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Der Tod im Spiegel der Kulturen

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Menschen gehen unterschiedlich mit dem Tod um. Das gilt auch für verschiedene Weltreligionen, wie eine gut besuchte Veranstaltung im Heimatmuseum Mörfelden zeigte.

Niemand möchte sich gerne mit dem eigenen oder dem Tod von Angehörigen befassen. Daher war es für die Stadt Mörfelden-Walldorf, das Evangelische Zentrum für Interkulturelle Bildung (EZIB) und den Hospizverein Mörfelden-Walldorf ungewiss, ob zum Thema „Tod, Trauer und Beerdigung in Geschichte und Gegenwart Mörfeldens“ an einem Sonntag bei Frühlingswetter viele Besucher kommen würden. Doch diese Frage wurde klar beantwortet, da sogar zusätzliche Stühle gestellt werden mussten. Etwa 80 Menschen waren zu den vier Vorträgen ins Heimatmuseum Mörfelden erschienen.

Auslöser Knochenfund

Der große Knochenfund im Jahr 2017 mit 588 Skelett-Teilen vom alten Mörfelder Friedhof (1232-1651) bei der evangelischen Kirche war der Anlass für die Bildung einer Arbeitsgruppe von Stadt, EZIB und Hospizverein. Diese entwickelte die Idee, die Geschichte von Tod und Trauer in Mörfelden in einer Veranstaltung aufzuarbeiten. Das Konzept wurde noch auf die Gegenwart erweitert.

Den informativen Abend eröffneten Museumsleiterin Cornelia Rühlig und Helga Glanz mit dem Vortrag: „Über Trauer, Tod, Beerdigung, Pest und den ältesten Friedhof von Mörfelden 1232-1651“. Rühlig erläuterte, dass die Einwohnerzahl Mörfeldens im Mittelalter nicht zu bestimmen sei. Früheste Hinweise stammen aus der Zeit um 1550. In diesem Zeitraum kann von knapp 100 Behausungen und etwa 460 Einwohnern ausgegangen werden. Fortan schwankte die Bevölkerungszahl Mörfeldens durch Epidemien oder Kriege erheblich. Um 1640 muss von nur noch 125 Personen ausgegangen werden. „Die Pest hat auch in Mörfelden schlimm gewütet“, betonte die Museumsleiterin. Vor allem der verheerende Dreißigjährige Krieg hatte zum Ausbreiten der Seuche in Mörfelden und in Europa insgesamt beigetragen. Das damalige Dorf wurde zudem mehrfach von Söldnern verwüstet und geplündert.

Niedrige Lebenserwartung

Nicht nur wegen Krieg und Seuchen war die Lebenserwartung damals allgemein bedeutend niedriger als heute, der Tod war ständig präsent. Männer hatten mit durchschnittlich 35 bis 40 Jahren eine höhere Lebenserwartung als Frauen mit nur rund 30 Jahren, was daran lag, dass viele Frauen die Geburt eines Kindes nicht überlebten. Die Kindersterblichkeit war bei der Geburt und auch in den ersten Lebensjahren hoch, rund die Hälfte der Kinder erreichte nicht das Erwachsenenalter. Laut Rühlig und Glanz waren lange keine Friedhöfe mit Grabsteinen und keine Beerdigungen in Särgen üblich. Letzteres kann für Mörfelden erst für 1612 das erste Mal nachgewiesen werden. Vorher wurden Tote häufig in Leinentücher, zum Teil einfach nur in Stroh eingewickelt.

Die islamische Tradition wurde von Imam Tuncay Dinckal und Laige Sari-Boyzel im zweiten Vortrag erläutert. „Für uns ist der Tod kein Ende. Wir glauben an das Leben nach dem Tod“, betonte der Imam. „Wir haben verbindende Teile zwischen unseren Religionen“, sagte die evangelische Pfarrerin und Mitorganisatorin der Veranstaltung Andrea Schätzler-Weber. Der Trauerprozess und der Ablauf der Beerdigung sind im Islam genau vorgeschrieben, unter anderem mit einer rituellen Waschung des Toten, der Beerdigung in einem Leinentuch ohne Sarg und dem Totengebet. „Die Seele des Toten soll zur Ruhe kommen“, sagte Dinckal. Der Kopf des Toten wird in Richtung Mekka ausgerichtet. Die strengen deutschen Bestattungsvorschriften stehen islamischen Beerdigungen in Deutschland oft im Weg. Laige Sari-Boyzel erzählte ihre persönliche Geschichte, da sie kürzlich einen Trauerfall in ihrer Familie hatte und den Zuhörern den islamischen Trauerprozess anhand eines konkreten Beispiels veranschaulichte.

Im dritten Vortrag des Abends berichtete Yoshi Matsuno (Soka Gakkai Deutschland) von der buddhistischen Tradition, mit dem Tod umzugehen. „Leben und Tod sind für uns eine Einheit. Der Körper ist für uns nur eine Hülle, der Geist ist entscheidend.“ Daher gebe es im Buddhismus auch keine verbindlichen Bestattungsrituale wie in den drei abrahamitischen Religionen. Den letzten Vortrag hielten Cornelia Sengling und Margot Renner vom Hospizverein Mörfelden-Walldorf, die eine gesellschaftliche Unsicherheit im Umgang mit dem Tod beschrieben: „Wir brauchen Netzwerke auch außerhalb der medizinischen Versorgung“, so Sengling. Die ehrenamtlichen Helfer seien sehr gut ausgebildet, was nötig sei, denn: „Es ist unser Alltag, nicht zu wissen, wie lange jemand noch lebt, den wir begleiten“, sagte Margot Renner.

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