Zeichen gegen Vandalen

Zeitzeugenbericht gegen Steinewerfer

Wie wichtig Zeitzeugen sind, das zeigte Edith Erbrich in Walldorf. Im Horváth-Zentrum erzählte sie Jugendlichen ihre berührende Geschichte – auch vor dem Hindergrund der Übergriffe auf die Gedenkstätte.

Wohl niemand kann Geschichten so anschaulich vermitteln, wie das Zeitzeugen können. Die schrecklichen Verbrechen, die von Nazi-Deutschland begangen wurden, im Besonderen der staatlich organisierte Massenmord an der jüdischen Bevölkerung Europas, bleiben ohne persönliche Erzählungen abstrakt.

Das gilt auch für die sehr hohen Opferzahlen. Wenn aber eine Zeitzeugin wie Edith Erbrich ihre persönlichen Erlebnisse erzählt, bekommen die Zuhörer automatisch einen ganz anderen Zugang. Erbrich aus Frankfurt erzählte Jugendlichen, die sich aktuell auf die Jugendweihe vorbereiten im Horváth-Zentrum, der Begegnungs- und Gedenkstätte in Walldorf, die an das KZ-Außenlager Walldorf erinnert, ihre bewegende Familiengeschichte. Erbrich hat bei ihren Vorträgen ein zentrales Anliegen: „Mein Bestreben ist, dass so etwas nie wieder passiert“.

Edith Erbrich wurde 1937 in Frankfurt als Edith Bär geboren und wuchs im Ostend auf. Ihre Mutter war Katholikin, der Vater jüdischen Glaubens. Im nationalsozialistischen Deutschland wurde die Familie systematisch ausgegrenzt. Das junge Mädchen wuchs mit seiner älteren Schwester Hella in einer sie diskriminierenden Gesellschaft auf. In Nazi-Deutschland galten beide als „Halbjüdinnen“, die Mutter als „Arierin“ und der Vater als „Jude“. Die beiden Mädchen durften daher nicht in die Schule gehen.

Ab 1941 wurden sie stigmatisiert und mussten den Judenstern tragen und den Zweitnamen „Sara“ annehmen. Die Mutter wurde massiv unter Druck gesetzt, sich von ihrem jüdischen Ehemann scheiden zu lassen. „Mischehen“ waren verboten, die Ehe war aber bereits während der Weimarer Republik geschlossen worden. Das hinderte die Nazis nicht daran, die Familie brutal zu drangsalieren und die Mutter zeitweise zu inhaftieren. Der Vater verlor seine Arbeit und wurde zum Räumen der Kriegstrümmer in Frankfurt eingesetzt.

Die Mädchen mussten zum einen die Diskriminierung der Nationalsozialisten ertragen. Zum anderen mussten sie die vielen Luftangriffe auf Frankfurt erleben und verkraften. Bei jedem Luftangriff wurden die Mädchen vom NS-Regime erhöhter Lebensgefahr ausgesetzt: Sie durften als Töchter eines jüdischen Vaters die Schutzbunker nicht aufsuchen.

Im Februar 1945 wurde die noch verbliebene jüdische Bevölkerung aus Frankfurt deportiert. Angeblich sollten sie zu einem Arbeitseinsatz gebracht werden, doch die meisten wurden ermordet. Der angebliche Arbeitseinsatz war ein Täuschungsmanöver der Nazis für die Opfer des staatlich organisierten Massenmords. Edith wurde von ihrer Mutter getrennt und mit ihrer Schwester und ihrem Vater am 14. Februar 1945 von der Frankfurter Großmarkthalle in das KZ Theresienstadt in Nordböhmen gebracht. Ediths Mutter wollte ihren Töchtern beistehen und sie begleiten, wurde aber von den Nazis daran gehindert.

Edith war im KZ furchtbaren Zuständen, den sadistischen Misshandlungen der SS-Aufseherinnen, Krankheiten und Hunger ausgesetzt. Die Mädchen wurden im Lager von ihrem Vater getrennt. Edith überlebte die drei schrecklichen Monate bis Mai 1945, bevor sie, ihre Schwester und ihr Vater mit den anderen Gefangenen von der Roten Armee befreit wurden. Bei späteren Recherchen erfuhr Erbrich, dass sie durch die Befreiung nur knapp ihrer Ermordung durch die Nazis entgangen war.

Nach ihrem bewegenden Vortrag diskutierten die Jugendlichen mit der Zeitzeugin. Erbrich lebte nach dem Krieg wieder in Frankfurt und arbeitete für die Frankfurter Rundschau und die Stadtwerke. Seit 2001 hält sie Vorträge.

Der Vortrag stand vor einem traurigen Hintergrund: Rund eine Woche zuvor hatte es die ersten beiden Angriffe auf die Begegnungs- und Gedenkstätte gegeben. Die Scheiben wurden mit einer Zwille beschossen und mit Steinen beworfen. Zudem kletterten die Täter auf das Dach des Hauses. An den Scheiben und am Dach entstand hierbei ein Sachschaden von insgesamt mindestens 3000 Euro.

Der ideelle Schaden lässt sich hingegen nicht mit Geld messen. Der Vortrag der Zeitzeugin war somit auch ein Signal, dass sich die Betreiber der Gedenkstätte nicht einschüchtern lassen. Ein neues Schild wurde vor der Gedenkstätte in Anwesenheit der Zeitzeugin aufgestellt, das sich gezielt an die Täter wendet und sie zum Dialog auffordert.

Zeugenhinweise nimmt die Kripo Rüsselsheim unter (0 61 42) 6 960 entgegen.

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