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Siggi Liersch bringt ganz besonderen Gedichtsband heraus

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Siggi Liersch schaute bei seinem neuen Buch ganz genau hin.
Siggi Liersch schaute bei seinem neuen Buch ganz genau hin. © Mara Paul

Siggi Liersch liebt die Sprache, das wird in seinem neuen Buch „Vanille II“ deutlich. Darin orientiert er sich an dem Dichter Rolf Dieter Brinkmann. Doch nicht nur der Inhalt, auch das Buch selbst ist etwas Besonderes.

Vanillepudding mag er nicht. Trotzdem hat das Allround-Talent Siggi Liersch sein im April erschienenes Buch „Vanille II“ betitelt. Wie alles bei dem 64-jährigen Ehemann, Vater eines erwachsenen Sohnes und Pädagogen an der Bertha-von-Suttner-Schule, hat auch das seinen Grund. 1969 veröffentlichte der Dichter Rolf Dieter Brinkmann mit „Vanille“ in einem Sammelband ein langes Gedicht. Es handelt von den Wirren am Ende der 1960er Jahre und vom Vietnam-Krieg. Liersch schrieb dazu sein Parallel-Gedicht von 61 Seiten. Dabei lehnte er sich an Brinkmanns Idee an, Kriege, Gegenwartserlebnisse und Erinnerungen sich wie drei rote Fäden durch den Text ziehen zu lassen.

Im Gegensatz zu Brinkmanns unter anderem mit Todesanzeigen bebilderten Gedicht finden sich bei Liersch lediglich kleine Vignetten in Schwarz. Er begann im Dezember 2016 zu schreiben und endete im Mai 2017.

Von Hand gebunden

Bei dem dünnen, zunächst unauffällig wirkenden und mit Fadenheftung handgebundenen Buch handelt es sich um einen wertvollen Schatz, um eine Rarität. Denn es gibt weltweit nur 100 Exemplare – alle sind durchnummeriert und handsigniert. Jede Doppelseite wurde von einem Drucker in Itzehoe mit Lettern per Hand gesetzt. Nachdem 100 durch die Druckmaschine gelaufen waren, verschwanden alle Lettern wieder in einem Kasten und der Text der nächsten Doppelseite wurde gesetzt.

Für dieses aufwendige Verfahren entschied sich Liersch, „weil es das Buch sehr wertvoll macht“. Derartige Bücher seien mit regulären Preisen zwischen 200 und 300 Euro sehr teuer. Liersch legt bei den Kosten für den Buchdruck finanziell drauf, aber das ist ihm gleichgültig. Übrigens hat er „Vanille II“ seiner Frau Heike gewidmet.

Sand statt Öl im Getriebe

Ein endlos scheinendes Gedicht ist der Inhalt seines vierten Buches. Weil ihm Brinkmanns Form gefallen hat, kopierte er sie. Liersch griff den syrischen Krieg für sich auf, Erinnerungen und Gegenwartserlebnisse. „Das Buch dreht sich um mein Leben.“ Verarbeitet sind viele autobiografische Elemente, ohne dass Liersch zu viel von sich preisgibt. Formulierungen zeugen davon, dass er in die Sprache und ihre Würde verliebt ist und sie zu seiner persönlichen Geschichte formt.

So beginnt Liersch an einem Montag zu schreiben – wie die Jahreszeiten Winter und Frühling, in denen er sein Epos verfasst hat, ziehen sich die Montage wie unregelmäßige Refrains durch seine Arbeit. „Ich steige ein in das lange Gedicht, das mit einer Freiheit geschrieben werden soll, die jede bezugslose Ästhetik und leere Kunstwerkelei hinter sich lässt.“

Die in dem nahezu tagebuchartig gehaltenen Gedicht geschilderten Begebenheiten sind laut Liersch alle wahr. Ob er gerade seine Blutdrucktablette einnimmt, seine Arbeit montags in der Schule schildert oder Collagen anfertigt. Das Buch mutet wie ein in geschliffene Worte verfasster Film an. Sein Privatleben und seine geliebte Gitarre hat er jedoch nicht erwähnt. Der einzige Umstand, der das neue Buch mit seinem Instrument verbindet, ist die Tatsache, dass seine Gitarre nach Vanille duftet, wenn Liersch sie auspackt.

Erinnerungen an den Großvater

Zwischen den Versen finden sich gelegentlich fett gedruckte Prosatexte. Liersch beschreibt etwa, dass alte Bilder wie das „Stalinhitlermussolini-Konglomerat“ als „Metzgertrio“, „Blutsäufer & Waisenproduzenten im europäischen Schlachthaus“ nicht aus deutschen Köpfen verschwinden. Die Denklast könne niemandem genommen werden, eine Fluchtmöglichkeit gebe es nicht.

Liersch zitiert in seinem Werk mitunter andere Dichter wie den Lyriker Günter Eich, der appelliert, unbequem und Sand statt Öl im Getriebe zu sein. Darüber hinaus erinnert Liersch an seinen Großvater, ein gelernter Metzger, der fünf Jahre im Krieg und fünf Jahre in russischer Gefangenschaft war. Eines Tages zog er der fetten Katze des Kommandanten das Fell über die Ohren, damit die hungrigen Soldaten etwas zu essen hatten.

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