Studentin Janina Jochen (Mitte) ging auch auf die Sicht der Polizisten bei der Auseinandersetzung um die Startbahn 18 West ein.
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Studentin Janina Jochen (Mitte) ging auch auf die Sicht der Polizisten bei der Auseinandersetzung um die Startbahn 18 West ein.

Ausbaugegner und Polizisten

Startbahn-West: Erinnerungen an den Widerstand

  • VonUwe Grünheid
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Vor 35 Jahren, nach der Räumung des Hüttendorfs im Flörsheimer Wald, organisierte die Bürgerinitiative gegen die Flughafenerweiterung erstmals einen „Sonntagsspaziergang“ zur ehemaligen Kampfzone. Studenten veranstalteten nun zusammen mit dem Rüsselsheimer Stadt- und Industriemuseum einen „Sonntagsspaziergang reloaded“.

Der Wald hinter dem Vereinsheim der Sport- und Kulturgemeinschaft (SKG) Walldorf liegt still und friedlich im hellen Sonnenschein. Doch nicht immer war es dort so ruhig. Anfang der 80er Jahre befand sich inmitten des Waldes das Zentrum des Widerstands gegen den Bau der Startbahn West: das Hüttendorf. Das war Ziel des „Sonntagsspaziergangs reloaded“, zu dem das Stadt- und Industriemuseum Rüsselsheim sowie Studenten der Johannes-Gutenberg-Universität (JGU) Mainz geladen hatten und zu dem rund 35 Interessenten gekommen waren. Die Studenten nehmen derzeit an einem Seminar über den Konflikt um die Startbahn West teil.

Der zeithistorische Spaziergang begann mit einem kleinen Eklat: Der Polizeibeamte Harald Zwick, der als Zeitzeuge teilnahm, schoss einige Fotos, „für private Zwecke“, wie er betonte. Doch das überzeugte einige der Startbahn-Veteranen aus dem Lager der Ausbaugegner nicht. Sie forderten Zwick dazu auf, sofort mit dem Fotografieren aufzuhören. Sie befürchteten, dass die Bilder in verfälschter Form für Repressalien gegen sie verwendet werden könnten.

Deutlich wurde bei dieser Auseinandersetzung, dass das Verhältnis der Demonstranten von einst zur Polizei immer noch tief zerrüttet ist. Holger Kaufmann, Mitglied der Bürgerinitiative (BI) gegen einen Flughafenausbau und für ein Nachtflugverbot Mörfelden-Walldorf, erinnerte sich an seine Gefühle, als während einer Demonstration die Polizei auf ihn zu stürmte und ihm mit einem Gummiknüppel einen Schlag auf den Kopf versetzte. Dazu präsentierte er eine Narbe auf der Stirn. „Manche Polizisten hatten die Mentalität eines Cowboys, erst schlagen, dann fragen“, sagte er und fügte hinzu: „Die Polizeibrutalität war allgegenwärtig.“ Dies habe bei ihm zu einem „Polizistentrauma“ geführt. Mehr als drei Ordnungshüter ertrage er nicht in seiner Nähe.

Aber die anfängliche Aufregung legte sich rasch, und Freia Anders, Zeithistorikerin an der JGU, berichtete über frühere Sonntagsspaziergänge. Der erste war Anfang Februar 1982, nachdem der Versuch der Ausbaugegner, das Gelände des zweiten Bauabschnitts der Startbahn West zu besetzen, gescheitert war. Dem vorausgegangen war die Ablehnung eines Bürgerbegehrens gegen den Ausbau seitens des hessischen Staatsgerichtshofs, so Anders. Die Sonntagsspaziergänge, die auch nach 1987 weitergingen, seien eine „einmalige Protestform“ in Deutschland gewesen, auch weil sie so lange fortgeführt wurden – bis 2005, wie Erich Schaffner, ehemaliger Startbahn-Aktivist aus Mörfelden, wusste. Seien es anfangs Tausende von Startbahngegnern gewesen, die Sonntag für Sonntag zur Startbahnmauer zogen, verringerte sich die Zahl bis etwa 1987 auf einige Hundert. Aber selbst 2005 seien es immer noch bis zu 100 Menschen gewesen, die zu diesem Sonntagsspaziergang im Wald zusammenkamen.

Brave Bürger und Chaoten

Freia Anders erinnerte an Höhepunkte des Widerstands wie etwa an die Küchenbrigade, an die 3951 Mauerstreben, die aus dem Schutzwall des Flughafens herausgebrochen wurden, an die Auseinandersetzungen mit der Polizei und den Einsatz von Wasserwerfern und Tränengas. Sie erinnerte aber auch an die Verständigungsversuche und das Bestreben der Ausbaugegner, sich nicht gegeneinander aufbringen zu lassen: auf der einen Seite die braven Bürger, auf der anderen die „Chaoten“.

Im Wald hatten die Mainzer Studenten drei Stationen errichtet. In der Hütte am Anglerteich ging es um die kulturellen Aspekte des Protests. Dort hingen Liedtexte von Ausbaugegnern wie Benno Mayer und Stephan Weber aus wie auch von „Klaus, dem Geiger“, die Musik gab es vom Laptop.

An der zweiten Station, einem Waldstück nahe des Hüttendorfs, ging es lebhafter zu. Der Student Robert Steiner berichtete über die Nacht- und Nebelaktion am 3. Mai 1980, als bis zu 200 Leute das erste Gebäude, die BI-Hütte, errichteten. Er schilderte die Entwicklung des Hüttendorfs mit seinen zahlreichen Logistik- und Wohnhütten, ging aber auch auf Probleme und Konflikte ein, etwa beim Thema Sauberkeit. Zeitzeugen ergänzten diesen Bericht mit eigenen Erlebnissen, so Peter Illert aus der Robin-Wood-Regionalgruppe Rhein-Main. Er berichtete über die Dorfwache, die nicht nur wegen der Polizei, sondern auch wegen der Brände im Dorf wichtig gewesen sei, und den „Waldrat“, dessen Beschlüsse allerdings nicht immer umgesetzt wurden. Auch Michael Wilk vom Arbeitskreis Umwelt aus Wiesbaden berichtete über das facettenreiche Leben im Hüttendorf, das eine enorme Sogwirkung gehabt habe und zu einem Schmelztiegel unterschiedlichster Gruppierungen geworden sei. Auch beschwor er noch einmal das Bild vom Sturm aufs Hüttendorf am 2. November 1981 herauf. Als die Gemeinden von der Räumung erfuhren, hätten überall in der Region die Kirchenglocken geläutet, mehr als 10 000 Demonstranten seien in den Forst gezogen.

Janina Jochen, Studentin der Kulturanthropologie, hatte die Station vorbereitet, in der es um die Polizeieinsätze bei den Auseinandersetzungen ging. Ihr zur Seite stand der Polizeibeamte Harald Zwick, der in der Zwickmühle steckte, selbst Ausbaugegner zu sein, aber als Polizist den Ausbau schützen zu müssen. Eigentlich, so Zwick, habe es sich um einen Konflikt zwischen Bürgern und Politik gehandelt. Die Polizei sei bloß dazwischen geraten.

An einer Stelle des Waldwegs legte eine Teilnehmerin das Augenmerk auf einen Baumstumpf und berichtete, dass sie dort auf dem Weg zur Startbahn mit dem Fahrrad gestürzt sei – eine Narbe am Ellenbogen zeugt noch heute davon. Während des Spaziergangs kam es außerdem zur Rettung eines Hirschkäfers. Ein Teilnehmer beförderte ihn auf sicheres Terrain.

Angst um Solidarität

Am Ende des rund vierstündigen Spaziergangs über eine Strecke von etwa acht Kilometern lag die Hüttenkirche, eine Symbol des Widerstands, auf deren Bedeutung die Studentin Kira Seeliger hinwies. Sie präsentierte eine Sammlung mit Zitaten von Zeitzeugen, dazu etliche Fotos des ehemaligen Redakteurs Walter Keber. Jens Scholten, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Stadt- und Industriemuseums Rüsselsheim, zeigte sich am Ende angetan von der regen Teilnahme am Waldspaziergang. Die Aufarbeitung dieses Themas sei bis heute noch nicht abgeschlossen.

Roger Treuting von der BI Rüsselsheim ging auf die aktuelle Situation in Mörfelden-Walldorf ein – die Banner gegen den Flughafenausbau sollen bald abgehängt werden. „Da dürfen wir ja dankbar sein, dass wir uns hier in Walldorf noch treffen dürfen“, sagte er ironisch. Eine Teilnehmerin machte ihrem Ärger Luft: „Da muss sich jeder Bürger verraten vorkommen.“ Sie befürchtet, dass die Solidarität der Flughafenkommunen zerbreche. „Da wird Mörfelden-Walldorf nun wohl ausscheiden.“

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