Zwei ungleiche Leben in der Nazi-Zeit

Der Kulturbahnhof Mörfelden steht für ein abwechslungsreiches Programm. Am Mittwoch war der emeritierte Professor Frank Nonnenmacher zu einer Buchlesung mit Diskussion gekommen.

Mörfelden-Walldorf - Die eigene Familiengeschichte kann sehr spannend sein. Das gilt umso mehr, wenn sie in einen größeren historischen Kontext eingebettet ist. Das wurde auch am Mittwochabend im Kulturbahnhof Mörfelden deutlich. Unter dem Titel „Die ignorierten Opfer des Nationalsozialismus“ hatten die Veranstalter zu einer Lesung und Diskussion mit Prof. Dr. Frank Nonnenmacher eingeladen.

Der emeritierte Professor für Politische Bildung an der Goethe-Universität Frankfurt las aus seinem Buch „Du hattest es besser als Ich“, einer überaus bewegenden Familiengeschichte. In der Doppelbiografie, die 2015 in zweiter Auflage erschienen ist, beschreibt er das Leben der ungleichen Brüder Gustav und Ernst Nonnenmacher – dem Vater und dem Onkel des Autors. Der Titel des Buchs rührt daher, dass sich beide Brüder uneinig waren, wer das härtere Leben hatte.

Angeregte Diskussion

In lebendiger Erzählung erläuterte Nonnenmacher die bewegende Geschichte seines Vaters Gustav und seines Onkels Ernst. Hierbei las er immer wieder längere Passagen aus seinem Buch vor. Im Anschluss stellte er sich zudem einer angeregten Diskussion mit dem Publikum.

Die Geschichte der ungleichen Brüder beginnt damit, dass die alleinerziehende und berufstätige Mutter während des Ersten Weltkrieges nicht mehr beide Kinder ausreichend versorgen kann. Während sie den 1908 geborenen Ernst behält, gibt sie den 1914 geborenen Gustav, der während ihrer Arbeitszeit oft ohne Aufsicht ist, zu Pflegeeltern. Später kommt Gustav in ein Waisenhaus. Was sich hartherzig anhört, rettete wahrscheinlich aufgrund der katastrophalen Versorgungslage während des Ersten Weltkriegs, die eine hohe Kindersterblichkeit nach sich zog, dem kleinen Gustav das Leben. Dieser macht nach seiner Schulzeit eine Lehre bei einem Bildhauer. Zudem begeistert sich Gustav für

die Fliegerei. In der NS-Zeit wird deshalb aus dem Segelflieger bald ein Mitglied von

Hitlers Luftwaffe. Der Vater des Autors wird Pilot einer Ju-52-Staffel für Versorgungsflüge, wobei er mit viel Glück zahlreiche Abstürze und Abschüsse überlebt. Durch den Zweiten Weltkrieg wurde aus dem ursprünglich unpolitischen Menschen und begeisterten Flieger ein überzeugter Kriegsgegner, der zudem der Fliegerei abgeschworen hatte. Gustav wurde Bildhauer.

Gefängnis und KZ

Gustavs Bruder Ernst hatte ein völlig anderes Leben. Zwar hatte er bei der Mutter bleiben können, doch sein Leben verlief dennoch unglücklich. Ernst flog von der Schule und entwickelte einen zunehmenden Hass auf die Gesellschaft. Politisch begriff er sich als Anarchist. Mit dem Gesetz geriet Ernst häufiger in Konflikt. Er landete wegen Prügelei, Diebstahls, Einbruchs oder Landstreicherei mehrfach im Zuchthaus.

Als er sich im April 1941 nach einer verbüßten Haftstrafe bei der Polizei in Stuttgart melden muss, erfährt er die rücksichtslose Brutalität des NS-Staates: Ohne begangene Straftat, Prozess oder Urteil wird er in das KZ Flossenbürg gebracht. Das begründete ein Polizist ihm gegenüber mit den menschenverachtenden Worten: „So Asoziale wie dich lassen wir nicht mehr frei rumlaufen. Da gibt es jetzt Extraeinrichtungen.“

Trotz aller Schikanen, Misshandlungen und den katastrophalen Haft- und Arbeitsbedingungen in Steinbrüchen – von den Nazis „Vernichtung durch Arbeit“ genannt – überlebt er den Zweiten Weltkrieg. Im KZ bekommt Ernst einen „schwarzen Winkel“, der ihn als sogenannten „Asozialen“, und dann einen „grünen Winkel“, der ihn als so von den Nazis bezeichneten „Berufsverbrecher“ stigmatisiert. Bis heute sind beide Opfergruppen nicht als Opfer des Faschismus anerkannt.

Der Autor fragte Vater und Onkel oft nach der NS-Zeit. Doch beiden inzwischen verstorbenen Brüdern fiel es schwer, über ihre Erlebnisse zu sprechen. Frank Nonnenmacher setzt sich heute mit einer Initiative dafür ein, dass Menschen wie sein Onkel vom Deutschen Bundestag endlich als Opfer des Faschismus anerkannt werden. Die Schlüsselrolle hierfür sieht Nonnenmacher insbesondere bei Abgeordneten der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, die dem Ausschuss für Kultur und Medien angehören.

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