Offener Dialog

Umstrittenes Graffiti in der Bahnhofsunterführung: Wenn Jesus den Mittelfinger zeigt

Würde Jesus heute seine Enttäuschung über Mitmenschen und Umwelt durch eine obszöne Geste ausdrücken? Das war nur eine der Fragen, die interessierte Teilnehmer des offenen Dialogs im Bahnhof Mörfelden diskutierten. Am Ende hatten viele einen neuen Blickwinkel auf das umstrittene Kunstwerk.

Jesus steht mit Tränen in den Augen, beide Mittelfinger erhoben, auf einem Trümmerhaufen. Dieses Graffiti sorgte in den vergangenen Wochen für Gesprächsstoff. Es ist im Rahmen des diesjährigen Graffiti-Hip-Hop-Jams an der Mörfeldener Bahnhofsunterführung entstanden.

Vor allem die Freie evangelischen Gemeinde Mörfelden-Walldorf übt starke Kritik an diesem Kunstwerk und fühlt sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt. Doch rechtfertigt diese Tatsache einen Eingriff in die Kunstfreiheit?

Der Erste Stadtrat Burkhard Ziegler stellt klar: „Die Meinungsfreiheit in Wort und Bild ist ein so hohes Gut, dass sie in unserem Grundgesetz geschützt ist. Ein Eingriff in diese Freiheit darf nur in begründeten Fällen erfolgen. Mir ist es wichtig, in dieser Angelegenheit mit den Bürgern ins Gespräch zu kommen.“

Er hatte daher am 3. September alle Interessierten zu einem offenen Dialog an den Bahnhof Mörfelden eingeladen. Zum Austausch trafen sich neben dem Ersten Stadtrat und weiteren Vertretern der Stadt unter anderem der Streetworker Philipp Gempe als Diskussionsleiter mit Graffiti-Künstler Simon Jung, einige interessierte Bürger, Mitglieder der Freien evangelischen Gemeinde sowie die Kunstklasse der Jahrgangsstufe 12 der Bertha-von-Suttner-Schule mit ihrem Lehrer.

Der Künstler selbst kam der Einladung nicht nach, gab aber eine schriftliche Stellungnahme ab. Seine Sprache sei die Farbe und nicht das Wort. „Kunst stellt einen Bruch mit der Wirklichkeit dar, indem sie überspitzt, übertreibt und provoziert. Dadurch werden Denkprozesse in Gang gesetzt.“

Im Mittelpunkt der Diskussion stand daher die Frage nach der symbolischen Bedeutung der ausgestreckten Mittelfinger. Einige wollten wissen: Was habe der Künstler sich dabei gedacht, ausgerechnet Jesus Christus, der für Frieden, Toleranz, Vergebung und Nächstenliebe steht, in dieser Art und Weise öffentlich darzustellen? Für die gläubigen Christen sei es unvorstellbar, dass Jesus sich derart gebärden würde, auch, wenn diese Geste in der heutigen Zeit kein gesellschaftliches Tabu mehr darstelle.

Den Betrachtern werde somit ein falsches Bild von Jesus vermittelt, hieß es. Viele der übrigen Teilnehmer zeigten zwar Verständnis für diese Interpretation, könnten sich aber durchaus vorstellen, dass Jesus heute seine Enttäuschung über unseren Umgang mit Mitmenschen und Umwelt durch ebendiese ablehnende Geste ausdrücken würde. Der Abgebildete zeige nicht nur die Mittelfinger; er scheine zu weinen und stehe auf einem Scherbenhaufen.

Der Erste Stadtrat stellte fest: „Die tatsächlichen Beweggründe des Künstlers bleiben unklar. Hierdurch wird den Betrachtern Raum zur freien Interpretation gegeben. Es wird deutlich, dass der Künstler beabsichtigte, ein Kunstwerk zu erschaffen, über das die Menschen reden und nachdenken.“

Der Dialog, der in offener, friedlicher und respektvoller Atmosphäre stattgefunden hat, war demnach ein voller Erfolg. Alle Teilnehmer lernten die Blickwinkel ihres Gegenübers kennen, Meinungen und Gefühle wurden ausgetauscht, so Burkhard Ziegler weiter. Auch nach Abschluss des offiziellen Teils kamen alle bei Pizza, Keksen und Saft weiter ins Gespräch.

(red)

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