankfurter Bundesligastadion. „Heute Nachmittag ist allerdings ein Testspiel, das wird schwierig“, sagt der Filmemacher. Bereits am Vortag hatten sie einige Szenen in der Arena und beim DFB gedreht.

Im Vergleich zu großen Produktionen läuft es bei den Nachwuchsfilmern recht einfach. Während die Vollprofis selbst für Details wie die Verpflegung des Teams vorsorgen, plant Alvin, nach dem Dreh mit den jungen Fußballern Burger essen zu gehen. Die sind immer noch eifrig dabei und üben die Schlüsselszene – das Götze-Tor. „Inside“ wird der fertige 99-Sekunden-Streifen heißen. Trotz einiger sehr geglückter Versuche werden die „Götze-Szenen“ am Ende gar nicht im fertigen Film auftauchen.

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Einmal auf dem „heiligen Rasen“ der Frankfurter Eintracht stehen, das ist der größte Wunsch von Robin. Und am Ende des 99-Sekunden-Streifens hat er es auch geschafft. Doch bevor der Videoclip pünktlich weggeschickt wird, legt das Team noch eine Nachtschicht ein. Alvin Kress und seine Kameramänner Daniel Förderer, Matthias Knebel, Dominico Montinaro und Tung Ngyuen wollen natürlich, das alles perfekt passt. Denn neben den Preisen für den besten Film und die beste Kamera werden auch 99 Teams nach Berlin eingeladen. Dort erhalten sie Gelegenheit, von Filmprofis noch einiges zu lernen.

Unterstützung erhielten die Jungs von Dawina Starling, Karolin Tatarinzewa und Tatjana Wieczorek. Am Ende machten sich Jan Borowski und die Firma Keen Music noch an den richtigen Sound. Nun heißt es Daumen drücken, denn außer dem Film von Alvin und seinem Team gibt es noch rund 1000 weitere Bewerber.

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