Große Sorge vor einer Corona-Ansteckung und einer damit verbundenen Quarantäne herrscht bei der Freiwilligen Feuerwehr,
hier bei einem Wohnungsbrand in Walldorf im Dezember. Die Einsatzkräfte wünschen sich daher eine schnelle
Impfung, doch die ist bislang nicht in Sicht. (Archivfoto)
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Große Sorge vor einer Corona-Ansteckung und einer damit verbundenen Quarantäne herrscht bei der Freiwilligen Feuerwehr, hier bei einem Wohnungsbrand in Walldorf im Dezember. Die Einsatzkräfte wünschen sich daher eine schnelle Impfung, doch die ist bislang nicht in Sicht. (Archivfoto)

Corona

Stadtbrandinspektor kritisiert Impfreihenfolge: "Wer kümmert sich, wenn wir ausfallen?"

  • vonDirk Beutel
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Die späte Corona-Impfung von Feuerwehrkräften stößt auf Unverständnis, auch in Mörfelden-Walldorf. Auch die Brandbekämpfer sind systemrelevant, findet der Stadtbrandinspektor.

Mörfelden-Walldorf - Sie löschen Feuer, retten Leben und setzen dabei ihr eigenes aufs Spiel - tagtäglich. "Man kann die Einsatzkräfte der Freiwilligen Feuerwehr durchaus als systemrelevant einstufen", findet Jörg Bormann, Stadtbrandinspektor in Mörfelden-Walldorf. Im Kreis Groß-Gerau sind etwa 1700, in der Doppelstadt rund 150 Feuerwehrleute ehrenamtlich aktiv, opfern ihre Freizeit, um anderen in Not zu helfen.

Neben der grundsätzlich bestehenden Gefahr, der sich die Einsatzkräfte aussetzen, birgt seit Beginn der Corona-Pandemie jeder Einsatz - auch jeder Fehlalarm - zusätzlich das Risiko einer Ansteckung mit Covid-19. Wenn nicht am Einsatzort, dann bereits im Einsatzfahrzeug, wo bis zu neun Mann trotz Abstand und Maske eng beieinandersitzen. "Wenn wir in solch einer Situation auch nur einen positiven Fall haben, dann wird die ganze Gruppe in Quarantäne geschickt. Bei einer Tagesalarmbereitschaft der Freiwilligen Feuerwehr ist das viel", veranschaulicht Bormann.

Mörfelden-Walldorf: Feuerwehr kritisiert Impfreihenfolge – Situation hat sich verschärft

Die Freiwilligen Feuerwehren sind bei der Impfpriorisierung erst in der dritten Gruppe angesiedelt. Seit Monaten hatten die Retter bundesweit darum gekämpft, früher geimpft zu werden. In Hessen ohne Erfolg. Vor rund drei Wochen machte der hessische Feuerwehrverband öffentlich auf das Problem aufmerksam. Seither ist jedoch nichts passiert. "Eigentlich sollte ein großes gesellschaftliches Interesse bestehen, dass die freiwilligen Feuerwehrleute entsprechend geschützt werden", sagt Bormann. "Es wäre wünschenswert gewesen, dass wir in der Priorisierungsgruppe zwei mit dabei gewesen wären."

Dem ist aber nicht so. Ab sofort können sich Berechtigte der Gruppe drei zwar für einen Impftermin registrieren lassen, Mit Glück werden die freiwilligen Feuerwehrleute dann Ende Mai, Anfang Juni geimpft, vermutet Bormann enttäuscht. Dabei habe die britische Mutation des Coronavirus die Situation noch verschärft. "Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Entscheider über die möglichen Konsequenzen im Klaren waren." Die ehrenamtlichen Führungskräfte müssen daher weiterhin bei jedem einzelnen Einsatz zusätzlich darauf achten, dass die Kollegen, sobald sie am Einsatzort angekommen sind, umgehend das Fahrzeug verlassen, sich auseinanderbewegen und permanent die Abstands- und Hygieneregeln einhalten.

Feuerwehr in Mörfelden-Walldorf: Späte Impfung für Einsatzkräfte – Gesellschaft ist weniger geschützt

Dazu gehört auch das Tragen der FFP2-Maske, zusätzlich zur etwa 25 Kilo schweren Feuerwehrausrüstung mit Helm, Stiefeln und Handschuhen. Wer da noch eine Brille trägt, für den erweist sich der Mund-Nasen-Schutz sogar als Behinderung, oft auch als Unfallgefahr. Bormann, selbst Brillenträger: "Man läuft stellenweise blind herum und nimmt lieber seine angelaufene Brille ab."

Dass die Mitglieder der Feuerwehren in der Impfreihenfolge zu weit hinten angesiedelt wurden, steht für Friedrich Schmidt, Kreisbrandinspektor des Kreises Groß-Gerau, ebenfalls außer Frage. "Man mindert dadurch den Schutz der Gesellschaft", sagt er. "Wir haben direkten Patientenkontakt. Wir sind genauso nah dran wie die Rettungskräfte." Einsätze bei Unfällen, Hilfe und Unterstützung der Rettungskräfte machten etwa zwei Drittel der Feuerwehreinsätze aus. "Wer kümmert sich dann um den Feuerschutz in den Kommunen, wenn wir ausfallen?", fragt Schmidt. Er habe weiter die Hoffnung, dass das Land Hessen die Feuerwehren nachträglich in der Priorisierung nach oben setzt.

Schon im Vorfeld wurden spezielle Impftage für Feuerwehrleute organisiert, damit es, sobald die Priorisierungsgruppe drei für Impfungen freigegeben wird, gleich losgehen kann. "Dabei sollen nicht ganze Einsatzabteilungen hingeschickt werden, da auch bei Biontech/Pfizer das Risiko einer Impfreaktion besteht", erläutert Bormann. "Nicht, dass auf einmal eine ganze Einheit wegen Schüttelfrost, Fieber und Schlappheit außer Gefecht gesetzt wird."

Aber auch ein anderes Problem belastet die Mitglieder der Feuerwehr: Seit vergangenem Sommer schon konnten sie nicht mehr gemeinsam üben. Fort- und Weiterbildungen finden wöchentlich nur online statt. Dies kann Übungen in der Praxis jedoch nicht ersetzen, denn bei jedem Einsatz muss unter Zeitdruck jeder Handgriff sitzen.

Mörfelden-Walldorf: Kritik an später Corona-Impfung – Die Kameradschaft leidet

Nicht zu vergessen: Auch die Kameradschaft leidet. "Man geht mit jemandem gemeinsam ins Feuer. Da spielt gegenseitiges Vertrauen eine große Rolle. Man muss sich sozusagen blind verstehen, da muss man auch wissen, wie der andere tickt. Dafür sind gemeinsame Treffen ganz wichtig. Aber alles Zwischenmenschliche fällt ja seit Monaten aus", skizziert Bormann.

Darüber hinaus ist Angst bei der Feuerwehr derzeit ein Thema. Angst, sich mit Covid-19 zu infizieren und das Virus in die Familie zu tragen. Solche Fälle gab es bislang in der Doppelstadt zwar nicht, aber auch Schmidt kennt das Phänomen: "Man merkt, dass die Einsatzstärke rückläufig ist, weil sich Kollegen wegen des Pandemiegeschehens zurückhalten."

Das Hessische Innenministerium verweist auf Nachfrage darauf, dass Impfstoff weiterhin knapp sei, daher "regelt die Corona-Impfverordnung des Bundes, wer zunächst impfberechtigt ist", teilt ein Sprecher mit und fügt hinzu: "Zur Verbesserung des Gesundheitsschutzes sowie Sicherstellung der Einsatzfähigkeit werden für die hessischen Feuerwehren und Katstrophenschutzeinheiten zeitnah 600 000 Antigen-Schnelltests zur Verfügung gestellt. Sie sollen einen Beitrag leisten, damit Übungen und Ausbildungsveranstaltungen noch sicherer durchgeführt werden können." Für Bormann nicht nachvollziehbar: "Das ist der falsche Weg. Nur Impfungen sind ein probates Mittel, um die Feuerwehrleute zu schützen", sagt er. (Dirk Beutel)

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